Beim Test gegen die Elfenbeinküste hat der Neue im August bereits seine erste Niederlage kassiert (0:1). Aber Prandelli weiß, dass er Zeit braucht, und er weiß auch, dass ihm Zeit gewährt wird. Weil es zu ihm keine Alternative gibt. Durch Prandelli wurde nicht nur die Mannschaft radikal verjüngt, auch das Klima ist anders geworden. Lange nicht wurde im Trainingslager der Squadra so viel gelacht. Dabei verlangt der Commissario Tecnico seinen Spielern ab, sich auf einen "Ethikcode" zu verpflichten, der ihre Vorbildfunktion festklopft.
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Die neue, junge, unerfahrene italienische Mannschaft. Nur ein Spieler ist über 30 Jahre alt: Andrea Pirlo (der fünfte von links). (© AFP)
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Anders als Vorgänger Lippi, der sich schnell über jede Kritik erhaben fühlte und stoisch die Überlegenheit der "italienischen Schule" predigte, legt Prandelli den Finger in offene Wunden. "Als Fabio Capello sagte, unser calcio sei von radikalen Fans dominiert, hatte er nicht ganz Unrecht", analysiert der Nationaltrainer. "Es ist doch peinlich für uns, dass wir seit 40 Jahren die gleichen Dinge kommentieren müssen. In manchen Städten herrscht längst ein Klima psychologischer Gewalt, das auch die Spieler konditioniert." Zum Beispiel, Prandelli sprach es lieber nicht aus, in Rom, Neapel, Palermo. "Wir Erwachsenen sind sowieso kompromittiert", glaubt Prandelli, "nur die neue Generation kann unseren Fußball retten". Zum ersten Heimspiel in Florenz sind 2000 Schulkinder eingeladen. Die Italien natürlich siegen sehen sollen.
In 2010 kein Spiel gewonnen
In diesem Jahr, dem 100. ihres Bestehens, hat die Squadra noch kein Spiel gewonnen. "Wir sind ein bisschen besorgt", untertreibt Giorgio Chiellini von Juventus, mit seinen 26 Jahren neuer Chef einer Abwehr, die zuletzt in Trümmern lag. "Die Squadra ist eine offene Baustelle", erklärt Chiellini, und bis zum Wiederaufbau dürften zwei, drei Jahre verstreichen. Chiellini, selbst alles andere als eine Abwehrsäule, führt eine Defensive ohne Erfahrung an. Seine vier Kollegen kommen insgesamt auf acht Einsätze im Nationalteam - addio catenaccio. "Da hilft wohl nur Pater Pio", seufzte der Corriere della Sera - der Beistand eines bärbeißigen Volksheiligen aus Apulien.
Tatsächlich könnte der Kapuzinermönch so manches Heilwunder erwirken, hat doch Prandelli mit vielen Verletzungsausfällen zu kämpfen. So wird Mario Balotelli (Manchester City) gegen Estland ebenso fehlen wie Claudio Marchisio (Juventus) und Prandellis deutsch-italienischer Augapfel Riccardo Montolivo vom AC Florenz. Antonio Cassano von Sampdoria Genua hingegen klagt über Rückenschmerzen, wird aber wohl die Stürmer Fabio Quagliarella (Juventus) und Giampaolo Pazzini (Sampdoria) unterstützen. Das ewige Enfant terrible Cassano - von Lippi ignoriert - erschien mit einem Tag Verspätung im Trainingslager. "Damit der Schlingel mehr Aufmerksamkeit bekommt", spottete Prandelli. Cassano umarmte ihn lachend. Die neuen Azzurri zeigen statt Galgenhumor lieber gute Laune.
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(SZ vom 02.09.2010)
Der Flügelflitzer
bärbeissig ist gut, einer Nonne soll der zu nahe getreten sein (darüber schweigt des Sängers Höflichkeit )
So einen Umbruch hat der ita. Fussball-seit ich ihn verfolge, Ende der Achziger Jahre-noch nie erlebt.
Auch fehlt es m.E,. an Ausnahmespielern in allen Mannschaftsteilen, ein Blick auf die Vereinsmannschaften genügt, die Stars dort sind entweder Weltmeister von 2006 oder Legionäre, ausser Balotelli-der bezeichneterweise nach Englang ging-fällt mir niemand ein, von dem alsbald ein großer Durchbruch zum Superstar zu erwarten wäre.
Gerade die Situation in der Abwehr ist symbolisch für die derzeitige Lage-ein grobschlächtiger Tanzbär wie Chiellini soll fortan der Chef der berühmtesten Abwehr der Welt sein-man hält es nicht für möglich...