Juan Martín del Potro Fragile Knochen im Handgelenk

Juan Martín del Potro und Roger Federer spielen ein Finale auf Augenhöhe in Indian Wells.

(Foto: AFP)
  • In Juan Martín del Potro ist Roger Federer ein Konkurrent erwachsen, der ihn im Herbst seiner Karriere zu weiteren Glanzleistungen treibt.
  • Nach dem Finalduell von Indian Wells fragt man sich, was der Argentinier in seiner Karriere ohne Verletzungspech hätte erreichen können.
Von Jürgen Schmieder, Indian Wells

Es grenzt an ein Wunder, dass Roger Federer angesichts des Todesblicks von Juan Martín del Potro nicht sogleich zu Staub zerfallen ist. Er hatte das Spielgerät am Hintern des Argentiniers platziert und sich so im dritten Satz des Finales beim Tennisturnier von Indian Wells einen Matchball erspielt. Die voll durchgezogene Rückhand auf einen nur wenige Meter entfernten Gegner ist ein völlig legitimes Stilmittel beim Tennis und verspricht die höchste Wahrscheinlichkeit auf einen Punktgewinn, und doch war der böse Blick von del Potro auch ein fragender: Echt jetzt, Roger? Musste das wirklich sein?

Federer zerfiel danach tatsächlich zu Staub, sportlich zumindest. Er vergab die Möglichkeit zum Turniersieg und schaffte auch danach kaum noch Punkte. Nach 17 Siegen zum Start dieser Saison verlor er am Sonntagnachmittag 4:6, 7:6 (8), 6:7 (2). Es war ein hochklassiges und dramatisches Duell mit zahlreichen Momenten zum Zungeschnalzen, Federer redete danach wie ein Revolverheld, der beim Duell in der Mittagssonne angeschossen worden ist und sich dennoch auf die nächste Schießerei vor dem Saloon freut: "Es war hart, es war intensiv. Er waren nur Juan und ich, es war ein großartiges Match. Wir beide wissen solche Partien zu schätzen."

Del Potro verblüffte seinen Gegner

Es ist ja tatsächlich ein wenig einsam geworden für den Sheriff Federer in dieser Westernstadt des Männertennis. Der ewige Rivale Rafael Nadal hört nun häufiger auf seinen Körper und plant - wie Federer auch - seine Auftritte sorgsamer. Der andere Rivale Novak Djokovic: auf der Suche nach Form und Gesundheit und irgendwie auch sich selbst. Andy Murray, Stan Wawrinka: noch immer verletzt. Die jungen Alexander Zverev, Dominic Thiem und Grigor Dimitrov: noch nicht so weit und womöglich doch nicht so schrecklich talentiert, wie viele Beobachter und auch sie selbst immer denken.

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Am Sonntag spielte Federer auf einem Niveau, das einer nur erreichen kann, wenn ihn ein anderer dorthin treibt. Del Potro präsentierte nicht nur seine waffenscheinpflichtige Aufschlag-Vorhand-Kombination, er verblüffte seinen Gegner mit präzisem Rückhand-Slice, überraschenden Stoppbällen und einer für diese baumähnliche Statur außerordentlichen Beweglichkeit. Vor allem aber: Del Potro war am Ende der Gelassenere und Selbstbewusstere, der den genervteren und nervösen Federer im Tie-Break des dritten Durchgangs regelrecht vom Platz prügelte.

Wer dieses Finale gesehen hat, der konnte erst Minuten danach den Mund wieder schließen, vielleicht seufzte er dann mitleidig, weil die Partie eine Erinnerung daran war, was hätte sein können. Del Potro hatte 2009 die US Open gewonnen, es war eine Fünf-Satz-Schlacht gegen Federer, der damals 20 Jahre alte del Potro galt als womöglich ebenbürtiger Rivale für die damals dominierenden großen Vier (Federer, Nadal, Djokovic, Murray), die bis auf die Del-Potro-Ausnahme von den French Open 2005 bis zu den US Open 2013 sämtliche Grand-Slam-Titel gewannen.

Del Potro allerdings musste am Handgelenk operiert werden, immer wieder. Er kam stets zurück, jeweils mit veränderter Spielweise, feinerer Technik und neuer Beweglichkeit, er errang in London und Rio olympische Medaillen und führte Argentinien vor zwei Jahren zum Davis-Cup-Sieg. Ein weiteres Grand-Slam-Turnier hat er allerdings nicht mehr gewonnen. Und eine Veranstaltung der Masters-Serie (1000er ATP-Kategorie), die nach den vier Grand Slams kommen, gewann er auch nie - bis zum Sonntag.