Von Birgit Schönau

Italien und Frankreich, WM-Finalgegner von 2006, stehen vor dem Aus bei der EM und der Verabschiedung ihrer Trainer.

Auf ein Neues. Auf ein Letztes vielleicht, für mindestens einen oder sogar für beide. Italien - Frankreich, das ewige Duell der ewigen Rivalen, der Cousins und parenti serpenti (giftigen Verwandten), der EM-Finalgegner 2000 und WM-Finalgegner 2006, ist zur Kellerkinder-Partie der Gruppe C verkommen. Oben spielen Holland und Rumänien, unten versuchen zwei Teams, die ihre besten Zeiten hinter sich zu haben scheinen, aus der Krise zu kommen. Auf den letzten Zug aufzuspringen - im Bewusstsein, dass alles vergebens sein wird, wenn Rumänien gewinnt.

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(© SZ-Grafik)

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Abhängig von anderen zu sein, das ist im Fußball noch ein wenig schlimmer als im richtigen Leben. "Wir treten an, um Frankreich zu schlagen", sagt Daniele De Rossi. "Aber ich weiß schon, was passiert, wenn wir wirklich ein Tor machen: Wir schielen, wie die Bank reagiert." Frenetischer Jubel? Dann war es nicht umsonst. Freundliches Schulterzucken? Packt die Koffer, ragazzi.

Es geht nur um Schadensbegrenzung

Die Sache ist: So ein Tor muss erst einmal produziert werden. "Unsere Mannschaft leidet unter einer gewissen Verstopfung", dichtet, sagen wir: asphaltpoetisch De Rossi: "Nur ein Tor in zwei Spielen." Die Franzosen: ebenso. Eine schallende Ohrfeige von den Holländern, ein mageres Unentschieden gegen Rumänien, soweit die Bilanz dieser nicht besonders attraktiv verwitterten, europäischen Fußballaristokratie. Vorbei ist es mit Grandezza und Grandeur, verblasst ist aller Glanz, es geht nur noch um Schadensbegrenzung, um die Vermeidung der größtmöglichen Blamage. Die wäre zweifellos ein torloses Unentschieden.

Der Klassiker Italien - Frankreich ist zumindest für die Azzurri die Mutter aller Länderspiele. Das erste Match der italienischen Nationalmannschaft war gegen Frankreich am 15. Mai 1910 in Mailand. Italien spielte damals noch in Weiß und gewann 6:2. In den vergangenen zwei Jahren wurde das Match zum Dauerbrenner - Italiener und Franzosen spielten erst um den Weltmeistertitel, dann um die EM-Qualifikation. Man kennt sich bestens, schätzt sich vielleicht, mag sich aber nicht unbedingt. Die Rivalität ist erbittert, die gegenseitige Abneigung hat Tradition.

Für die beiden Trainer Roberto Donadoni und Raymond Domenech könnte es am Dienstagabend heißen: Finale di partita, fin de partie, aus und vorbei. Was Donadoni angeht, wäre er nur der Letzte einer beachtlichen Reihe italienischer Nationaltrainer, die gleich nach einem Spiel gegen Frankreich abtraten oder abtreten mussten: Bearzot, Maldini, Zoff, Lippi. Sein Kollege Domenech ist mindestens so umstritten wie der Italiener, übelnehmerisch, exzentrisch und abergläubisch: legendär seine Abneigung gegen das Sternzeichen des Skorpions, angeblich verzichtet er deshalb sogar auf David Trezeguet.

Genau wie Italien hat Frankreich einen 31-jährigen Stürmer, Henry versus Toni. Genau wie Frankreich hat Italien eine unter fußballhistorischen Gesichtspunkten bemerkenswert löchrige Abwehr - im Mittelfeld verfügen die Franzosen über den Zauberer Ribéry, Italien wird hingegen auf Solidität setzen: De Rossi und der Rückkehrer Gattuso, der Feinzirkler Pirlo bleibt wegen Mangels an Effizienz möglicherweise draußen.

So viele Experimente wie noch nie

Donadoni wird gegen Frankreich schon wieder eine runderneuerte Startelf schicken. So viele Experimente mit der Squadra Azzurra gab es noch nie bei einem internationalen Turnier, das ist entweder Ausdruck mangelnden Selbstbewusstseins oder fehlenden Vertrauens in die Spieler. Donadoni probiert ständig neue Formationen und Taktikschemata aus, gewährt seinen Spielern aber selten einen zweiten Schuss.

Diesmal wird wohl Alessandro Del Piero auf die Bank müssen, der noch im Rumänien-Spiel als Kapitän antrat, dann aber nicht die Leistung brachte, die der Trainer erwartete. Stattdessen sollen es neben Toni der Neu-Wolfsburger Antonio Di Natale und Antonio Cassano richten. Letzterer ist Italiens Antwort auf den fast gleichaltrigen Ribéry - einfallsreich, unberechenbar, genialisch, wenn man ihn lässt. Und Donadoni lässt ihn, trotz gewisser Vorbehalte. Cassanos Auftritte haben der Mannschaft bisher zumindest eine gewisse Frische verliehen, zu Punkten hat es noch nicht gereicht.

"Manchmal denke ich, er sollte besser bis fünf zählen, bevor er redet", hat Gianluigi Buffon über den jüngeren Kollegen von Sampdoria Genua gelästert, seinen Sitznachbarn am Tisch und im Mannschaftsbus. Buffon spricht da übrigens aus eigener Erfahrung. Bevor der Torwart das Totem der Mannschaft, der Retter des Vaterlandes wurde, hat er sich früher auch gern um Kopf und Kragen geredet. Jetzt ist Buffon 30 und gibt den elder statesman. Nach dem Holland-Spiel hat er sich "bei allen Italienern" entschuldigt, jetzt sagt er: "Ich bin sicher, dass sich die Italiener am Ende bei uns bedanken werden."

Vorher, so Buffon, wolle er aber noch mal Holland treffen, im Halbfinale: "Die drei Tore von denen habe ich noch nicht verdaut." Das ist Italien 2008: Eine Mannschaft mit offensichtlichen Verdauungsproblemen und einem Trainer, der irgendwie magenkrank aussieht. Ein Glück nur, dass es den Franzosen auch nicht besser geht.

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(SZ vom 17.06.2008/pes)