Für muslimische Mädchen ist Sport auch in Deutschland keine Selbstverständlichkeit - die Begeisterung wächst trotzdem spürbar.
Seit zwanzig Jahren ist Gabriele Kremkow Sportlehrerin, sie hat ein Gespür für Talente, doch manchmal hilft ihr das wenig. Vor kurzem wollte sie ein Mädchen mit türkischer Herkunft für einen Leichtathletikverein empfehlen. Das Mädchen war selbstbewusst, pfiffig, es hatte gute Ausdauer und lief schneller als alle anderen. Gabriele Kremkow glaubte fest daran, dass das Mädchen viele Medaillen gewinnen könnte, bei einem Verein landete es nicht. Die Eltern hatten etwas dagegen, sie wollten nicht mit sich reden lassen - und wieder blieb ein Talent unentdeckt.
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"Es steht uns nicht zu, über Religion zu urteilen," sagt Sportlehrerin Kremkow. Schwimmen wird muslimischen Schülerinnen oft verboten, die Mädchen sind auf reine Frauenschwimmkurse angewiesen. (© Foto: dpa)
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Kreuzberg, nahe Südstern. Die Carl-von-Ossietzky-Oberschule ist eine der größten Schulen Berlins, 120 Lehrer, 1300 Schüler, neunzig Prozent von ihnen stammen aus Einwandererfamilien. Die Schule liegt in einer Umgebung, die allgemein als sozialer Brennpunkt umschrieben wird. Gabriele Kremkow, die pädagogische Koordinatorin, könnte lange über ihre Sorgen reden; über Kinder, die allein aufstehen, ohne Frühstück, weil ihre Eltern morgens nicht aus dem Bett kommen, oder über den dramatischen Bildungsabsturz.
Aber sie nähert sich den Problemen von der anderen Seite, spricht lieber über Lösungen. "Der Sport ist für unsere Arbeit von großer Bedeutung", sagt sie. Wenn sie bei den Berliner Politikern einen Wunsch frei hätte, würde sie die Zahl der wöchentlichen Sportstunden von drei auf fünf erhöhen. Für die tägliche Auslastung.
Es geht Gabriele Kremkow nicht nur um Konzepte gegen den Bewegungsmangel, es geht ihr vor allem um Integration. Studien haben nachgewiesen, dass körperliche Betätigung in Gruppen die Kommunikation und den Gemeinschaftssinn fördert - unabhängig von der Herkunft. Das Selbstbewusstsein, das Schüler im Turnen oder im Basketball gewinnen, übertragen sie auf den Mathe- oder Erdkundeunterricht. Hört sich gut an? Ist aber nicht leicht umzusetzen. Trainingsübungen anzubieten oder beim Weitsprung Hilfestellung zu geben, ist nicht genug. Gabriele Kremkow muss sich mit Religion auseinandersetzen, mit Glaubensfragen - und mit der Bedeutung des Kopftuches.
Die Ehre der Eltern
Mit dem Ende der Grundschule und dem Beginn der Pubertät werden Mädchen und Jungen im Sport wie fast überall getrennt unterrichtet. Im Schnitt sind es fünf muslimische Mädchen pro Klasse, die mit dreizehn oder vierzehn ein Kopftuch anlegen, auch im Sport. Die Gründe dafür liegen in der traditionellen und religiösen Erziehung. Sobald Jungen durch die Fenster in die Halle schauen, setzt Gekreische ein, und die Mädchen laufen in eine sichtgeschützte Ecke.
"Wir können eine Meinung haben, aber es steht uns nicht zu, über Religion zu urteilen", sagt Kremkow. Sie achtet genau auf die Kopfbedeckungen, wegen der Verletzungsgefahr. Die Tücher müssen speziell gewickelt und im Nacken gebunden sein, der Hals muss frei bleiben. Deshalb springen und sprinten die Mädchen im Sommer mit Rollkragenpullover, um den Körper ganz zu bedecken.
Rund 400.000 muslimische Mädchen leben in Deutschland, die meisten stammen aus der Türkei. Gabriele Kremkow führt viele Gespräche mit den Eltern, um für den Sportunterricht zu werben, unterstützt von den Sozialpädagogen der Schule. Bei einer Sportart hat sie größere Probleme: Immer wieder kommt es vor, dass Muslime ihren Töchtern das Schwimmen verbieten. Sie fürchten, dass Bewegungen und Kleidung der Mädchen aufreizend sein könnten und ihre Jungfräulichkeit untergraben werde. 1993 entschied des Bundesverwaltungsgericht, dass dieser Boykott zulässig ist, sofern er stichhaltig begründet wird. Die Mädchen stürzt dies oft in einen Gewissenskonflikt. Zum einen respektieren sie die Ehre der Eltern, zum anderen wollen sie von Mitschülern nicht ausgeschlossen werden. Notfalls schwimmen sie in Radlerhosen und Hemden.
Besonders beliebt: Mädchenfußball
Kremkow sieht sich als Vermittlerin. In Kreuzberg hat nur jedes vierte Kind zu Hause schwimmen gelernt, im Berliner Schnitt jedes zweite. An den Schulen in Kreuzberg lernen es aber bei weitem nicht alle. Mehr als ein Viertel bleibt hier Nichtschwimmer, im bürgerlichen Zehlendorf sind es nur fünf Prozent. Ein Beweis für Verweigerung? "Sport muss Spaß machen", sagt Gabriele Kremkow, ihr geht es um die Wirkung. "Wir dürfen niemanden mit Leistungsdruck abschrecken." An vielen Schulen schicken Lehrer muslimische Schülerinnen zum Frauenschwimmen, das inzwischen in zahlreichen Badeanstalten angeboten wird.
Nicht alle Lehrer siedeln das Thema Integration so hoch an, viele sind davon überfordert. Ihre Stundenzahlen wachsen, Vertretungen werden selten eingestellt, manchmal muss der Unterricht ganz ausfallen. In der Carl-von-Ossietzky-Oberschule wurden dennoch Arbeitsgemeinschaften im Basketball, Badminton, Volleyball gegründet, besonders beliebt ist Mädchenfußball. Die Schülerinnen reißen sich um einen Platz beim jährlichen Antigewaltturnier - der Erfolg wird hier nicht nur in Toren gemessen.
Lesen Sie auf Seite 2, wie Vereinsvertreter Vertrauen schaffen wollen und über eine fortschrittliche Sportgruppe in Frankfurt.
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@ Phantom20
Sie haben recht: Solche Probleme gibt es nur in D. Oder, anders gesagt: Solche Probleme macht man sich nur in D. Es ist doch einfach verrückt zu erklären, Kopftücher seien beim Sport "willkommen". Diese falsche Toleranz fördert und festigt die Perversitäten einer misogynen Ideologie, anstatt für die Emanzipation der Mädchen und Frauen einzutreten, egal aus welcher Kultur sie stammen.
Solche probleme gibt es aber auch nur in Deutschland,in der Türkei woher die meisten Maedchen stammen wörüber hier berichtet wird gibt es in dieser hinsicht überhaupt keine probleme,die Maedchen müssen am sportunterricht teilnemen und sie dürfen auch kein Kopftuch tragen,basta !
"Hanane gehört zu einer neuen, selbstbewussten Generation von Musliminnen, die sich für ihr Kopftuch entscheiden, es ist ein Symbol ihrer Identität und kein Zeichen von Unterdrückung."
Werter Ronny Blaschke, diesen Unsinn glauben Sie doch selbst nicht. "Neue, selbstbewusste" Muslimin mit Kopftuch? Was soll dieses Verharmlosen und Beschönigen eines Symbols der islamistischen Frauenverachtung und -unterdrückung? Wieso kämpfen Sie und die SZ nicht für die Befreiung der muslimischen Frau von archaischen Sitten und Gebräuchen? Wieso bestärken Sie diese Unsitten noch dadurch, dass Sie sie vereinbar mit Sport und Freizeitaktivitäten erklären?
Dabei wäre es unsere Pflicht, diesen Frauen zu helfen, ihre Tücher und Verhüllungsklamotten endlich loszuwerden und auf den Müllhaufen frauenfeindlicher Symbole zu werfen. Henryk M. Broder scheint leider recht zu haben: Hurra, wir kapitulieren!