Von Birgit Schönau

Am ersten Spieltag nach den tödlichen Fan-Krawallen werden vier Spiele ohne Zuschauer ausgetragen. Ein so trauriger wie lehrreicher Anblick - nur Silvio Berlusconi hat nichts verstanden.

Eine Minute Stille. In den Stadien, im Radio, im Fernsehen. Eine Minute für Chefinspektor Filippo Raciti, umgekommen vor einer Woche bei Krawallen in Catania/Sizilien.

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Zwei Mannschaften, kein Fan: Beim Spiel Messina gegen Catania. (© Foto: afp)

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Ein 17-Jähriger steht unter Verdacht, Raciti getötet zu haben - gestanden hat er noch nicht. "Er ist nur ein Sündenbock", sagt die Familie. Die Catania-Profis spielten am Sonntag mit Trauerflor im benachbarten Messina. Das zweite Derby in wenigen Tagen, doch diesmal wurde alles getan, um Ausschreitungen wie nach Catania-Palermo zu verhindern.

Der Präfekt von Messina verhängte Publikumsverbot, obwohl das San-Filippo-Stadion den italienischen Sicherheitsnormen entspricht. Prompt behauptete Messinas Klubpräsident Pietro Franza, die Anordnung treffe ihn völlig unvorbereitet: "Mit einem Publikumsverbot haben wir wirklich nicht gerechnet."

Nicht der erste Tote

Natürlich nicht. Es ist ja auch schon sechs Jahre her, dass es bei Messina-Catania einen Toten gab: Tonino Currò, Messina-Fan, wurde im Mai 2001 von einem Sprengkörper aus der Kurve der Catania-Fans tödlich getroffen.

Bei der letzten Begegnung der beiden benachbarten Erstliga-Klubs war ein Polizist schwer verletzt worden. Aber ein Publikumsverbot nur Tage nach den Krawallen von Catania "aus Gründen der öffentlichen Ordnung"? Wirklich überraschend. "Mir tut es Leid um meine Dauerkartenbesitzer", klagte Präsident Franza. Zumal die ihr Geld, wenig überraschend, auch nicht von den Klubs erstattet bekommen.

"Das Derby Messina - Catania wurde stets eher von der Gewalt dominiert als vom Sport", hieß es in einem Leitartikel der Gazzetta dello Sport. Ein massives Polizeiaufgebot sollte auf den Bahnhöfen und an den Autobahnausfahrten verhindern, dass die Catanesen trotz verschlossener Stadiontore nach Messina fuhren, um die Gewalt-Historie durch ein neues Kapitel anzureichern. Insgesamt 400 Polizisten überwachten den Hügel über dem Stadion und den Vorplatz.

Neue Drehtüren

"Fußball ohne Publikum ist kein Fußball", klagte Lazio Roms Trainer Delio Rossi, der im leeren Stadion von Bergamo gegen Atalanta spielen lassen musste. Am Ende waren in der Serie A aber nur vier Stadien gesperrt - neben Messina und Bergamo auch Florenz (Fiorentina - Udinese) und Verona (Chievo - Inter).

In Cagliari, Palermo, Rom, Genua und Turin wurde regulär gespielt. Italiens größte Arena, das Meazza-Stadion in Mailand, durfte im letzten Moment für 37 000 Dauerkartenbesitzer des AC Mailand geöffnet werden, die sich Ronaldos Debüt nicht entgehen lassen wollten. Mehr als hundert Arbeiter waren seit Donnerstag 48 Stunden im Einsatz, um San Siro mit Drehtüren auszustatten. Die waren zwar schon vor fast zwei Jahren von der damaligen Regierung Berlusconi angeordnet worden - aber die hatte sich nicht ernsthaft für die Anwendung eigener Sicherheitsnormen eingesetzt.

Pfiffe gegen die Gedenkminute

"Es ist Freiheitsberaubung, den eigenen Fans zu verbieten, ihre Mannschaft zu sehen", sagte Milan-Patron Berlusconi jetzt. "Was in Catania geschehen ist, ist schmerzhaft - aber es passierte draußen vor dem Stadion. Ich hätte als Regierungschef niemals Publikumverbote angeordnet."

Wer mag daran zweifeln. Letizia Moratti, Bürgermeisterin von Mailand und Schwägerin des Inter-Patrons Massimo Moratti, gab zu bedenken, die Arena in San Siro sei doch die sicherste Italiens. Das Innenministerium gab nach und ließ die Tore für die Dauerkartenbesitzer öffnen. In der Serie B blieben sechs Stadien geschlossen, darunter das San Paolo von Tabellenführer SSC Neapel mit 60.000 Plätzen.

Rund 80.000 organisierte Fans sind nach Einschätzung des Innenministeriums gewaltbereite, politische Extremisten. Fast alle sind rechtsextrem, mit Ausnahme der Ultrà in Livorno und Empoli, sowie einem geringen Teil der Südkurve des AS Rom. 80.000 Fans passen mit Ach und Krach ins Meazza-Stadion. "Es sind nicht nur ein paar hunderte Störenfriede, wie manche Klubpräsidenten behaupten", sagte ein Ministeriums-Sprecher.

Am Sonntag hielten sie still. Zwar gab es in der römischen Südkurve vor dem Match gegen Parma Pfiffe gegen die Gedenkminute für Raciti. Doch die Krawallmacher wurden vom Rest des Publikums zum Schweigen gebracht. Erstmals hatten Roma-Fanklubs die gegnerischen Tifosi aus Parma zum Mittagessen eingeladen und waren gemeinsam ins Stadion gezogen. Ein Novum - beim Hinspiel war ein Parma-Fan noch von einem römischen Ultra mit einem Messer attackiert worden. Fast ein normaler Vorgang an einem normalen Spieltag - vor Catania. Aber vielleicht tut sich jetzt etwas. Weil der calcio tiefer nicht mehr sinken kann.

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(SZ vom 12.2.2007)