Jahreshauptversammlung des FC Bayern Der grandiose Selbstbetrug des Uli Hoeneß

Hoeneß weint

Nach anerkennenden Worten von Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge bricht Hoeneß in Tränen aus. Dann äußert sich der wegen seiner Steueraffäre angeklagte Präsident des FC Bayern und kündigt an, ewig für den Verein arbeiten zu wollen. mehr...

Uli Hoeneß wartet nicht ab, wie das Gericht urteilt, vor dem er als geständiger Steuerhinterzieher landen wird. Er hat sein Urteil bereits bei seinen eigenen Leuten abgeholt. Doch außerhalb der heilen FC-Bayern-Welt gelten andere Regeln. Draußen zählt Heldentum nicht.

Ein Kommentar von Ralf Wiegand

Es gibt eine Dokumentation über Uli Hoeneß, sie ist schon ein paar Jahre alt, die endet mit einem eindrucksvollen Bild: Hoeneß steht nach einem Spaziergang mit seinem Hund am Ufer des Tegernsees, es ist ein nasskalter Tag, sein Blick fliegt übers graue Wasser. Und dann sagt er mit einigem Stolz: Die größte Leistung seines Lebens überhaupt sei es, dass ihn nach all den Jahren in der Öffentlichkeit niemand wirklich kenne.

Es ist wohl nicht so, dass Hoeneß diese Öffentlichkeit absichtlich getäuscht hätte im Sinne eines Doppellebens. Damals hat er das wenigstens nicht so gemeint. Er hatte sich glücklicherweise einfach nur eine gewisse Privatheit erhalten, sich verhüllt, während alle Scheinwerfer auf ihn gerichtet waren. Es gab den öffentlichen Hoeneß und den Hoeneß daheim, und der Satz sollte auch ausdrücken: Wichtig ist nur, wie ich wirklich bin. Der Hoeneß da draußen, das ist ein anderer.

Vorbei die Zeiten, die Hülle fällt. Nie hat Uli Hoeneß die Öffentlichkeit mehr gebraucht als jetzt, jene Öffentlichkeit zumindest, die ein Bayern-Trikot überstreift und in eine Sporthalle pilgert und ihn, ihren Präsidenten, mit Mitgefühl überschüttet, bis der fast darin ertrinkt. Er braucht das jetzt wie eine Droge.

"Bis ich nicht mehr atmen kann"

Uli Hoeneß weint, das Volk jubelt: Die Jahreshauptversammlung des FC Bayern München gerät zum identitätsstiftenden Familienfest. Der Präsident und sein Klub stellen ein für alle Mal klar, dass man die Steueraffäre zusammen durchstehen will. Von Jonas Beckenkamp mehr ...

Je größer der Zuspruch in den eigenen, längst zur Mauer geschlossenen Reihen wird, umso fester ist er in seiner Meinung: Mir geschieht Unrecht. Ich bleibe. So hat das schon funktioniert, als er sich die Rückendeckung in den Gremien der Firma FC Bayern sicherte, so klappte das auch jetzt, an der Basis des FC Bayern.

Was für ein grandioser Selbstbetrug das ist. Hoeneß will nicht abwarten, wie das Gericht urteilt, vor dem er landen wird als geständiger Steuerhinterzieher. Er hat sich sein Urteil schon vorher bestellt und abgeholt, bei seinen eigenen Leuten. Freispruch. Warum dann ein Amt ruhen lassen?

Die Bayern-Familie steht in Treue fest zusammen zu ihm, dem Patriarchen. Hat wirklich jemand etwas anderes erwartet? Wo habe ich mehr Verbündete als in einer Fußballmannschaft, die geschlossen aufs selbe Tor zurennt?

Von Uli Hoeneß hätte man nicht erwartet, dass er so tickt wie der gesamte Spitzensport. Dort ist man seit jeher der Auffassung, sich sein eigenes Recht zu machen. Die Fifa funktioniert so, viel kritisiert von Hoeneß, das Internationale Olympische Komitee noch viel mehr, in München gerade dafür abgewatscht, sogar die Dopingfahndung funktioniert so: eigene Gesetze, Gerichte, Strafen.

Komisch wird es immer dann, wenn die Helden des Sports den Wirkungskreis ihrer eigenen Regeln verlassen und mit dem echten Gesetz in Konflikt geraten. Wenn Heldentum nicht zählt.

Jüngster Manager, Lautsprecher, Steuerhinterzieher

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Draußen gelten andere Regeln. Ämter sind geliehen. Es sind Funktionen, die man besonders vertrauenswürdigen Personen andient. Sie sind kein persönlicher Besitz, sie sind kein Orden, sie sind nur: Aufgaben. Aufsichtsratsvorsitzender zu sein ist so eine Aufgabe. Hoeneß hätte ohne jeden Gesichtsverlust beides haben können: Als Präsident den warmen Beifall seiner Freunde in der Bayern-Familie und die Größe, wenigstens den Aufsichtsratsposten ruhen zu lassen. Er hat ja jetzt die Gewissheit, jederzeit zurückkehren zu können, wenn das Urteil draußen so ausfällt wie es drinnen schon feststeht.

Das wäre was gewesen. Aber so gut kennt man ihn halt tatsächlich nicht.