SZ: Aus Hoffenheim ist immer zu hören, dass man sich am FC Arsenal orientiere. Ist das vermessen?
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Lehmann: Nein, warum? Da haben sich die Hoffenheimer schon das richtige Vorbild ausgesucht. Ich habe mir in England häufig überlegt: Welcher Spieler der Mannschaft A würde in der Mannschaft B auch mitspielen können? Und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es selbst bei den englischen Spitzenklubs nicht viele Profis gibt, die bei Arsenal spielen könnten. Arsenal-Spieler müssen technisch herausragend sein, das ist die Politik von Arsène Wenger. Wenn neue Spieler zum FC Arsenal kamen, selbst Supertechniker wie Hleb oder Rosicky, dann haben sie mindestens ein halbes Jahr gebraucht, um im Training überhaupt mithalten zu können. Der Alex Hleb hat nach einem halben Jahr zu mir gesagt: Jens, ich schaff das nicht, ich will hier wieder weg.
SZ: Was haben Sie geantwortet?
Lehmann: Halt durch, Alex, woanders hingehen kannst du später immer noch. Und man sieht ja: Wer es schafft, ist hinterher ein anderer, ein besserer Spieler.
SZ: Sehen Sie etwas Arsenalhaftes bei Hoffenheim?
Lehmann: Ich erkenne durchaus das eine oder andere wieder. Zum Beispiel haben sie in Hoffenheim auch eine niedrige Altersstruktur. Bei Arsenal ist es ja so, dass ein Spieler, der es mit 21 oder 22 noch nicht in die Nähe der ersten Elf gebracht hat, sofort verkauft wird. Es heißt dann: Der schafft das nicht mehr. Mit jungen Spielern kann man dann eben auch so schnell spielen wie die Hoffenheimer. Natürlich müssen sie noch vieles verbessern, wie das Spiel gegen Bayern gezeigt hat, aber der grundsätzliche Weg ist nach meinen Erfahrungen völlig richtig.
SZ: Und das entsprechende Geld ist auch vorhanden.
Lehmann: Ich denke, man tut Hoffenheim unrecht, wenn man sie nur auf das Geld reduziert. Die Spieler waren weitestgehend nicht teuer. Was ich gerade bei Arsenal gesagt habe, das scheint auch bei Hoffenheim der Fall zu sein: Es ist offenbar ein gewisses Know-How vorhanden.
SZ: Hoffenheim war die positive Überraschung der Vorrunde. Wie haben Sie als internationaler Experte die Bundesliga-Vorrunde insgesamt erlebt?
Lehmann: Ich bin wahrscheinlich deshalb ein eher kritischer Experte, weil ich das Glück hatte, ausgerechnet bei Arsenal spielen zu dürfen, wo Arsène Wenger schon im Training Wert darauf legt, dass wir immer die offensive Lösung finden. Umso mehr fällt mir jetzt eben auf, dass in der Bundesliga nach wie vor viel Wert darauf gelegt wird, dass man richtig verteidigt, beziehungsweise: gegen den Ball spielt, wie das hier so schön heißt. Aber es gibt wenig Lösungen nach vorne.
SZ: Dabei ist die Bundesliga so stolz auf ihre schöne Torflut.
Lehmann: Es wurde offensiv gespielt, das ist erfreulich. Aber ich war schon überrascht, wie viele Bundesliga-Mannschaften kein verlässliches Spiel haben.
SZ: Was meinen Sie damit?
Lehmann: Als Torwart hat man einen speziellen Blick auf die Dinge, und mir ist aufgefallen, dass ich hier ein Spiel ganz anders verfolge als in England. In England wusste ich: So, jetzt greifen wir an, jetzt habe ich mal ein paar Momente Ruhe. Das Schema war klarer: Wenn der Fabregas an dieser oder jener Stelle den Ball bekommt, dann spielt er ihn da oder dort hin. Die Spielzüge waren automatisiert. In der Bundesliga dagegen passieren manchmal Dinge, mit denen man nicht rechnet. Ich stehe hinten drin und denke: So, jetzt spielt er einen Pass da rüber - aber der spielt den Pass dann gar nicht da rüber. Auf einmal verliert der Spieler den Ball, und zack, geht das Spiel in die andere Richtung. Das Passspiel in Deutschland ist weniger verlässlich, das Spiel generell weniger automatisiert.
SZ: Woran könnte das liegen?
Lehmann: Matthias Sammer hat früher mal gesagt: Die Deutschen haben keine Ahnung von Taktik. Vielleicht ist da immer noch was dran.
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