Jürgen Klopp "Da ist der moralische rote Faden gerissen"

Jürgen Klopp, Trainer von Borussia Dortmund, über Menschenführung, Ultra-Fangruppen und die Ängste von Fußballprofis.

Von Interview: Freddie Röckenhaus

SZ: Herr Klopp, am 10. November hat der Suizid von Nationaltorwart Robert Enke die ganze Nation erschüttert. Wie sind Sie als Trainer mit so diesem Thema umgegangen, wie haben Sie es in Ihrer Mannschaft vermittelt?

Jürgen Klopp: Ich habe meinen Spielern gesagt: Ich bin nicht sicher, wie man damit umgehen soll. Aber fest steht: Depression ist eine Krankheit. Und bis man so schwer krank wird, dass man etwas tut wie Robert, braucht es eine Reihe von Dingen. Viele Spieler fühlten sich Robert viel näher, als es vielleicht den Realitäten entsprach. Der Tod der Tochter der Familie Enke hatte Robert vielen von unseren Spielern sehr, sehr nahe gebracht. Das Thema verschwand dann aber auch relativ bald wieder. Es war eben erst einmal ausgesprochen.

SZ: Arbeiten Sie in Dortmund mit einem Psychologen zusammen?

Klopp: Es war so, dass ich kurz vor dem Tod von Robert Enke nach längerer Suche einen Psychologen gefunden hatte. Ich habe das Engagement dann aber verschoben, als die Nachricht von Robert kam. Ich wollte nicht, dass der Eindruck entsteht, der Psychologe sei eine Reaktion auf den Todesfall. Nun haben wir ihn aber verpflichtet. Ich denke, dass er gezielt nur mit ausgesuchten Spielern arbeiten soll, nicht mit allen. In der Jugendspieler-Akademie arbeiten wir schon mit einem Sportpsychologen. Unsere nächste Generation wird sich dann an diesen Aspekt gewöhnt haben, wenn sie in den Profibereich vordringt.

SZ: Hatten Sie zuvor jemals Spieler in einer so ausweglosen Situation erlebt, in der Robert Enke sich befand?

Klopp: Ich selbst kenne so ein Gefühl einfach nicht. Ich weiß, dass ich als 32- oder 33-jähriger Spieler morgens die Badezimmer-Depression hatte. Aber diese Traurigkeit war dann meist verflogen, wenn ich aus der Dusche raus war. Ich hatte damals die ganz konkreten Probleme des alternden Spielers, der keine Perspektiven sieht. Ich hatte immerhin mein Studium abgeschlossen, aber trotzdem. Ich habe aber hautnah diese Krankheit bei meinem Mannschaftkameraden Guido Erhard erlebt, der sich - ganz ähnlich wie Robert Enke - später das Leben genommen hat. Ich war damals in Mainz Kapitän und habe ihn ein halbes Jahr lang praktisch jeden Tag im Krankenhaus besucht. Es war ein schreckliches Auf und Ab der Gefühle.

SZ: Welche Worte haben Sie nach dem Tod von Enke gewählt?

Klopp: Ich habe gesagt: Robert wird sich ein Leben ohne Fußball nicht haben vorstellen können. Er war wahrscheinlich nie so ein guter Torwart, wie er es von sich selbst erwartet hat. Trotz seiner außerordentlichen Klasse. Er wollte vermutlich nicht behandelt werden, damit niemand etwas von seiner Krankheit erfährt. Er dachte wohl, dass er mit dieser Schwäche nicht mehr weiter Torwart sein könnte. So habe ich es versucht, der Mannschaft zu erklären.

SZ: Ihr Trainerkollege Markus Babbel hat wenig später nach rabiaten Fanprotesten beim VfB Stuttgart gesagt, dass die Fußball-Gemeinde offenbar nichts aus Enkes Tod gelernt habe.

Klopp: Ja, aber ich fand einen anderen Vorfall in Stuttgart viel näher dran an dem Drama um Robert. Als Jens Lehmann dem Fan im Stadion die Brille vom Kopf nahm - eine verrückte Übersprunghandlung -, da wurde er extrem an den Pranger gestellt. Klar sitzt man dann zu Hause im bequemen Sessel und sagt sich: Wie oft will er so etwas noch machen? Aber wie man an Robert Enke gesehen hat: Man treibt Menschen in die völlige Isolation. Man weiß nicht, was daraus entstehen kann. Glücklicherweise hat die Stuttgarter Mannschaft das mit ihrem Teamspirit gut gemacht und Lehmann ein bisschen geschützt.

SZ: Man hat in Stuttgart in Extremform den neuen Einfluss von Fans erlebt. 3000 VfB-Fans haben da zum Beispiel skandiert: Wenn ihr absteigt, bringen wir euch um! Am Ende wurde Markus Babbel entlassen. Wird so etwas auch unter Ihren Spielern zum Thema?

Klopp: Nein, Stuttgart nicht so sehr. Aber es ist ja so, dass das Verhältnis zwischen Fans, Verein und Spielern immer ein irgendwie erzwungenes ist. Der Fan nimmt den Spieler meist nur als temporäre Erscheinung wahr, der hier halt eine Zeit lang seinen Arbeitsplatz hat. Der Fan aber ist meist lebenslang in seinen Verein verliebt. Im Fall Stuttgart muss man sagen: Es hat ja durchaus lange einen Vertrauensvorschuss gegeben. Es gab lange Pro-Babbel-Plakate.

SZ: Alles nicht so schlimm, würden Sie sagen?

Lesen Sie weiter auf Seite 2