Von Philipp Selldorf

DFB-Präsident Theo Zwanziger über das 1:4 in Florenz, sein Vertrauen in die Nationalelf und den Charakter von Bundestrainer Klinsmann.

SZ: Herr Zwanziger, Sie saßen in Florenz beim 1:4 der Nationalelf auf der Tribüne. Was haben Sie empfunden?

florent, ddp

Jubelnde Italiener, geknickte Deutsche - das hat auch Theo Zwanziger nicht gefallen (© Foto: ddp)

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Zwanziger: Es war deprimierend. Ganz klar. Ich finde gar kein anderes Wort dafür.

SZ: In Vertretung von Gerhard Mayer-Vorfelder waren Sie der Delegationschef. Was ist Ihnen zur Bankettrede Ermutigendes eingefallen?

Zwanziger: Ich habe es bewusst anders gemacht als üblich und habe keine Ansprache gehalten. Ich habe mich mit Jürgen Klinsmann ausgetauscht, bin dann zu den Spielern an ihre Tische gegangen und habe ihnen gesagt: "Jetzt halten wir keine großen Reden." Jeder weiß doch, dass das Spiel daneben war und dass wir unsere Fans wiedergewinnen müssen, die jetzt leiden wie ein Hund. Die Reaktion muss in drei Wochen beim Spiel in Dortmund kommen, da bin ich mir mit Jürgen Klinsmann einig.

SZ: Eine brasilianische Zeitung hat geschrieben, Jürgen Klinsmann stünde "am Vorabend der WM vor dem Rausschmiss". Wissen die mehr?

Zwanziger: Nein. Das ist absolut ausgeschlossen. Wir haben diesen Weg mit Jürgen Klinsmann in einer Situation begonnen, in der wir wussten, dass die WM 2006 ein schwieriges Projekt wird und sich unsere Mannschaft 2006 nicht von selbst aufstellt. Wir haben nicht die Spielerqualität, wie wir sie 1974 oder 1990 oder auch 1996 noch hatten. Das beruht einfach auf der Entwicklung der neunziger Jahre im deutschen Fußball, auf den Entscheidungen zur Marktöffnung nach dem Bosman-Urteil und dem Mauerfall.

All das hat 2004 zu der Erkenntnis geführt: Bei der WM 2006 haben wir eine einzige große Chance - und die liegt im Heimvorteil, in den Fans als zwölftem Mann. Wir wussten, dass wir eine junge Mannschaft haben würden, die einen Trainer braucht, der ungewöhnliche Wege geht. Im Übrigen muss ich sagen, dass es auch in Zeiten, in denen wir bessere Mannschaften hatten, in der Vorbereitungszeit Niederlagen gegeben hat.

SZ: Stimmt, das hat Tradition.

Zwanziger: Da muss ich nur meinen alten Freund Horst Eckel sehen, der als Weltmeister von 1954 gefeiert wird - wenn Sie mal nachlesen, was dem armen Sepp Herberger passiert ist, als er die Fünf aus Kaiserslautern und keinen aus Hannover aufgestellt hat, dann weiß man, wie Fußball ist.

Wir wollen nicht Vorbereitungsweltmeister werden, sondern im Turnier eine spielstarke, konkurrenzfähige Mannschaft haben, die weit kommt. Das Ziel wird Jürgen Klinsmann weiterverfolgen, und ich bin überzeugt, dass er das schafft. Ich habe meinen Optimismus für diese WM nicht verloren.

SZ: Hat Ihnen überhaupt etwas gefallen am Mittwoch?

Zwanziger: In der zweiten Hälfte hat zumindest das Engagement gestimmt, aber dazu trugen auch die Italiener bei, weil sie sich zurückgehalten haben. Also, Positives kann man wirklich nur erkennen, indem man die Lupe anlegt.

SZ: Gibt es Zweifel am Konzept des Bundestrainers?

Zwanziger: Nein, es gibt zu diesem Konzept keine Alternative, auch wenn es mit all den Ecken und Kanten verbunden ist, die sich aus Jürgen Klinsmanns Persönlichkeit und Einstellung ergeben.

SZ: Speziell Klinsmanns persönliche Einstellung bietet Ansatz zur Kritik. Ein berühmter italienischer Kommentator hat zur kalifornisch-deutschen Fernbeziehung bemerkt: Training via Internet - wie soll das funktionieren? Rückblickend: Hat man diesen Punkt unterschätzt?

Zwanziger: Die Tatsache, dass Klinsmann nicht in Deutschland wohnt, hat Vor- und Nachteile. Das wussten wir, dabei bleibe ich. Es war seine Entscheidung, es ergibt keinen Sinn, diese Diskussion nach jedem schlechten Spiel wieder aufzurufen. Das ist nicht die Ursache für das schlechte Spiel in Florenz.

SZ: Dazu stehen Sie unverändert?

Zwanziger: Wäre er hier, hätte er natürlich die Möglichkeit, häufiger Bundesligaspiele zu sehen, aber an die Spieler kommt er in den Klubs trotzdem nicht heran. Die sind in erster Linie bei ihren eigenen Trainern. Er kann also eigentlich nur beobachten. Diese Aufgabe hat er an den Joachim Löw delegiert, der ja ein erfahrener Trainer ist.

SZ: Erfahrener als Klinsmann.

Zwanziger: Viel erfahrener. So deckt Löw diesen Teil der Aufgaben ab. Klinsmann ist mehr derjenige im Trainerstab, der sich mit Konzepten und internationalen Analysen befasst. Die Ruhe dazu könnte er hier nicht haben. In Deutschland sind eben die Medien, Sponsoren und auch der DFB, der seine großen Persönlichkeiten gerne vorzeigen will. Es hat alles sein Für und sein Wider. Entscheidend ist nur die Frage, ob der Eindruck entsteht, dass er durch seine Abwesenheit die Mannschaft nicht richtig vorbereiten kann. Und das glaube ich nach wie vor überhaupt nicht. Im Gegenteil.

SZ: Woher stammt Ihre Überzeugung?

Zwanziger: Ich sehe doch, mit welcher Intensität er sich mit jedem einzelnen Spieler befasst. Nicht nur vor den Spielen. Auch durch Telefonate, was natürlich keiner sehen oder wissen kann. Wie er sich zum Beispiel mit Lukas Podolski auseinander setzt, da macht er wirklich alles, was möglich ist. Die Regelung, dass Klinsmann in den USA wohnt, ist ungewöhnlich - aber da wird auch sehr konservativ gedacht ...

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