DOSB-Präsident Thomas Bach achtet sorgfältig darauf, dass der Antidopingkampf nicht zu weit geht.

Als der Herr Präsident ganz in seinem eigenen Dienste gesprochen hatte und seines Weges gegangen war, begab es sich aber, dass sein heiliges Wort plötzlich nicht mehr unter die Menschen kommen sollte. Und das war eine Überraschung, denn die Einladung an ausgewählte Journalisten aus der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) ins Haus des Sports, Otto-Fleck-Schneise 12, 60528 Frankfurt, Raum 137, zu einem Gespräch mit dem Herrn Präsidenten Dr. Thomas Bach über Fragen des Antidopingkampfes, sie hatte ursprünglich nicht übertrieben diskret geklungen: ,,Wir möchten Ihnen Hintergründe und Details zum Maßnahmenkatalog des DOSB vermitteln und hoffen auf eine angeregte Diskussion. Eventuelle Veröffentlichungen bitten wir, bis Mittwoch, 30.8.06, zurückzuhalten.'' Nun also sagte DOSB-Sprecher Michael Schirp, Bach wolle gar nicht zitiert werden, was, wie Schirp schnell einsah, die Gesprächsbedingungen doch etwas zu stark veränderte. Zumal in der aktuellen Diskussion um ein Antidopinggesetz, die ein Sportchef der Nation bestimmt nicht nur in geschützten Hinterzimmern führen sollte.

IOC Vize Bach

IOC Vize Bach: Kein Sport neben seinem. (© Foto: ddp)

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Dieser verdammte Skandal

Andererseits war es aber auch irgendwie egal. Revolutionen müssen manchmal im Verborgenen reifen, aber eine Revolution plant der DOSB nicht. Der so genannte Maßnahmenkatalog zum Antidopingkampf, den Bach verteilen ließ, beinhaltet die üblichen zaghaften Schritte, die so ziemlich das Mindeste sind, was den jüngsten Erschütterungen folgen muss. Schwerpunktstaatsanwaltschaften und ein verschärftes Arzneimittelgesetz predigt Bach schon länger, auf der Liste findet sich sogar noch die längst verkündete und als wichtige Neuerung überbewertete Symbolhandlung, Antidoping-Vertrauensleute zu ernennen.

Interessanter ist es gewesen, den Präsidenten Bach bei der Arbeit zu erleben, gerade jetzt, da seine Gespräche mit Innenminister Wolfgang Schäuble neuerdings Meldungen von Antidoping-Razzien in Berlin begleiten. Also mitzuverfolgen, wie Bach die Rolle eines reformwilligen Sportstaatsmannes spielt, ohne seine Karriere im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) zu beschädigen. Er ist ja durchaus in eine pikante Situation geraten in seiner Funktion als erster Präsident des DOSB. Das Amt hat historische Dimensionen, das tut der Eitelkeit gut, und weil er sich ein williges Präsidium zurechtgeboxt hat, fällt ihm das Regieren leicht. Wenn nur dieser verdammte Dopingskandal um das Netzwerk des Madrider Sportarztes Eufemiano Fuentes nicht wäre, den die spanische Staatsanwaltschaft kürzlich aufgebracht und der Deutschlands Lieblingsradler Jan Ullrich ins Zwielicht gerückt hat.

Die Idee eines Antidopinggesetzes ist alt, vergangenes Jahr hat eine durchaus kontrovers diskutierende Expertenkommission im Auftrag des Deutschen Sportbundes sogar schon Anregungen dazu gegeben. Aber erst der Fall Ullrich hat die Diskussion aufs Neue verschärft. Es reicht auch in Deutschland nicht mehr, die Dopingbekämpfung auf einen kaum beachteten Absatz im Arzneimittelgesetz und ein vermeintlich lückenloses Kontrollsystem zu beschränken. Ein Antidoping-Gesetz verheißt parallel zu den bewährten Mechanismen der Sportgerichtsbarkeit eine neue Qualität des Kampfes gegen Hintermänner und Schmugglernetzwerke und eine klare Haltung des Gesetzgebers: In einem einträglichen Wettbewerb, der regelmäßig vor Millionenpublikum stattfindet und die Jugend zum Nachmachen anregen soll, ist die künstliche Leistungssteigerung nun mal etwas mehr als nur Verstoß gegen Sportregeln.

Aber diese Kriminalisierung des Athleten will Bach nicht. Sie zuzulassen, käme auch bei den IOC-Mitgliedern nicht gut an, die ihren Vizepräsidenten aus Deutschland 2009, spätestens aber 2013 zum Nachfolger von Präsident Jacques Rogge wählen sollen (siehe Kommentar). Und so versucht Thomas Bach, die Vorzüge der Sportgerichtsbarkeit gegen die oft langwierigen Prozesse des Strafrechts auszuspielen. Vor allem das Prinzip der Beweislastumkehr, nach dem Sportgerichte Athleten für positive Dopingtests unabhängig von ihrer Schuld bestrafen können, preist er und sieht es durch ein Antidopinggesetz in Gefahr. Er nennt ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) vom 18. Juli, nach dem sportlicher und wirtschaftlicher Wettbewerb nicht zu trennen seien, und leitet daraus eine Bedrohung für den Sport durch mögliche Schadenersatzforderungen und unheilvolle Präzedenzfälle ab.

Was das mit einem Antidopinggesetz zu tun hat, bleibt ein Rätsel, die Sportgerichtsbarkeit dürfte es jedenfalls nicht stören. ,,Das System ist durch alle Gerichtsentscheidungen gedeckt'', hat der Sportrechtsexperte Dirk-Reiner Martens zuletzt gesagt. Selbst in besagtem EuGH-Urteil klagten zwei Schwimmer am Ende vergeblich gegen ihre Nandrolon-Sperren. Bach ficht das nicht an. Väterlich erklärt er sein Verständnis für ,,emotionale'' Forderungen, tut aber zu forsche Reformen als naiven Angriff auf seine Erfahrung ab. Widerrede deutet er als Minderheitenmeinung und erschlägt sie mit dem Argument, das gegen Laien immer hilft: juristisch nicht machbar.

Bedenken, die nur ihm dienen

Immerhin ist ein Antidopinggesetz so gut machbar, dass es in anderen Ländern längst besteht, dass Bayerns Landesregierung daran arbeitet und ernst zu nehmende Juristen wie der Sportausschuss-Vorsitzende Peter Danckert (SPD) deutlich dafür plädieren. Bach hingegen macht manchmal den Eindruck, als wolle er die Autonomie des Sports so weit treiben, dass der Sport in einem rechtsfreien Raum vor sich existieren kann und den Staat als besseren Zuarbeiter duldet.

Irgendwann sagt Bach sogar, dass er gar nichts gegen ein Antidopinggesetz hätte, es ginge ihm nur darum, was drinstehe. Und für einen Augenblick scheint er auf der Seite seiner Gegner zu stehen. Denn den Verfechtern eines Antidopinggesetzes geht es ja auch darum, was drinsteht in einem solchen Gesetz, vor allem wie es umgesetzt wird. Aber das ist wohl nur so ein rhetorischer Trick. Thomas Bach verquast das Kernthema mit huldvollen Reden, Bedenken, die nur ihm dienen, und alten Ideen. Er macht wieder einen guten Job als sein eigener Lobbyist und fordert mehr Beifall. Ihr sollt keinen anderen Sport haben neben meinem, will der Herr Präsident wohl sagen, und schwebt mit den Tatsachen davon, die er selbst geschaffen hat.

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(SZ vom 30.8.2006)