Italien verpasst Sieg gegen Kroatien Zu früh im Catenaccio-Modus

Balotelli, Cassano, Marchisio: Italien geht in einer interessanten Partie gegen Kroatien zu fahrlässig mit seinen Chancen um und muss in der zweiten Halbzeit den Ausgleich durch Mandzukic hinnehmen. Dabei sieht es nach einem sehenswerten Freistoßtreffer des Altmeisters Andrea Pirlo lange gut aus für die Squadra Azzura.

Von Benedikt Warmbrunn

Es gibt ja Spieler, die zelebrieren jeden Freistoß: in welche Himmelsrichtung das Ventil des Balles zeigt, wie viele Schritte Anlauf sie nehmen, wie die Frisur sitzen muss - all das wissen sie ganz genau. Und es gibt Andrea Pirlo. Der Italiener trägt die Haare lang und zottelig, während einer Partie ist ihm egal, wie diese Mähne liegt. Und wenn Pirlo einen Freistoß schießt, dann legt er sich den Ball hin, irgendwie.

Da klappte es noch mit dem Tackling: Giorgio Chiellini stört Mario Mandzukic - später kam der Italiener gegen den Kroaten zu spät. 

(Foto: Getty Images)

Dann nimmt er Anlauf, so viele Schritte wie in dem Fall eben nötig sind, am Donnerstagabend waren es zwei. Also: Ball hinlegen, zwei Schritte Anlauf, der Ball fliegt, er senkt sich - Tor. Es waren die erfolgreichsten zwei Schritte der Italiener an diesem Abend, und sie reichten nicht: Das Team spielte gegen Kroatien 1:1 (1:0). Und so bangt die Mannschaft um den Einzug ins Viertelfinale.

"Wir werden bis zuletzt kämpfen", versicherte Italiens Nationaltrainer Cesare Prandelli kurz nach dem Abpfiff, musste sich dabei aber alle Mühe geben, seine Enttäuschung zu verbergen. "Es war eine gute Gelegenheit, aus der wir zu wenig gemacht haben", stellte er fest. Zugleich prangerte der Allenatore aber auch die Passivität seiner Mannschaft an: "Wir haben zu wenig gewagt." Am Ende verstieg er sich noch zu der Einschätzung: "Die Mannschaft hat gezeigt, dass sie zusammenhält und ein gutes Gleichgewicht hat." Ob das stimmt?

Bei den Italienern konnten sie sich ja zu Beginn dieser Europameisterschaft nicht über einen Mangel an Debatten beklagen. Erst ging es um die Wettaffäre in der italienischen Liga Serie A, dann um die homophoben Äußerungen des extrovertierten Stürmers Antonio Cassano. Zwischendurch ging es auch um die exzellente Taktik, mit der das Team am ersten Spieltag 1:1 gegen Titelverteidiger Spanien gespielt hatte, aber diese Debatte dominierte nicht.

Trotz all der anderen Themen im Umfeld der Nationalmannschaft erinnerte sich Prandelli jedoch sehr genau an diese Leistung, er änderte seine Startformation gegen Kroatien auf keiner Position. Im Zentrum der Dreier-Abwehrkette stand also Daniele De Rossi, im Sturm spielten Cassano und Mario Balotelli, auch über ihn wurde ja diskutiert, ausnahmsweise sogar in sportlichen Fragen: Er hatte gegen Spanien eine gute Chance ziemlich müde und stümperhaft vergeben.

Balotelli hatte dann natürlich auch gleich die erste Möglichkeit der Partie, schon in der dritten Minute. Im Strafraum kam er an den Ball, um ihn herum standen drei kroatische Verteidiger, aber Balotelli drehte sich flink, er machte das ganz anders als bei der Chance gegen Spanien. Nur flog eben der Ball erneut am Tor vorbei. Balotelli hatte danach noch drei weitere Gelegenheiten in der ersten Halbzeit, einmal traf er ein kroatisches Schienbein, einmal den kroatischen Torwart Stipe Pletikosa, einmal schoss er aus der Distanz daneben. Es war wieder nicht der Abend von Balotelli.

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