Bodenständiger Wandervogel: Ivica Olic gelingt das Kunststück, dass die HSV-Anhänger ihm den Wechsel nach München verzeihen.
Es gibt ja Spieler, die von den eigenen Anhängern fallengelassen werden, sobald sie an ihrer persönlichen Karriere basteln und ein Angebot des FC Bayern annehmen. Daniel van Buyten weiß das, er wird auch zweieinhalb Jahre nach seinem Wechsel vom Hamburger SV zum Rekordmeister aufs Heftigste ausgepfiffen, wenn er mal wieder den Rasen der hanseatischen Arena betritt.
Ivica Olic nach seinem dritten Tor im DFB-Pokalspiel gegen 1860 München. (© Foto: rtr)
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Die Fans hatten seinen Abgang als Misstrauensvotum gegen den HSV begriffen. Dass so ein Liebesentzug aber nicht zwingend sein muss, dafür gibt es seit Dienstagabend einen Beleg. Immer wieder wurde der im Sommer nach München ziehende Kroate Ivica Olic mit Hymnen von den fast 50 000 Zuschauern gefeiert.
Klar, könnte man denken: Was sollen die Anhänger auch tun, wenn einer alle drei Tore zum 3:1-Sieg gegen 1860 München im Achtelfinale des DFB-Pokals schießt und der Stadionsprecher nach jedem Treffer immer wieder den Namen "Ivica" in den Abendhimmel schmettert? Doch vermutlich nehmen die Fans diesem Rackerer und Torjäger mehr als vielen anderen Profis ab, dass er auch in seinen letzten Monaten im HSV-Trikot trotz der Aussicht auf eine bald noch bessere Bezahlung beim FC Bayern mehr einbringt als Dienst nach Vorschrift.
Wer dem Umjubelten nach dem Spiel zuhörte, der begriff, dass es tatsächlich nicht nur seine Tore sind, die ihn weiterhin ganz oben auf der Hitliste der Hamburger Fans stehen lassen. Olic, der wegen einer heftigen Rangelei mit dem Hoffenheimer Carlos Eduardo in einem Testspiel ausgerechnet für das erste Bundesliga-Rückrundenspiel am Freitag beim FCBayern gesperrt ist, sagte in dieser Münchner Woche immer wieder ein Wort - "wir".
Er hoffe, dass "wir gewinnen", damit "wir weiter oben angreifen können". Zudem sei er sicher, dass "wir einen großen Fight zeigen, weil unsere Fans wie eine Wand hinter uns stehen". Vielleicht ist es das, was Olics Berater Gordon Stipic meint, wenn er sagt, sein Klient sei eigentlich ein "bodenständiger Typ", obwohl er schon für sieben Klubs gespielt hat. Vermutlich ist Olic ein bodenständiger Wandervogel - einer, der dort, wo er sich gerade aufhält, Freunde hat und alles gibt. Und natürlich hat der im Team beliebte Stürmer seine HSV-Kollegen auch jetzt vor dem Bayern-Spiel wieder stark geredet.
"Auch Paolo und Mladen können Tore machen", sagt er, Guerrero und Petric also. Hamburgs Trainer Martin Jol sagte nach dem Pokalspiel gegen 1860 München: "Ivica hat gezeigt, dass er bis zuletzt alles für uns machen wird." Und so wird es später auch in München machen.
Beim Hamburger SV ist man noch immer wütend darüber, dass der DFB Olic und Eduardo nicht nur für Freundschaftsspiele, sondern auch für zwei Bundesliga-Partien gesperrt hat, während der für den FC Bayern spielende Verteidiger Breno im Mai 2008 nach einem Revanchefoul in einem Testspiel nicht für die Liga gesperrt wurde. "Da gibt es keine Gerechtigkeit", klagt HSV-Kapitän David Jarolim. Vielleicht ist der Ärger aber spätestens dann verraucht, wenn es so kommt, wie HSV-Aufsichtsratschef Horst Becker sich das vorstellt: Becker glaubt, dass der Noch-Hamburger Olic in dieser Saison noch einmal gegen den FC Bayern antreten wird: "Im Pokal-Halbfinale oder im Endspiel."
Wie groß der Unterschied zu einem seiner Vorgänger im HSV-Angriff ist, wurde im Spiel gegen 1860 besonders deutlich. Während Benjamin Lauth im Löwen-Dress fast ohne Ballkontakte über den Rasen stolperte, wirbelte Olic mit Lauths ehemaliger Nummer elf derart über den Platz, dass man fast vergessen konnte, wie durchschnittlich diese Partie war. "Die Winterpause war diesmal sehr kurz, ich habe kaum Form verloren", sagte Olic. Und natürlich hatte er bei seinem ersten Treffer in der 44. Minute auch das Glück, dass Schiedsrichter Michael Weiner seine klare Abseitsposition übersah. 1860-Torwart Philipp Tschauner hatte den Ball zu kurz auf Gregg Berhalter gespielt, Piotr Trochowski ging dazwischen und bediente Olic, der sich gemütlich die Torecke aussuchte.
Auch bei den anderen Treffern half Tschauner dem Kroaten. Den Flatterball in der 78. Minute hätte der Torwart wohl gehalten, wäre das Match in Hamburg nicht sein "schlechtestes Profi-Spiel" gewesen, wie er selbst sagte. Beim 3:0 in der 85. Minute profitierte Olic davon, dass Tschauner einen 25-Meter-Schuss von Trochowski abprallen ließ. 1860-Trainer Marco Kurz beliebte nach dem Spiel zu scherzen: "Den Olic haben uns die Bayern vor der Nase weggeschnappt." Sie selbst haben leider nur dessen Vorgänger Lauth erstanden.
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(SZ vom 29.01.2009/jüsc)
Berliner Zeitung