Joachim Löw bei der Fußball-WM Alle feiern Klose, keiner Löw

Joachim Löw: Still im Spektakel

(Foto: dpa)

Innere Einkehr statt Extravaganz: Das Spektakel gegen Brasilien verfolgt Joachim Löw mit stiller Aufmerksamkeit auf einem Mauervorsprung. Das Publikum hat immer noch Vorbehalte gegen diesen Bundestrainer, die tief sitzen. Es ist die Angst vor einem weiteren Schönheitspreis.

Ein Kommentar von Philipp Selldorf, Santo André

Franz Beckenbauer trug auch schon vor 24 Jahren den Titel des Kaisers, aber als er nach dem gewonnenen WM-Finale auf dem Rasen des römischen Olympiastadions vor sich hin wandelte wie ein Mönch bei der inneren Einkehr, verewigte er sich auch als spirituelle Instanz des Fußballs. Die Bilder aus Rom haben ihren Platz in der Ikonographie der Deutschen, sie werden immer verbunden bleiben mit dem dritten und vorläufig letzten deutschen WM-Titelgewinn und jener unvergesslichen "Notte Italiana", in der Andreas Brehme mit einem Präzisionsstrafstoß den 1:0-Sieg gegen Argentinien sicherte.

Welche Bilder aber bleiben von Joachim Löw aus der Nacht von Belo Horizonte, die zwar keinen Titel eingebracht hat, die aber ebenfalls unvergesslich bleiben wird?

Von diesem Trainer sind keine allzu spannenden Bilder entstanden. Das Spiel, in dem seine Elf vom fünfmaligen Weltmeister Brasilien nicht viel mehr übrig ließ als Tränen und Elend, verfolgte er mit der ihm eigenen stillen Aufmerksamkeit. Die einzige Extravaganz bestand darin, dass er sich auf einen Mauervorsprung gesetzt hatte, statt seinen Bankplatz einzunehmen. Wenn es gut läuft, dann pflegt sich Löw zurückzuziehen. Seine Kritiker werfen ihm allerdings vor, dass er das auch dann tut, wenn es nicht so gut läuft.

Miros Gier

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Kritiker? Welche Kritiker? Hat es denn tatsächlich jemanden gegeben, der gezweifelt hat an jenem Bundestrainer Löw, der nun den höchsten Halbfinalsieg der WM-Geschichte in seinem Verdienstverzeichnis führt? Vermutlich wird es auch jetzt noch eine Menge Leute geben, die behaupten, die Mannschaft habe nicht wegen, sondern trotz Löw diesen außergewöhnlichen Sieg davongetragen.

Löw hat viel Gutes geleistet

Im Stadion von Belo Horizonte haben die deutschen Fans nicht nur lustige Spottlieder gesungen ("Ihr seid nur ein Karnevalsverein"), sondern auch Khedira, Klose und Neuer gefeiert. Löw feierten sie nicht. Warum eigentlich, da er doch als verantwortlicher Trainer seit 2006 dafür sorgt, dass die Fans bei den großen Turnieren stets bis zum Schluss von Stadion zu Stadion tingeln dürfen?

Wäre das DFB-Team vor ein paar Tagen im Viertelfinale an Frankreich gescheitert, dann hätte Löw sein Mandat als Bundestrainer wahrscheinlich zurückgegeben. Und falls er es nicht freiwillig getan hätte (sein Vertrag gilt bis 2016), dann hätte die sogenannte öffentliche Meinung das Rücktrittsgesuch formuliert, und zwar in imperativem Tonfall.

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Löw hat in all den Jahren viel Gutes geleistet mit den Nationalteams, die er im Wandel der Spielergenerationen betreut hat. Die allermeisten Spieler vertrauen ihm, sie schätzen seinen sachlichen, ruhigen Stil und seine menschliche Art. Warum sich im Publikum trotzdem solche Vorbehalte gegen den Bundestrainer gebildet haben? Unter anderem deshalb, weil die Leute allmählich Angst bekamen, dass Löws Teams nur Schönheitspreise, aber keinen Titel gewinnen. In Rio kann sein Team diese These nun widerlegen. Gesten der Genugtuung wird es vom feinsinnigen Herrn Löw aber nicht geben - eher ein Bild der inneren Einkehr.