Italien Niederlage für alle

Nichts hören, nichts sehen: Seit der verpatzten WM-Qualifikation wird Italien vom Gedanken gequält, nicht mehr gut genug zu sein.

(Foto: Marco Luzzani/Getty Images)

Nachdem auch die Wahl eines Verbandspräsidenten scheitert, ist Italiens Fußball komplett führungslos. Als neuer Nationaltrainer ist nun immerhin Roberto Mancini im Gespräch - auch Claudio Ranieri stünde bereit.

Von Birgit Schönau, Rom

Es war einmal der Fußball in einem Land, das zu den schönsten der Welt gehört, das die Traumstadt Venedig erfand und die Oper, dessen Seefahrer Amerika entdeckten und dessen Köche zu den Sternen griffen. Dieses Wunderland eroberte vier Fußball-Weltmeistertitel, es brachte Spieler hervor wie Dino Zoff, Roberto Baggio, Paolo Maldini und Gianni Rivera, den Helden des sogenannten Jahrhundertspiels. 1970 fand das statt, bei der WM in Mexiko; Italien spielte, wie so oft, gegen Deutschland und gewann, wie fast immer.

Bis heute überstrahlt Italien - Deutschland 4:3 die lange Geschichte der schönsten Rivalität im Weltfußball. Rivera hatte in der 111. Minute das Siegtor geschossen, was ihm derart viel Ruhm einbrachte, dass der Erfolg auch nach der aktiven Karriere nicht abriss. Der "Goldjunge" ging in die Politik, spielte in der linken Mitte und gewann einen Posten als Staatssekretär im Verteidigungsministerium.

Auch die Klub-Bosse der Serie A haben sich nicht auf einen neuen Vorsitzenden einigen können

Am Montagabend, als sich nach langer, vergeblicher Schlacht der Versammlungssaal der Delegierten des Fußballverbandes FIGC leerte, fand der mittlerweile silberhaarige Rivera die passenden Worte: "Wir haben es geschafft, noch kläglicher zu versagen als unsere Nationalmannschaft." Rivera meinte natürlich nicht jene Squadra Azzurra, in der er einst selbst spielte. Sondern jenes Team, das erstmals seit 60 Jahren eine WM-Qualifikation verpatzt hat und dabei den quälenden Eindruck hinterließ, überhaupt nicht mehr Fußball spielen zu können. Als Verantwortlicher wurde Nationalcoach Gian Piero Ventura entlassen, ein Nachfolger ist noch nicht benannt. Ende März soll Jugendtrainer Gigi Di Biagio dafür sorgen, dass irgendwelche Azzurri irgendwie zwei Testspiele gegen England und Argentinien überstehen, schlimmer als die Quali-Blamage gegen Schweden wird es schon nicht werden.

Italiens Fußball ist nun komplett führungslos. 1,2 Millionen Amateure, die Profiligen, die kleinen und großen Traditionsvereine wissen nicht, wohin die Reise geht, nachdem am Montag auch die lang vorbereitete Wahl eines Verbandspräsidenten scheiterte. Wenige Tage zuvor konnten sich auch die Klub-Bosse der Serie A nicht auf ihren neuen Vorsitz einigen - die erste Liga wird bereits seit neun Monaten kommissarisch verwaltet, weswegen unter anderem die TV-Rechte nicht vergeben werden können. Ob und von wem in der kommenden Saison Fußball im Fernsehen übertragen wird, ist völlig offen. Wobei das eigentlich noch das geringste Problem ist.

Rassismus und Antisemitismus in den Kurven, Wettskandale, die Übernahme von Traditionsklubs durch Spekulanten und, daraus resultierend, eine nicht aufzuhaltende Pleitewelle: Italiens Fußball steckt bis zum Hals im Sumpf. Dass die Azzurri nicht zur WM fahren, ist die logische Konsequenz des schleichenden Niedergangs. Bereits bei den letzten beiden Turnieren war der Weltmeister von 2006 nicht über die Vorrunde hinausgekommen. Jedes Mal gab es Wehklagen und markige Ankündigungen radikaler Reformen. Nichts geschah. Es wurden nur alte und stockkonservative Funktionäre gegen andere alte und stockkonservative Funktionäre ausgetauscht, die alle Jüngeren wegbissen. Wer Englisch sprach, war schon verdächtig, wer den Frauenfußball fördern wollte, unanständig, und wer sich über Neofaschisten in den Stadien mokierte, linksradikal.

Ob Gigi Buffon nach der Karriere als eine Art zweiter Mann auf die Trainerbank darf?

Italien führte die Lebenspartnerschaft für Homosexuelle ein und die Patientenverfügung. Als Fußballpräsident kandidierte nun ein erklärter Gegner dieser neumodischen Verirrungen, ein Senator des Berlusconi-Wahlvereins Forza Italia und Chef der Amateure. Er scheiterte am Montag bei der FIGC-Versammlung. Aber auch sein Gegenspieler, der reformwütige ehemalige Nationalspieler Damiano Tommasi, kam nicht durch, ebenso wenig der Dritte, ein farbloser Kompromisskandidat. Jetzt wird das Nationale Olympische Komitee den Verband unter seine Fittiche nehmen: Kommissarische Verwaltung.

"Eine Niederlage für alle", klagt Tommasi. Außer für den starken Mann des italienischen Sports, NOK-Präsident Giovanni Malagò, der als smarter Repräsentant des römischen Establishments auch alles andere als revolutionär ist, aber wenigstens weltoffen und in jeder Hinsicht vorzeigbar. Von der Fünfsternbewegung, die mit Ach und Krach die Hauptstadt regiert, musste Malagò die Absage für die Olympiabewerbung 2024 einstecken. Jetzt will er den Fußball aus seiner tiefsten Krise führen.

Als Beauftragter für die Nationalmannschaft ist der frühere Milan-Profi Alessandro Costacurta im Gespräch, als neuer Nationaltrainer Roberto Mancini, derzeit Coach bei Zenit St. Petersburg. Mancini soll sein Interesse bekundet haben, auch Claudio Ranieri stünde bereit. Und Gianluigi Buffon, langjähriger Kapitän der Azzurri, hat in einem Interview zu seinem 40. Geburtstag am Sonntag den Wunsch bekundet, eine Nationalelf zu trainieren, es müsse ja nicht gleich die italienische sein.

Es gäbe aber auch nicht viele Argumente dagegen, Buffon, der noch bis Saisonende bei Juventus unter Vertrag ist, rasch zum zweiten Mann auf der Trainerbank zu berufen. Als Vermittler zwischen Spielern, Trainer und Verband wäre der Weltmeister von 2006 die Idealbesetzung.

Große Namen aus der Vergangenheit gibt es genug. Das Problem ist, die Grundlagen für die Zukunft zu schaffen. Malagò und den kleinen Kreis der Reformer erwartet da eine Herkulesaufgabe. Wird sie nicht gelöst, dürfte Italien sehr bald zum Kreis der illustren Ex-Fußballgranden gehören. In den Niederlanden zum Beispiel gibt es auch noch keinen Bondscoach, und in Österreich juckt es nur wenige, dass die Nationalmannschaft seit 20 Jahren nicht mehr bei einer WM kickt. Übrigens: Italiens Skifahrerinnen starten als Favoritinnen bei Olympia in Südkorea.