Von Andreas Burkert

Das Jahr 2006 bedeutet für den unter Dopingverdacht stehenden Radprofi den Absturz.

Dieses Lied muss ihm gefallen, und er darf ja fast annehmen, Xavier Naidoo habe es exklusiv für ihn geschrieben.

Undurchsichtig: Der Weg des Jan Ullrich

Undurchsichtig: Der Weg des Jan Ullrich. (© Foto: AP)

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,,Dieser Weg wird kein leichter sein/Dieser Weg wird steinig und schwer'', singt Naidoo. Das Lied hat auch die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gerne während der WM gehört und sich inspirieren lassen von seinem Text. Es läuft jetzt immer noch oft im Radio.

Naidoo hat ,,Dieser Weg'' auch auf Jan Ullrichs Hochzeit im September gesungen. Es ist wohl überhaupt ein sehr schönes Fest gewesen; die Fotos, die Ullrich der Gesellschaftspresse weiterreichte, zeigten ihn und seine Gattin im pittoresken Alpenpanorama Österreichs. Die Trauung sei ,,mein größter Sieg'' gewesen, ließ sich der Radprofi später von der Gesellschaftspresse vernehmen.

Jan Ullrich, 33, rufe Xavier Naidoo häufiger an, erzählt man sich heute im Peloton. Wenn es ihm besonders gut gehe.

Ein einziges Mal wurde Jan Ullrich, 33, also selig lächelnd auf einem Berggipfel gesichtet in diesem Jahr. Es ist ein sehr privates Hoch gewesen. Der öffentliche Berufssportler Ullrich erlebte dagegen 2006 einen fürchterlichen Absturz. Das T-Mobile Team hat ihn suspendiert, er ist noch ohne Job. Die Organisatoren der Tour de France verbaten sich im Juli seinen Start. Das Heimatfernsehen, das ihn, wie dieses Jahr herauskam, stets mit einem persönlichen Vertrag alimentierte, möchte ungern Rennen mit ihm übertragen. Und Profiteams wie Rennveranstalter haben ihn zur unerwünschten Person erklärt.

Auch die innige Zuneigung seiner Landsleute, deren ,,Sportler des Jahres'' er noch vor drei Jahren gewesen ist, wich einem distanzierten Verhältnis. Insofern muss sich Jan Ullrich sehr gefreut haben über den vorläufigen Höhepunkt des rührigen Resozialisierungs-Programms der Bild-Zeitung; sie schenkte ihm Weihnachten eine weiße Weste. Nicht, weil er unschuldig sei. Sondern weil ihm wohl kein Verfahren drohe. Jan Ullrich ließ sich mit einer weißen Weste fotografieren, neben dem Weihnachtsbaum. Seine Mutter trauerte dennoch, ,,Deutschland will ihn nicht mehr'', sagte sie Bild.

Er hält einfach still

,,Manche treten dich/Manche lieben dich / Manche geben sich für dich auf'', singt Xavier Naidoo in ,,Dieser Weg''.

Es geht im Winter 2006 nicht mehr überall um die Frage, ob und wie tief Ullrich in den spanischen Dopingskandal um den früheren Frauenarzt Eufemiano Fuentes verstrickt ist. Sondern darum, ob er 2007 wieder Rad fährt. Für Ullrich ist das ein kleiner Erfolg. Er hält einfach still, wie früher im Sattel, wenn ihm der hochgezüchtete Rekordsieger Lance Armstrong davonfuhr. Ullrich sitzt die Angelegenheit aus, wie einst der Rekordkanzler Helmut Kohl unangenehme Dinge. Und Naidoo singt dazu: ,,Setz' dein Segel nicht, wenn der Wind das Meer aufbraust.''

Wenige stellen noch Fragen, sie warten auch nicht mehr auf Antworten von Jan Ullrich. Bild hat während der Tour 2006 täglich drei Fragen an Ullrich abgedruckt, eine lautete, weshalb er partout keinen DNA-Test mache. Er würde ihn doch spielend entlasten, sofern Ullrich sich nichts vorzuwerfen hätte in der Affäre um Blutdoping und sonstigen Sportbetrug. Aber Ullrich macht ihn nicht. ,,Menschenunwürdig'' sei so ein Test, sagt er. Jan Ullrich hat sich stattdessen Anwälte genommen. Das ist sein Weg.

Zunächst nahmen sich Hamburger Advokaten seiner Sache an. Im November hieß es dann, der Anwalt Peter-Michael Diestel erweitere ab sofort Ullrichs ,,Beraterteam''. Der frühere DDR-Innenminister kennt sich ganz gut aus mit Dopingverdächtigen, ein Mandant war jüngst der Leichtathletiktrainer Thomas Springstein. Er wurde wegen Dopings Minderjähriger verurteilt.

Ganz zu Beginn nahm Jan Ullrich die ganze Sache nicht sonderlich ernst. Vorwürfe hat der Olympiasieger, Weltmeister und Toursieger von 1997 ja schon einige vernommen während seiner Karriere. Als im Mai die ersten Meldungen aus Spanien zu ihm drangen, befand er sich gerade beim Giro d'Italia. Ullrich kämpfte dort um seine Tour-Form, wie in all den Jahren, und sein unerwarteter Start in Italien nach den anspruchsvollen Rundfahrten durch die Romandie und die Schweiz galt seinen Begleitern als Zeichen eines besonderen Ehrgeizes.

Doch in der dritten Giro-Woche fällt plötzlich auch Ullrichs Name im Zusammenhang mit dem Skandal um Fuentes, bei dem während einer Razzia in Madrid 185 Blutbeutel, 39 Plasmabeutel und die überdimensionierte Hausapotheke eines Menschenbeschleunigers gefunden werden. Inzwischen sind einige Blutkonserven im Rahmen des Verfahrens gegen Fuentes untersucht; sie enthielten Epo.

Gegen Jan Ullrich wird in Spanien bisher nicht ermittelt. Das ist rechtlich gar nicht möglich, er ist vorerst Zeuge und wird demnächst (an seinem Wohnort) vernommen. Der für Ullrich zuständige Schweizer Verband ringt momentan noch mit sich, ein Sportverfahren gegen den Deutschen zu eröffnen. Er wartet weiterhin auf Amtshilfe spanischer und deutscher Justizbehörden. Vor einem spektakulären Indizienprozess haben die Schweizer zumindest Respekt, wenn auch keine Furcht; andere Verbände haben kapituliert, der gleichfalls schwer beschuldigte Giro-Sieger Ivan Basso darf zum Beispiel behaupten, dass gegen ihn nicht ermittelt werde. Der italienische Verband hat wohl zu viel Respekt.

Die Beweise gegen Ullrich wirken erdrückend. Es gibt keine positive Dopingprobe von ihm, das nicht. Eine solche gab es im Mai 2002, als dem damaligen Rekonvaleszenten Ullrich im Blut Aufputschmittel nachgewiesen worden waren; er wurde sechs Monate gesperrt. Diesmal stützt sich der dringende Verdacht auf Ermittlungsergebnisse spanischer Beamte (die zuvor den früheren Manager des aufgelösten Liberty-Rennstalls, Manolo Saiz, beim Blutkauf im Wert von 60000 Euro festgenommen hatten). Auf einigen Blutkonserven aus Fuentes' Kühlfächern fand sich die Aufschrift ,,JAN''.

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