Von Christof Kneer

Nationaltorhüter Jens Lehmann will trotz seiner Reservistenrolle beim FC Arsenal bleiben und macht eine überraschende Rechnung auf.

Für Andreas Köpke wird es langsam gefährlich. Er hat 59 Länderspiele für den DFB bestritten, und immerhin wird er sich sein Leben lang an dem Gedanken wärmen können, dass er seinen Vorgänger Bodo Illgner verdientermaßen um fünf Länderspiele distanziert hat. Allerdings ist ihm inzwischen ein anderer Torwart nahe gekommen: Jens Lehmann wird am Samstag gegen Zypern zum 50. Mal das DFB-Tor bewachen, das ist schön viel für einen, der das Pech hatte, in die Ära des unbezwingbaren Oliver Kahn hineingeboren zu sein. "Diese Zahl überrascht mich fast selbst ein bisschen", sagte Lehmann am Freitag, "damit habe ich kaum gerechnet."

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Womit Lehmann rechnet oder auch nicht, das ist zurzeit eine entscheidende Frage. Er rechnet einerseits damit, bald wieder ins Tor seines FC Arsenal zu rücken, aber es ist dies eine Rechnung, die er ohne den Wenger gemacht hat. Sein eigener Trainer ist die große Unbekannte in Lehmanns Gleichung - Arsene Wenger setzt seit dem 18. August auf einen Torwart, der noch kein Länderspiel für Spanien gemacht hat und vermutlich nicht einmal Bodo Illgner gefährlich werden könnte. Manuel Almunia ist eine eher kleine Unbekannte, aber im Moment ist er groß genug, um Lehmann den Weg ins Tor zu verstellen. "Es geht doch nur um die Kernfrage: Ist der Torwart, der spielt, besser als ich?", fragte Lehmann und hängte sicherheitshalber eine zweite Kernfrage an: "Und wenn nicht, warum spiel' ich dann nicht?"

Spielpraxis ist Ansichtssache

Diese Frage kann nur der große Unbekannte klären, und so behilft sich Lehmann einstweilen mit einer Rechnung, deren Logik er selbst bestimmen kann. "Meinen Fall kann man vergleichen mit Spielern, die verletzt sind, wie Michael Ballack oder Torsten Frings", kombinierte er also kühn, "die werden im neuen Jahr auch wieder spielen, und bei mir ist es doch ähnlich: Aufgrund der vielen Pokalspiele kann man in England im Dezember und Januar auf sieben, acht Spiele kommen, das wäre dann schon fast die Hälfte einer Bundesliga-Hinrunde." Rechne man die bereits bestrittenen und die noch folgenden Länderspiele hinzu, "hätte ich am Ende der Saison fast 20 Spiele gemacht, und das ist gar nicht so schlecht".

Wenn man ihn recht verstanden hat, dann hat Lehmann am Freitag eine Formel erfunden, für die ihn Reservisten in aller Welt lieben werden: Er hat an mangelnder Spielpraxis so lange herumgerechnet, bis Spielpraxis herauskommt.

Diese spektakuläre Rechnung hat die Debatte um den besten Ersatztorwart der Welt am Freitag in eine neue Richtung gelenkt: Bisher war eher davon auszugehen, dass Lehmann im Falle weiterer Missachtung durch den großen Unbekannten im Januar den Verein wechselt. Auch Bundestorwarttrainer Köpke hat am Freitag noch mal gemahnt, "dass Spielpraxis nötig ist, um bei der EM Topleistung zu bringen". Man könne nicht sagen, "ich mach' jetzt im Mai noch zwei Testspiele, dann wird das schon". Zwar hat Lehmann inzwischen laut eigener Aussage "schon ein paar Anrufe" von interessierten Klubs bekommen - es könne aber sein, "dass ich, selbst wenn ich nicht spiele, die ganze Zeit bei Arsenal bleibe".

Er habe "eine Verantwortung der Familie gegenüber", er wolle seine Kinder nicht "für ein paar Monate woandershin verfrachten". Lehmann würde also am liebsten in London bleiben, trotz des Nicht-Verhältnisses mit Arsene Wenger. "Ich wäre gerne drin in seiner Gedankenwelt", äußerte Lehmann erneut sein Unverständnis für des Trainers Entscheidung und fügte scharf an: "Ich erwarte, dass man mit einem Spieler, der für jemanden schon Titel gewonnen hat, transparenter umgeht."

Aber das Gute ist ja jetzt, dass Jens Lehmann nach seinen neuesten Berechnungen auf jeden Fall mit Spielpraxis zur EM fährt, selbst wenn er gar keine Spielpraxis hat. Allerdings hat auch diese Rechnung eine Unbekannte: Von dieser Rechnung muss er erst noch Joachim Löw überzeugen.

Voraussichtliche Mannschaftsaufstellungen:

Deutschland: Lehmann (FC Arsenal/38 Jahre/49 Länderspiele) - A.Friedrich (Hertha BSC Berlin/28/ 54), Metzelder(Real Madrid/27/37), Mertesacker (Werder Bremen/23/37), Lahm (Bayern München/24/35) - Fritz (Werder Bremen/ 26/9), Hitzlsperger (VfB Stuttgart/25/28), Trochowski (Hamburger SV/23/ 9) - Podolski (Bayern München/22/42), Klose (Bayern München/29/70), Gomez (VfB Stuttgart/22/5).

Zypern: Georgallidis (Omonia Nikosia/25/17) - Theodotou (Omonia Nikosia/33/70), Okkaridis (Apollon Limassol/30/27), Christou (AEK Lanarka/23/7), Charalambous (PAOK Saloniki/27/29) - Michail (Apoel Nikosia/30/46), Satsias (Apoel Nikosia/29/39), Nikolaou (Panionios Athen/24/5), Aloneftis (Energie Cottbus/ 24/24) - Okkas (Celta de Vigo/30/82), Constantinou (Olympiakos Piräus/29/57).

Schiedsrichter: Rasmussen (Dänemark)

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(SZ vom 17.11.2007/lsp)