Joshua Kimmich Joshua Kimmich ist das Männlein des Abends

Bayern-Trainer Pep Guardiola (r.) geht direkt nach der Partie ins sehr emotionale Einzelgespräch mit Joshua Kimmich (2.v.l.).

(Foto: Wolfgang Rattay/Reuters)

"Joshua hat alles", sagt Pep Guardiola über seinen jungen Verteidiger, der 91 Minuten konzentriert bleibt. Von Kimmich wird letztlich auch abhängen, wie weit der FC Bayern in der Champions League kommt.

Von Christof Kneer, Dortmund

Lippenleser ist ein weithin unterschätzter Beruf. Man hätte dringend einen gebraucht am Samstagabend, aber am besten einen, der nebenbei noch einige Fremdsprachen beherrscht sowie ein paar Abendkurse in Kauderwelsch belegt hat. Denn das war ja die große Frage nach diesem 0:0 zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern: Was hatte Pep Guardiola nur Joshua Kimmich gesagt?

Was hatte er gebrüllt, was hatte er geflüstert? Das Spiel war gut, eine Halbzeit lang vielleicht sogar herausragend, aber das war alles nichts gegen das kurze, kompakte Schauspiel zum Schluss. Pep Guardiola, wie er mit grenznormalem Blick Joshua Kimmich anstiert, wie er ihn schüttelt, wie er gestikuliert und wie er ihn später in die Arme schließt.

"Ich liebe diesen Jungen"

"Ich liebe diesen Jungen", das sagte er später, als er Kimmich losgelassen hatte und vor den Fernseh-Kameras stand, und mit diesem seltsamen Trotz, den er sich in seinen letzten Monaten in München offenbar angewöhnt hat, fügte er an: "Ich gebe Journalisten einen Ratschlag: Man darf nicht mehr sagen, er kann nicht Verteidiger spielen." Da hat er Recht, die Frage ist nur: Hatte das jemand behauptet?

Joshua Kimmich, 21, kam im vergangenen Sommer als junger Mittelfeldspieler zum FC Bayern, und jetzt, einige verletzte Verteidiger später, ist er plötzlich ein junger Abwehrspieler, Kimmich spielte exzellent, aber das allein war es nicht, was diesen schmalen jungen Burschen zum Männlein des Abends machte. Als Abwehrspieler stand er auch stellvertretend für dieses Spiel, in dem zwei Mannschaften hochklassig nach vorne spielten und dennoch keine einzige Sekunde den Respekt vor dem Gegner vergaßen. "Es war das beste Spiel, das ich in dieser Saison gesehen habe", sagte Bundestrainer Joachim Löw zur Halbzeit, er lobte "das irre Tempo", "die unglaubliche Geschwindigkeit und das überragende technische Niveau". Und mittendrin: Joshua Kimmich.

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Womöglich taugt der junge Schwabe bald als Spitzenspieler

Er liebe das Arbeiten mit Kimmich, sagte Guardiola später, "Joshua hat Herz, er hat Leidenschaft, er hat absolut alles". Der FC Bayern darf sich ja seit geraumer Zeit den Vorwurf anhören, er entwickle keine jungen Spieler mehr, es kämen keine Lahms mehr von unten, keine Müllers und Badstubers; zwar wird es auch Pep Guardiola nicht mehr hinbekommen, dass Kimmich als echtes Bayern-Gewächs durchgeht, der junge Schwabe hat erst die seriöse Ausbildung beim VfB Stuttgart genossen und dann eine etwas verschärftere Ausbildung bei RB Leipzig, dem Klub des etwas älteren Schwaben Ralf Rangnick.

Aber Guardiola könnte der Trainer sein, der Kimmich in dem einen gemeinsamen Jahr taktisch so beeinflusst hat, dass er womöglich bald zum stabilen Bayern-Spitzenspieler taugt. "Mit diesem Spieler kannst du gehen wherever you want", sagte Guardiola und formulierte noch "ein Kompliment an den Verein und an Michael Reschke, der diesen Spieler verpflichtet hat". Reschke, Bayerns Kaderplaner, hat sich früh in diesen Kimmich verguckt und ihn seinem Cheftrainer wärmstens ans Herz gelegt.

Bald entscheiden Carlo Ancelotti und Joachim Löw

Beim Champions-League-Spiel in Turin hatte Kimmich eine ebenfalls recht imposante Leistung auf der ungewohnten Verteidigerposition noch mit ein, zwei Wacklern am Ende ramponiert, diesmal blieb er konzentriert bis zur 91. Minute. Kimmich, vor der Saison als begabte Kader-Ergänzung für die hinteren Rängen eingeplant, könnte nun plötzlich einer jeder Spieler werden, die über den Erfolg von Guardiolas letzter Saison entscheiden. Es wird in Abwesenheit der anderen Innenverteidiger auch von ihm abhängen, wie weit Bayerns Weg in der Champions League noch führt.

Was das alles für die nächste Saison bedeutet? Kimmich ist ja eigentlich ein Sechser, er spielt dort, wo Xabi Alonso spielt und Arturo Vidal und gerne auch Javi Martinez oder Philipp Lahm. Der neue Trainer Carlo Ancelotti wird entscheiden müssen, was er mit diesem Burschen vorhat, und auch Joachim Löw wird sich nochmal ein paar Gedanken machen. Auch er sucht für die anstehende Europameisterschaft durchaus noch nach stabilen Defensivspielern.

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Quelle: Opta Sportdaten

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