DFB-Präsident Theo Zwanziger über die Chance, Jürgen Klinsmann im Bundestraineramt zu halten und die Fortsetzung des offensiven Spiels der Nationalelf.
SZ: Herr Zwanziger, Fußball-Deutschland ist fasziniert vom Spiel der deutschen Elf. Wie geht es dem geschäftsführenden Präsidenten des DFB?
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Zwanziger mit Kanzlerin Merkel im Stadion. (© Foto: ddp)
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Theo Zwanziger: Niemand kann sich diesem unglaublichen Gefühl entziehen. Vor ein paar Monaten, nach dem 1:4 gegen Italien, mussten wir uns Sorgen machen, ob wir überhaupt konkurrenzfähig sein würden. Und jetzt können wir in der Tat ernsthaft davon träumen, ins Endspiel der Weltmeisterschaft zu kommen.
SZ: Sie sind offenbar sehr stolz...
Zwanziger: ...ich bin stolz auf diese Mannschaft. Und ich bin stolz auf den Bundestrainer, der das mit einem klaren Konzept, seiner Energie, seiner Hartnäckigkeit und der Fähigkeit, Kritik standzuhalten, geschafft und verdient hat.
SZ: Klinsmanns Zukunft sei mit dem WM-Abschneiden verbunden, hieß es immer. Was bedeutet das konkret?
Zwanziger: Das muss man aus zwei Blickwinkeln sehen. Für ihn selbst gilt: Sein Ziel war von Anfang an, Weltmeister zu werden. Das ist auch für den Verband bedeutsam, aber wir denken auch an die Zeit danach. Für uns ist deshalb, unabhängig vom Tageserfolg, die richtige Spielphilosophie wichtig. Ob einer die Spieler begeistern kann, ob er junge Spieler führen kann, und ob er in der Nationalelf, die ja über Jahre einige Dellen in einigen Jahrgängen hatte, die Talente weiter entwickeln kann. Entscheidend ist doch, dass wir heute, wenn wir in die Jahrgänge ab der U17 blicken, wieder individuell starke und teamfähige Spieler bekommen, die uns über den aktuellen Erfolg eine Perspektive geben. Und was meinen Sie, was nach der WM los sein wird! Wir müssen überlegen, wie wir all die Jungen und Mädchen, die in unsere Vereine strömen werden, überhaupt aufnehmen können. Das hat er doch schon erreicht. Aber für ihn ist der Erfolg bei der WM persönlich eine hohe Messlatte, weil er sagt, nur wenn ich den Titel hole, kann ich vor meiner eigenen Zielsetzung bestehen. Der Verband muss ein Stück darüber hinaus denken.
SZ: Welche Vereinbarung besteht zwischen dem DFB und Klinsmann bezüglich der Zukunft?
Zwanziger: Eine Entscheidung fällt, wenn die Zeit reif ist. Im Moment hat dieser Bundestrainer nur eines im Kopf: Weltmeister zu werden. Dabei störe ich ihn nicht. Wir warten auf den Tag des Endspiels. Wenn der rum ist, werden wir uns verabreden. Da er sich im Moment keine Gedanken macht, muss man ihm ein paar Tage Zeit lassen, um die Dinge mit seiner Familie zu besprechen.
SZ: Gibt es eine Frist?
Zwanziger: Die wird er sich selbst setzen, weil er weiß, dass im August (2.8., Freundschaftsspiel in Gelsenkirchen gegen Schweden, d. Red.) und September (2.9., EM-Qualifikation gegen Irland) schon wieder Spiele auf uns zukommen. Ich werde nicht auf einen Tag drängen, mir ist viel zu wichtig, dass wir die Spielphilosophie von Jürgen Klinsmann fortführen können. Er selbst hat ja gesagt, für den DFB sei es wichtig, dass das fortgesetzt wird. Ob das nur durch ihn selbst oder andere Personen geschieht, will er im Moment nicht beurteilen.
SZ: Klinsmann lebt bekanntlich in Kalifornien und ist stark mit seiner Familie verbunden. Wäre zu seiner Entlastung denn eine Kombination aus einem Teamchef Klinsmann und einem Bundestrainer Joachim Löw denkbar?
Zwanziger: Über solche Fragen werde ich mich dann öffentlich äußern, wenn wir mit dem gesprochen haben, der in dieser Sache die wichtigste Rolle spielt: der Bundestrainer.
SZ: Sie werden ein ähnliches Szenario wie nach der EM 2004 unbedingt vermeiden wollen, als eine wochenlange Suche nach dem Nachfolger von Rudi Völler den DFB in ein ungünstiges Licht setzte.
Zwanziger: Das haben wir bereits vermieden, weil die Situationen nicht vergleichbar sind. 2004 hatten wir einen Bundestrainer, der bis 2006 unter Vertrag stand. Und dann hat Rudi Völler mitten in der Nacht gebeten, aus dem Vertrag entlassen zu werden. Wir waren also unvorbereitet. Diesmal haben wir einen Trainer, dessen Vertrag am 31. Juli 2006 abläuft. Wir sind natürlich auch vorbereitet auf die Situation, falls es nicht gelingt, Jürgen Klinsmann zu halten.
SZ: Sie haben also Ihre Fühler schon nach einer Ersatzlösung ausgestreckt.
Zwanziger: Nein. Wir haben unseren Trainerstab verstärkt...
SZ: ...beispielsweise durch Sportdirektor Matthias Sammer oder U21-Coach Dieter Eilts...
Zwanziger: ...und dadurch so viel Qualität gewonnen, um die Situation zu beherrschen, wenn Klinsmann absagt. Wir werden jedenfalls keine vier Wochen rumrangeln.
SZ: Sie haben keinen Plan B?
Zwanziger: Doch, aber den ziehen wir nur aus der Schublade, wenn Plan A scheitert. Aber der wird nicht scheitern.
SZ: Wäre denn Assistenztrainer Joachim Löw eine Lösung als erster Mann?
Zwanziger: Das ist eine Plan-B-Überlegung. Ich rede nicht über die vierte Stufe, wenn die erste nicht besprochen ist.
SZ: In Ihrem Verband gibt es auch Vorbehalte gegen Klinsmanns Arbeit. Beispielsweise hat Schatzmeister Heinrich Schmidhuber vor Wochen die hohen Kosten für Begleitmaßnahmen angesprochen. Klinsmann hat dies in einem Interview als "völligen Nonsens" bezeichnet.
Zwanziger: Da wird ein Konflikt herbeigeredet, der keiner ist. Ich will das mal mit einem Beispiel benennen: Man muss die Kuh, die man melken will, auch füttern. Die Kuh ist die Nationalmannschaft. Ohne die kann der deutsche Fußball all seine Aufgaben nicht erfüllen. Was der Schatzmeister sagen wollte, ist, dass wir die besonderen Anstrengungen für die WM im eigenen Land, die wir gemeinsam mit Klinsmann, Löw, Oliver Bierhoff und unserem Schatzmeister unternommen haben, natürlich nach der WM daraufhin prüfen müssen, ob sie auch alle zielführend waren. Heinrich Schmidhuber hat als Schatzmeister darauf zu achten, dass die Kuh zwar richtig gefüttert wird, dass sie aber auch nicht mehr Gras bekommt, als sie benötigt, um Milch zu geben.
SZ: Es gibt eine Opposition um die Präsdiumsmitglieder Engelbert Nelle, Rolf Hocke und Hans-Georg Molden- hauer, die sich nicht mit Klinsmann anfreunden kann.
Zwanziger: Im Zusammenhang mit der Einstellung des Sportdirektors (Sammer, d. Red.) hat es in der Tat einen deutlichen Konflikt gegeben. Es ging um unterschiedliche Äußerungen in der Frage der Kompetenz, der Zuständigkeiten. Aber die Zufriedenheit mit der Arbeit des Bundestrainers ist im gesamten Präsidium vorhanden. Dass ein Verband mit sechs Millionen Mitgliedern und unterschiedlichsten Interessenlagen in der Frage, was muss ich noch zusätzlich für die Nationalmannschaft oder für die Bundesliga tun, oder was sollte besser gemeinnützigen Bereichen vorbehalten sein, auch mal unterschiedlicher Meinung sein kann, ist doch völlig normal.
SZ: Vorausgesetzt, Jürgen Klinsmann hört nach der WM auf: Was bleibt vom System Klinsmann?
Zwanziger: Der Unterschied wird durch die Art deutlich, Fußball zu spielen: Was wir in Portugal sehen mussten, wurde ja teilweise als Rumpelfußball bezeichnet. Bei dieser WM wurde vom ersten Moment an begeisternder Offensivfußball geboten, auch mit dem Risiko, mal ein Tor zu kassieren. Es ist eben kein langweiliger Reißbrett-Fußball. Auch wenn man dabei mal ein Spiel verliert, haben die Menschen die Faszination dieses Fußballs verinnerlicht. Diese Spielphilosophie muss in die gesamte Nachwuchsförderung und Entwicklung einfließen. Der Mut von Klinsmann gefällt mir, diesen modernen Offensivfußball zu spielen - zugegebenermaßen mit einer Mannschaft, die nicht von vornherein mit Weltklassespielern gespickt war. Das muss von jedem Bundestrainer, egal wie er heißt, fortgeführt werden. Dass es dieser Fußball ist, der den Menschen Freude bereitet, ist außer jeder Diskussion. Diese Erkenntnis ist der wertvollste Gewinn für uns alle.
SZ: Jürgen Klinsmann sagt auf die Frage, wer Weltmeister wird, stets: Wir. Was sagte der Präsident?
Zwanziger: Ich habe immer gesagt, wenn wir das Achtelfinale schaffen, dann kommen wir auch ins Endspiel. Jetzt schlagen wir Argentinien und kommen ins Finale.
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(SZ vom 30.6.2006)
Berliner Zeitung