Von Birgit Schönau

Nach dem 1:1 gegen die USA nimmt Italiens Trainer seine Spieler in Schutz und sagt: "Ghana ist schuld".

Jetzt muss man ein für allemal klarstellen, warum Marcello Lippi der perfekte Nationaltrainer für Italien ist. Er hat sich immer unter Kontrolle. Er führt keinen Veitstanz am Spielfeldrand auf, wenn Daniele De Rossi dem Amerikaner McBride seinen Ellbogen ins Gesicht knallt, dass das Blut spritzt.

Lippi, dpa

Marcello Lippi kann nichts aus der Ruhe bringen. Dabei sollte er mal auf den Tisch hauen und Klartext reden. (© Foto: dpa)

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Er tritt beim Eigentor seines Außenverteidigers Cristian Zaccardo nicht gegen die Bank, er lässt den vollkommen verdrehten Torschützen sogar aus rein therapeutischen Gründen auf dem Platz. Zur Seelenmassage.

Lippi schreit nicht und tobt nicht. Zu anderen Zeiten hätte er sich mit einer toskanischen Zigarre beruhigt, aber weil ja selbst das nicht mehr geht, kaut er eben brav auf seinem Kaugummi, das auf italienisch, wie passend, gomma americana heißt.

Er hätte sich die Brille abnehmen können, um das Elend vor seinen Augen verschwimmen zu lassen. Er hätte demonstrativ Zeitung lesen oder so ausfällig werden können, dass Schiedsrichter Jorge Larrionda aus Uruguay auch ihm zur Belohnung einen Platzverweis beschert hätte.

Das alles tut Marcello Lippi nicht. Er bleibt so ruhig, als wäre er in seiner Rolle als Commissario Tecnico erstarrt. Als die bizarrsten 90 Minuten des Turniers abgepfiffen werden, wirkt er nur auf seltsame Weise gealtert.

Und dann sagt Lippi: "Jetzt muss ich mal was loswerden. Wir sind hier ja unter Italienern. Den Ausländern würde ich so was nicht erzählen, aber - wir hatten einfach das Spiel gegen Ghana noch in den Knochen. Das war ein hartes Match für uns und das hatten wir noch nicht verdaut. Wir haben uns da zu sehr verausgabt."

Bekennender Sozialist

Fassungslos hörte die Nation diese Vertraulichkeiten. Was sollte das bloß? Will Marcello Lippi, der bekennende Sozialist, dessen Karriere bei Roter Stern Viareggio begann, jetzt die 90-Minuten-Woche für seine bekanntlich chronisch unterbezahlten Azzurri? Sind zwei Spiele in sechs Tagen zu viel? Nicht zu verkraften?

Ist eine gute Leistung gegen einen starken Gegner gar eine Entschuldigung für eine schwache Vorstellung gegen eine taktisch unbeleckte Elf? "Lippi ist enttäuscht. Und wir erst", titelte am Sonntag die Gazzetta dello Sport.

Tacheles reden

Ende des Honeymoons. So ganz unter Italienern möchte man nämlich jetzt lieber Tacheles reden. Und ein kleines Mea Culpa hätte dem Nationaltrainer gut angestanden. Ungefähr so: "Den De Rossi hätte ich schon nach seinem Vorstadtbullen-Foul im Vorbereitungsmatch gegen die Schweiz sofort nach Hause schicken sollen, damit er sich auf dem Strand von Ostia austoben kann. Da gehört der nämlich hin und nicht auf eine Weltmeisterschaft.

Und Totti hätte ihm da noch eine Weile Gesellschaft leisten können anstatt jeden Tag aufs Neue vor Millionen von Zuschauern die Prozentrechnung zu üben: Gestern war ich auf siebzig Prozent, heute bin ich auf achtzig, morgen auf 85. Nur ich bin mit diesem Quatsch schon auf hundertachtzig!

Eine WM ist kein Reha-Programm und zu allem Überfluss handelt der sich nach ein paar Minuten gegen die Amis auch noch Gelb ein. Und Zaccardo! Ich berufe den einzig und allein zum Triumph der Mittelmäßigkeit und was macht der?! Will originell sein, will auffallen, und kickt ein Eigentor!

Weiß ganz offensichtlich nicht, wo bei ihm Spitze, Hacke, vorne oder hinten, Männlein oder Weiblein ist! Und geht in die Annalen ein mit dem dritten Eigentor in der Geschichte der Azzurri."

So ungefähr hätte Marcello Lippi sprechen können und niemand wäre ihm ernstlich böse gewesen. Niemand hätte ihm vorgerechnet, dass man mit zehn Italienern gegen neun Amerikaner nicht wirklich zwingend hinten fünf zu eins spielen muss (Totti rechnet noch nach).

Abgestaubt oder geklaut - egal

Niemand hätte ihm vorgehalten, dass er anstatt des Giganten Iaquinta, der für jede Drehung einen Tanzsaal braucht, besser seinen Edelreservisten Filippo Inzaghi eingewechselt hätte, dem ein halber Quadratmeter reicht; und wenn's schmutzig aussieht, abgestaubt ist oder geklaut ist - ist es doch auch egal.

Stattdessen verließ Lippi der Mut. Gegen sein Naturell verdammt zum Regisseur einer Neuaufführung des masochistischen Melodrams, das die Squadra Azzurra seit dem letzten Titelgewinn 1982 bei internationalen Turnieren immer wieder zum Besten gibt, griff der Commissario Tecnico in die verstaubte Requisitenkiste seiner Vorgänger.

"Leiden und durchhalten" fischte er daraus, und prima non prendere, "auf keinen Fall einen reinkriegen". Die Squadra spiegelte auf dem Platz die Verwirrtheit ihres Trainers wider, ließ alles Selbstbewusstsein, alle taktische Disziplin fahren und sich von den Amerikanern, diesen grobfüßigen Barbaren des Weltfußballs, einfach überrollen.

Daniele De Rossi behauptete allen Ernstes, er habe McBride "ganz bestimmt nicht wehtun" wollen, um im nächsten Atemzug der Hoffnung Ausdruck zu geben, "dass sich die Fifa-Richter nicht von dem Blut beeindrucken lassen".

Totti gewährte Unterstützung mit dem frommen Spruch, der Teamgefährte beim AS Rom müsse jetzt "ruhig und gelassen bleiben, auf jeden Fall gelassen und ruhig". Er hätte Ähnliches durchgemacht, sagte treuherzig Totti in Anspielung auf seine Spuckattacke bei der Europameisterschaft im Jahr 2004.

Das römische Fanzine Il Romanista klagte De Rossi an: "Ein AS-Rom-Spieler tut so etwas nicht." Aber da hatte Lippi seiner Truppe schon den Sonntag zur Erholung freigegeben. Man kann ihn ja auch verstehen: Wer erzieht schon gern anderer Leute Kinder.

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(SZ vom 19.6.2006)