Von Jürgen Schmieder

Jürgen Klinsmann hat als Vereinstrainer neue Aufgaben: Er muss einen Kapitän bestimmen, Berichte über transferwillige Akteure lesen und sich Forderungen nach neuen Spielern anhören.

Ein Testspiel, so steht es im Wörterbuch, wird zur Vorbereitung auf ein Turnier oder eine Saison veranstaltet, um die daran teilnehmenden Sportler auf dieses Turnier oder diese Saison einzustimmen. Zudem soll der Trainer Einblick erhalten in die Leistungsfähigkeit seiner Akteure. So gesehen war das Spiel des FC Bayern beim SV Lippstadt kein Testspiel, was vor allem daran liegt, dass die an der Saison teilnehmenden Sportler des FC Bayern nicht an diesem Spiel teilnahmen.

Jürgen Klinsmann

Jürgen Klinsmann allein auf der Bank in Lippstadt. (© Foto: dpa)

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Deniz Yilmaz und Thomas Müller etwa erzielten gemeinsam vier Treffer und sind damit Kandidaten für den Sandro-Wagner-Gedächtnis-Preis. Der durfte in den Vorbereitungsspielen der vergangenen Saison glänzen, um danach vier Bundesliga-Kurzeinsätze zu schaffen. Zwölf EM-Teilnehmer fehlten in Lippstadt, aber sie waren irgendwie doch präsent - und sei es nur über die Medien.

Aus dem Bonusurlaub forderte Stürmer Luca Toni am Sonntag via Interview weitere Verstärkungen zur Verwirklichung der auch international hehren Ziele: "Wir haben eine gute Mannschaft, aber meiner Meinung nach brauchen wir auch neue Spieler. Mal sehen, was Bayern noch bereit ist zu investieren." Dabei hatte Jürgen Klinsmann die Transferaktivitäten für beendet erklärt.

Der Trainer des FC Bayern sieht sich zunehmend in einer neuen Rolle. Er ist nicht mehr der Nationaltrainer Jürgen Klinsmann, sondern der Vereinstrainer Jürgen Klinsmann - und in diesen Tagen erkennt er den Unterschied zwischen den Aufgaben. Bisher präsentierte er sich noch wie der Nationaltrainer, er sprach so, als müsste er erst im kommenden Sommer Rechenschaft ablegen über seine Arbeit.

Es beginnt mit der Auswahl des Kaders und eben der Forderung Luca Tonis, Spieler zu verpflichten. Freilich gab es auch als Trainer der Nationalelf die Möglichkeit, eine Mannschaft zusammenzustellen, der Pool dafür bestand aus etwa 40 Spielern. Es gab Härtefälle und Überraschungen, am Ende sind Auswahl und Möglichkeiten im Vergleich zum Vereinsfußball doch arg begrenzt.

Transferbereite Tribünengäste

Bei einem Verein kann sich Klinsmann - in der Theorie zumindest - aus einem Pool von Hunderten, ja Tausenden Spielern bedienen. Es gibt Starspieler, die man für viel Geld von anderen Vereinen nach München lotsen kann, die Entdeckungen dieser EM kicken in Russland, die Unentdeckten sind über fast die gesamte Welt verstreut. Der Kader des FC Bayern wurde zu einem großen Teil ohne die Mitwirkung von Klinsmann zusammengestellt - der erste Transfer mit ihm in der Verantwortung kann zeigen, ob der Tellerrand, über den er so gerne blickt, größer ist als Kalifornien und Südamerika.

Ein weiteres Problem ergibt sich aus den unzufriedenen Spielern im Kader - die diese Unzufriedenheit derzeit über die Medien kundtun. Lukas Podolski etwa äußerte erneut seinen Unmut über seine Situation und kündigte an, nach seiner Rückkehr aus dem Urlaub das Gespräch mit den Verantwortlichen suchen zu wollen. Je näher der Saisonstart rückt, desto mehr sollte sich eine Formation aus dem Kader schälen. Es wird weitere unzufriedene und deshalb transferbereite Spieler geben. "Dann muss man neu nachdenken", sagt Manager Uli Hoeneß. Mit dieser Situation ist der Trainer Jürgen Klinsmann bisher nicht vertraut.

Die leichteste Aufgabe indes sollte die Ernennung eines Kapitäns sein - und doch ist auch diese Entscheidung ein wichtiger Schritt für den Vereinstrainer Jürgen Klinsmann. Bei der Nationalelf war Michael Ballack der "Capitano", als Nachrücker stand jeweils der Spieler mit den meisten Länderspielen bereit. Beim FC Bayern gibt es mehrere Kandidaten. Mark van Bommel wäre eine nachvollziehbare Wahl, jedoch nur schwer mit dem von Klinsmann propagierten One-Touch-Football kombinierbar - so Klinsmann seinem Kapitän eine Garantie auf einen Platz in der Startelf gibt. Philipp Lahm und Miroslav Klose verfügen zwar über Erfahrung, aber eher über Kapitän-untypische Eigenschaften. Franck Ribéry und Luca Toni tollen lieber in der Allianz-Arena herum, als sich um das Mannschaftsgefüge zu kümmern. Bliebe noch Lucio. Oder Martin Demichelis.

Von Mittwoch an kehren die Nationalspieler aus dem Urlaub zurück. "Dann beginnt die Vorbereitung richtig", sagt Klinsmann. Dann sind Testspiele wieder Testspiele. Leichter wird die Aufgabe für den Vereinstrainer Klinsmann dadurch nicht.

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(sueddeutsche.de/mb)