Der Transfer von Kakà vom AC Mailand zu Real Madrid bestätigt, dass Italiens Fußball der Mäzene nicht mehr konkurrenzfähig ist
Herz, sagt Adriano Galliani, wer redet denn von Herz. "Es geht hier um einen Transfer. Ein Herz haben wir alle. Aber auch ein großes Herz muss rechnen können." Vor vier Monaten hatte sich das noch ganz anders angehört. Damals, Ende Januar, rief Gallianis Chef in einer Fernsehsendung mit dem schönen Namen Processo an und verkündete dem Volke, Kakà werde nicht verkauft, "denn er hat sein Herz sprechen lassen".
Silvio Berlusconi erklärt den Transfer von Kaka zu Real Madrid. (© Foto: AP)
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Der Patron, den sein treuester Mitarbeiter und Dauer-Vikar Galliani nur "Herr Doktor" nennt, ist Silvio Berlusconi. Der würde Herz und Schmerz natürlich auch heute nicht gegen den schnöden Mammon tauschen. Mehr noch: Besonders heute nicht. Am kommenden Wochenende ist Europawahl. Berlusconis Partei tritt da nicht mehr unter dem Schlachtenbummler-Motto "Forza Italia" an. Sie heißt jetzt anders, das will auch etwas heißen.
Der Boss zieht sich aus dem Fußball zurück. So interpretiert man in Italien den Verkauf von Kakà an Real Madrid - das Interview von Galliani an die Freunde von der Gazzetta dello Sport lässt auch kaum einen anderen Schluss zu. Zitat Berlusconi: "Fußball zielt auf Emotionen, nicht aufs Geschäft." Und Galliani antwortet stur: "Wir können nicht jedes Jahr 70 Millionen Euro Verlust machen." Milan kann sich Kakà nicht mehr leisten.
Aus der Traum. Angefangen hatte er vor 23 Jahren. Berlusconi, ein Bauunternehmer, der auch schon ein bisschen in Fernsehen machte, während Galliani die dazugehörigen Kabel und Antennen vertrieb, übernahm den traditionsreichen Mailänder Arbeiterklub AC Milan. Seine neue Mannschaft ließ er im Hubschrauber ins Stadion fliegen, dazu wurde Verdis Aida gespielt. Berlusconi machte Milan zum - laut Eigendeutung - erfolgreichsten Klub der Welt. Und sich selbst natürlich zum erfolgreichsten Klubpräsidenten. Er wurde zum Inbegriff des modernen italienischen Sportmäzens, zur Inkarnation einer einmaligen Kombination aus Fußball, Fernsehen und Politik.
Nicht mehr konkurrenzfähig
Ein Patron, dem kein Star zu teuer zu sein schien, und der überhaupt nie jemandem verkaufen musste, der ihm ans Herz gewachsen war. Vor Jahresfrist nahm Milan aus alter Freundschaft sogar den früh verblassten Andrej Schewtschenko zurück, der sich beim FC Chelsea nicht mehr wohl fühlte. Jetzt setzte sich Berlusconi in die von ihm dauerokkupierte wichtigste Talkshow des italienischen Staatsfernsehens und offenbarte in einem mehrstündigen Monolog ein sensationelles Detail: Er könne Kakà nicht halten. Kakà ziehe es nach Madrid. "Am Montag werde ich mit ihm sprechen." Nach der Europawahl kommt Staatsgeschäft Nummer eins.
Es ist unwesentlich, ob Kakà nach Madrid will, weil Real der bessere Klub ist, oder ob Milan ihn verkauft, weil Berlusconi knapp bei Kasse ist. Das Ergebnis ist ein und dasselbe: Der italienische Fußball der Mäzene ist international nicht mehr konkurrenzfähig. Tatsächlich ranken sich auch um die Klubs ständig neue Kaufgerüchte, Galliani selbst räumte ein, im "Mittleren Osten und in den USA" gebe es "Interessenten an einem geringen Anteil" beim AC Mailand. Das hört sich an, als sei Berlusconi die längste Zeit Alleinherrscher gewesen. Seine Kinder haben übrigens beizeiten durchblicken lassen, sie hielten Fußball für Geldverschwendung.
Die Serie A ist schon lange nicht mehr die bevorzugte Liga der Stars, jetzt kann sie offenbar auch ihre letzten Champions nicht mehr halten. Nach Kakà hat sich auch dessen Landsmann, das brasilianische Talent Pato, mit Wechselabsichten gemeldet, auch Andrea Pirlo, Regisseur in Italiens Nationalelf, wankt angeblich. Zlatan Ibrahimovic vom Meister Inter Mailand möchte allzu gern beim FC Barcelona anheuern und erzählt es jedem. Mit einem Nettoeinkommen von zwölf Millionen Euro ist er der bestbezahlte Fußballer der Welt - niemand weiß, wie lange sich Inter-Patron Massimo Moratti ihn noch leisten kann. In der Champions League hat der Schwede nicht einmal getroffen, in Italien ist er Torschützenkönig. Das ist ziemlich emblematisch.
Auf dem Transfermarkt ist bislang Diegos Abwerben von Werder Bremen der einzige Coup. Gelungen ist er Juventus Turin. Milan dürfte für Kakà schwerlich gleichwertigen Ersatz finden, in der Gerüchteküche schmort Luca Toni. Deprimierende Aussichten, finden die Milan-Fans. "Wenn die Kakà verkaufen, war ich die längste Zeit Milanista" hat der populäre Komiker Teo Teocoli im Corriere della Sera geschrieben: "Ich kette mich aus Protest am Tor von San Siro an." Berlusconi könnte doch eine seiner vielen Villen verkaufen, regte Teocoli an. "Oder meinetwegen zur Miete wohnen."
Nach dem Abschied des Milan-Monuments Paolo Maldini und des Trainers Carlo Ancelotti wird erstmals in der Ära Berlusconi öffentlich schmutzige Wäsche gewaschen. Maldini klagte, die Klubführung habe ihn nicht vor feindseligen Ultras beschützt. Ancelotti und sein Chef waren nach Darstellung des Spielers Gennaro Gattuso "zerstritten und verkracht wie ein altes Ehepaar, das die Trennung scheut". Ancelotti, der zu Chelsea ging, ersetzt jetzt der 39-jährige Brasilianer Leonardo, der noch nie trainiert hat. Leonardo sei verpflichtet worden, weil er gut aussehe und deshalb fernsehtauglich sei, heißt es in Mailand. Die wichtigste Eigenschaft des Neuen: Leonardo sei ein Yes-Man. Ein Jasager, dem Patron treu ergeben. Und das ist für Silvio Berlusconi in diesen Zeiten wirklich unbezahlbar.
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(SZ vom 05.06.2009)
Berliner Zeitung