Fußball-WM Der Berg vor Joachim Löw

  • Joachim Löw wirkt wie so oft vor großen Turnieren etwas angespannt - aber das muss zum WM-Start in Russland nichts Schlechtes heißen.
  • Der Bundestrainer vertraut auf seine Gruppe an Nationalspielern, deren Stärken er genau einzuschätzen weiß.
  • Für die Fähigkeit, sich im richtigen Moment zu konzentrieren, sind die Deutschen berühmt.
Von Christof Kneer

Der Tag, der den Bundestrainer Joachim Löw verändert hat, war der 28. Juni 2012. Man muss noch mal so weit zurückgehen, um jenen Mann zu verstehen, der nun knapp sechs Jahre später in ein Flugzeug geklettert ist, das ihn und seine Mannschaft zur WM nach Russland hinüber geflogen hat. Am Abend dieses 28. Juni 2012 war sehr vieles wahrscheinlich, nur nicht, dass Löw sechs Jahre später immer noch Bundestrainer sein würde. Löw hatte damals das EM-Halbfinale gegen Italien (1:2) vercoacht, wie das in der Fachsprache so erbarmungslos heißt, er hatte eine Aufstellung gewählt, die ein verrücktes Aroma verströmte.

Löws Deutschland war völlig unlogisch, es machte sich mit dieser Aufstellung viel zu klein und viel zu groß. Zu klein machte sich Löws Deutschland, weil sich die Aufstellung nur nach den Italienern richtete und dabei die eigenen Stärken opferte. Zu groß machte sich Löws Deutschland, weil es trotzdem einfach mal davon ausging, das Finale zu erreichen. Löw nahm Miroslav Klose, Thomas Müller und Marco Reus aus der Mannschaft, um sie für ein Finale zu schonen, das es nie geben sollte. Schon gar nicht hätte jemand damals gedacht, dass Löw sechs Jahre später als Weltmeistertrainer in ein Flugzeug steigen würde.

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Eines der letzten Bilder, die Löw nun vor dem Abflug nach Russland hinterlassen hat, besitzt das Potenzial, der Nation Sorgen zu machen. Er mache sich keine Sorgen, sagte Löw zwar nach dem klapperdürren 2:1 gegen Saudi-Arabien, aber sein Gesicht sagte etwas anderes. Löw sah etwas bewölkt aus, er wirkte angespannt und war es auch.

Das Publikum im Weltmeisterland hatte den Spieler Ilkay Gündogan ausgepfiffen, und die Mannschaft war zu diesem Spiel zwar vollzählig angetreten, aber ein paar Spieler hatten ihre Körper in der Kabine vergessen. Löw mag das nicht. Er mag es nicht, wenn man einen Gipfel vor sich sieht und aus der Entfernung des Gipfels ableitet, dass man ruhig noch ein bisschen ohne Körperspannung durch die Gegend latschen kann. Vor 15 Jahren war Löw mal auf dem Kilimandscharo, noch heute erzählt er beeindruckt von den Grenzerfahrungen da oben, er denkt immer noch gerne in Berg-Kategorien.

Er ist zum Beispiel der festen Überzeugung, dass man, um erfolgreich oben anzukommen, die Körperspannung schon unten in der Ebene braucht. Gegen Saudi-Arabien zum Beispiel, ein paar Tage vor dem Abflug zu einer WM.

Löws Anspannung muss kein schlechtes Zeichen sein

Es steht jetzt also wieder ein Berg vor Joachim Löw und seiner Mannschaft, ein bisschen unheimlich schaut der Berg aus, auf keinen Fall so romantisch wie vor vier Jahren. Der Berg war damals die WM in Brasilien, der Aufstieg war anstrengend und verlief nicht ohne Konflikte, aber Löws Seilschaft hatte immer das heilige Ziel im Blick: das mythische Maracanã-Stadion in Rio. Diesmal heißt das Ziel Luschniki-Stadion, vor dem Stadion steht eine Lenin-Statue. Der Antrieb wird diesmal eher nicht von außen kommen.

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Löw, 58, startet nun in sein sechstes Turnier als allein verantwortlicher Bundestrainer, und die stärkste Erfahrung in all den Jahren war diese: Es kann nur gut gehen, wenn die Gruppe mit gesundem Geist und gestrafften Körpern losmarschiert. Und Löw hat eben auch gelernt, dass man keine Aufstellung anfertigen sollte, mit der man sich zu klein und zu groß macht. Der 28. Juni 2012 - siehe oben - war nachträglich gesehen genau der Tag, an dem Löw begann, ein Turniercoach zu werden. Zwei Jahre später, bei der WM in Brasilien, überraschte er mit sehr pragmatischen, überhaupt nicht mehr verkopften Aufstellungen. Er wollte niemandem mehr etwas beweisen. Er bewies es einfach.

Es sei "nicht ungewöhnlich", wenn Löw vor einem Turnier angespannt wirke, sagt Hansi Flick, der von 2006 bis 2014 sein Assistenztrainer war, "wirklich ruhig war Jogi vor Turnieren nie, auch wenn er nach außen immer so wirkte". Diese Art von produktiver Unruhe gehört zwingend zu jeder Vorbereitung, aber Flick hat oft erlebt, wie der Bundestrainer immer ruhiger wurde, je mehr er das Gefühl bekam, dass die Mannschaft den jeweiligen Lernstoff intus hat.

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So hat Löw 2010, ebenfalls im Trainingslager in Südtirol, offenbar schnell gemerkt, dass das ein cooles Turnier werden könnte da unten in Südafrika, "er hat gesagt: toll, das geht im Training aber schnell in die richtige Richtung", erinnert sich Flick. Auch 2014 sei Löw mit erheblichem Optimismus ins Flugzeug nach Brasilien gestiegen. Ist das also ein schlechtes Zeichen für die Titelverteidigung in Russland, wenn der Bundestrainer nun eher so mittelgelaunt rüber fliegt in das umstrittene Land?