Italiens Coach Lippi mag nicht so recht verraten, ob er mit solch einem Erfolg wirklich gerechnet hatte - mit Superlativen geht er erstmal achtsam um - noch.
Der Erfolg wollte historisch eingeordnet sein. Der sechste Einzug der Italiener in ein WM-Finale und der erste nach zwölf Jahren muss doch eine überdauernde Bedeutung haben, und so hielt es ein italienischer Journalist für eine gute Idee, den Trainer Marcello Lippi zu fragen, was er den Menschen über diese Nacht von Dortmund erzählen werde in, sagen wir, 36 Jahren.
Lippi und seine Freude über den Finaleinzug. (© Foto: ddp)
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"In 36 Jahren?", fragte der Signore Lippi irritiert zurück, "wie alt bin ich denn in 36 Jahren?", fragte er und rechnete schnell im Kopf, aber er war nach einem aufwühlenden Fußballabend nicht bereit zum Kopfrechnen, und so sagte er: "Na, egal, ich wäre schon froh, wenn ich in 36 Jahren überhaupt noch lebe."
In 36 Jahren wäre Marcello Lippi 94 Jahre alt, und wenn er nicht übertrieben hat am Mittwochmittag, am Tag nach dem 2:0-Triumph seiner Squadra Azzurra über die deutsche Gastgebermannschaft, dann wird er selbst im hohen Alter noch Details dieser famosen und 126 Minuten dauernden Partie zum Besten geben können, denn nachdem er eine kurze Nacht darüber geschlafen hatte, sagte Italiens Trainer in der zur WM-Heimat gewordenen MSV-Arena in Duisburg: "Dieser Sieg war einer der wichtigsten meiner Karriere."
Um 23.26 Uhr am Dienstagabend hatte Marcello Lippi am Spielfeldrand des Westfalenstadions seine Brille abgesetzt, um sie mit einem weißen Taschentuch zu reinigen. Er muss geahnt haben, dass es zwei Minuten später eines klaren Blickes bedurfte, nach dem Spiel sagte er jedenfalls, er sei zu diesem Zeitpunkt noch davon überzeugt gewesen, der zehn Minuten zuvor eingewechselte Alessandro del Piero werde das Siegtor erzielen.
Del Piero beklagte sich um 23.26 Uhr bei Lippi. Er streckte entrüstet beide Arme von sich und rief dem Trainer unzufrieden etwas zu, aber Lippi hörte ihn nicht, weil es laut war im Stadion, und er sah ihn auch nicht, weil er sich die Brille putzte.
Del Piero schoss sein Tor um 23.30 Uhr, aber da war die Entscheidung bereits gefallen, denn die siegbringende Aktion leitete Andrea Pirlo 113 Spielsekunden zuvor ein, als er Fabio Grosso im Strafraum jenen Ball flach zuschob, den Grosso 100 Sekunden vor Ablauf der Verlängerung direkt und in einem schönen Bogen neben dem linken Pfosten im deutschen Tor unterbrachte.
Spiele gewinnen mit der Abwehr
Grosso spielt eigentlich den linken Außenverteidiger in der italienischen Mannschaft, aber es war bezeichnend für das Finale furioso der nimmermüden Azzurri, dass er in der vorletzten Spielminute am anderen Ende des Spielfeldes auftauchte, rechts vorne vor dem deutschen Tor, um den Siegtreffer zu schießen. "Wir hatten am Ende noch viele Pfeile im Köcher", sagte Trainer Lippi hinterher blumig, aber dass es angesichts eines finalen Arsenals von drei nominellen Stürmern (Gilardino, Iaquinta, del Piero) eines Verteidigers bedurfte, um die ermüdeten Deutschen zu besiegen, passte in jenes Bild, das die Italiener bei dieser WM abgeben.
Sie gewinnen ihre Spiele mit der Abwehr, und das ist angesichts dieses Siegtores durch Grosso wörtlich zu nehmen.
Doch die italienischen Verteidiger erledigen auch ihre originäre Aufgabe zuverlässig. Erst zwei Mal zuvor in der Geschichte der Fußball-WM war eine Mannschaft mit nur einem Gegentor in ihr siebtes und letztes Turnierspiel gegangen: 1998 die Franzosen - und 1990 die Italiener selbst. Diesmal ist es noch beeindruckender, weil das einzige Gegentor, das der Torwart Gianluigi Buffon hat hinnehmen müssen, ein Eigentor seines Abwehrspielers Cristian Zaccardo war beim 1:1 im zweiten Gruppenspiel gegen die USA.
Seither, und das sind mittlerweile 453 Spielminuten, ist Buffon ohne Gegentor. Sollten die Italiener auch im Endspiel am Sonntag ohne Gegentor bleiben, dann hätte Buffon einen WM-Rekord aufgestellt. Nur ein Gegentor in sieben WM-Spielen hat bisher noch keine Mannschaft geschafft.
Zum sechsten Mal steht der dreimalige Weltmeister (1934, 1938, 1982) in einem WM-Finale, und ein schöner Zufall ist, dass die Italiener das zuletzt im Zwölf-Jahres-Rhythmus geschafft haben. 1970, 1982, 1994 und jetzt wieder zogen sie ins Endspiel ein, und da wollen die italienischen Medien natürlich wissen, was das Finale 2006 wert ist im Vergleich zu 1970 oder zu 1982, als in Spanien der Titel durch ein 3:1 gegen Deutschland gelang.
Lippi schwelgte auf solche Fragen nicht in Superlativen, er ist vorsichtig und neigt noch nicht dazu, seine Formation historisch zu heroisieren. Man dürfe sie noch nicht mit früheren großen Mannschaften vergleichen, sagte er, aber er klang so, als sei er dazu bereit, wenn sein Team am Sonntag in Berlin den letzten entscheidenden Schritt in die Geschichtsbücher tut.
Marcello Lippi mag nicht so recht verraten, ob er mit solch einem Erfolg wirklich gerechnet hatte, als er das Amt vor zwei Jahren von Giovanni Trapattoni übernahm und die Mannschaft nach einer enttäuschenden Europameisterschaft neu formierte.
Was ihn aber sicher überrascht, ist die effektive Harmonie in einem Kollektiv, das Skandalen und Schicksalsschlägen in der Heimat trotzt. Am Dienstag vor dem Spiel, erzählt Lippi, habe er die Fußballer zu einem Gespräch zusammengeholt, er habe einige Dinge angesprochen, die er öffentlich nicht benennen möge, "aber es war eine wunderbare Atmosphäre, und von den Spielern gab es eine große Anteilnahme".
Lippi schafft Vertrauen, und das war im Spiel selbst in den hektischsten Momenten zu spüren, als in den Gesichtern der Italiener keinerlei Verunsicherung zu sehen war.
In den frühen Morgenstunden des Mittwochs hat sich Marcello Lippi das gesamte Spiel noch einmal angetan, die ganzen 126 Minuten, und erst um fünf Uhr in der Frühe hat er in den Schlaf gefunden. Zwei Mal 126 Minuten aufwühlenden Fußballs binnen neun Stunden hat sich der 58-Jährige angeschaut; und das sollte doch genügen, damit Marcello Lippi auch in 36 Jahren noch kenntnisreich von diesem emotionalen Halbfinale berichten kann.
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(SZ vom 6.7.2006)
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