Von Klaus Hoeltzenbein

Der Vizepräsident des WM-OK 2006, Wolfgang Niersbach, spricht über die Wahl der Quartiere und darüber, warum Ostdeutschland fast eine teamfreie Zone sein wird.

SZ: Die 32 Mannschaften haben ihre Quartierwahl getroffen: Zwar beherbergt Berlin die Deutschen und das vornehme Hauptstadt-Sprengsel Potsdam die Ukraine. Sonst aber wird der Osten eine teamfreie Zone sein. Warum?

Niersbach, dpa

Wolfgang Niersbach ist Vizepräsident des WM-OK (© Foto: dpa)

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Niersbach: Da muss man bei den Stadien anfangen. In der Bewerbung waren damals auch Städte wie Dresden, Magdeburg und Rostock dabei, die es dann aber nicht geschafft haben, es fehlten Voraussetzungen, nämlich ein Stadion mit mindestens 40 000 Plätzen. Klammert man Berlin aus, ist nur Leipzig als Spielort übrig geblieben. Wir haben deshalb ja ganz bewusst die WM-Auslosung im Dezember nach Leipzig gelegt, um damit der Welt zu zeigen: dies ist ein anderes Land als bei der WM 1974.

SZ: Nach der Auslosung hat es noch einmal die Bitte an die Teilnehmer gegeben: Schaut euch auch im Osten um.

Niersbach: Wir hatten einen Empfehlungskatalog mit 110 Hotels heraus gegeben, darin wurden 16 Quartiere im Osten angeboten. Das zeigt, dass wir den Osten so stark sehen wie alle anderen Regionen. Wir haben doch nicht gesagt: Geht an den Bodensee, geht nach Bayern, da ist es wunderschön. Wir hatten auch nicht geahnt, dass am Ende die meisten Teams nach Baden-Württemberg gehen.

SZ: Die Ursprungsidee war aber, dass sich das Gefühl des vereinigten Deutschland in der Wahl der Quartiere spiegelt.

Niersbach: So hoch haben wir das nie gehangen. Wir konnten und wollten nichts delegieren. Jeder hat seine Freiheit, wir akzeptieren jede Entscheidung, getroffen mit oder ohne den Katalog.

SZ: Nach dem nicht zwingend entschieden werden musste.

Niersbach: Natürlich nicht. Wir haben bei der WM 1998 ja auch ein Quartier in Nizza genommen, das nicht im Katalog der Franzosen stand. Da war die Aufregung groß, aber Berti Vogts hat damals gesagt: Wir sind Gäste, wir müssen doch das Recht haben, uns eine optimale Unterkunft zu suchen. 1990 in Italien war es genau so. Das Quartier in Erba am Comer See, das Franz Beckenbauer wählte, stand nicht im Katalog der Italiener.

SZ: Welche Wahl hat Sie überrascht?

Niersbach: Zum Beispiel, dass Spanien in die Sportschule nach Kaiserau geht. Ich dachte, die sind eher an einem Fünf-Sterne-Hotel interessiert. Aber der Trainer, Luis Aragonés, achtet stark auf Disziplin, Ordnung, Konzentration, deshalb Kaiserau. Wir sind ja froh, dass nicht nur Hotels, sondern auch vier Sportschulen gewählt wurden: Spanien ist in Kaiserau, Paraguay in Oberhaching, Polen in Barsinghausen und Togo in Wangen. Afrikas Mannschaften scheinen sonst eher einen hohen Hotelstandard zu bevorzugen. Oder die Amerikaner: die sahen sich fünf Quartiere an, und nun wollen sie in die Großstadt. Sie ziehen nach Hamburg ins Zentrum, unabhängig von der Sicherheitsproblematik. Das ist die Klinsmann-Philosophie: Nicht in eine abgeschiedene Sportschule, sondern mitten hinein nach Berlin, mitten hinein in eine pulsierende Stadt.

SZ: Es scheint aber doch ein Nachteil zu sein, dass der Osten eine Fußball-Problemzone ist: Keine Mannschaft spielt in der Bundesliga, nur vier sind in der zweiten Liga dabei. So fehlen die internationalen Kontakte.

Niersbach: Das glaube ich nicht. Einziges Argument könnte die Verkehrssituation sein, dass du da schon etwas mehr am Rande bist, als wenn du dich in Frankfurt direkt am Flughafen ansiedelst. Oder im Westen, wo binnen 50 Kilometern Umkreis zwanzig WM-Spiele stattfinden. Das ist ein logistischer Vorteil.

SZ: Wurde nicht auch die Angst vor Rassismus thematisiert?

Niersbach: Wirklich nicht, das war nie ein Thema. Wir sollten das jetzt auch nicht gesellschaftspolitisch überhöhen, denn meistens verbirgt sich hinter einer solchen Entscheidung doch nur die Philosophie eines Trainers. Oder eine sentimentale Erinnerung wie beim Beispiel Mexiko. Warum Göttingen? Die Mexikaner waren im Sommer beim Konföderationen-Pokal dort und wollten wieder dorthin. Oder Iran. Die hatten in der WM-Qualifikation ein Trainingslager in Friedrichshafen, sie waren begeistert, hatten Erfolg und sagten: Wir gehen zurück. Aber auch Puma hat vermittelt. Die Afrikaner stehen ja alle bei diesem Ausrüster unter Vertrag, und Puma hat sie Richtung Schweinfurt und Würzburg dirigiert. Konkurrent Adidas hat sich Argentinien nach Herzogenaurach geholt.

SZ: Dem Osten hat eine solche Lobby aus der Industrie offenbar gefehlt.

Niersbach: Wir als OK können es nicht ändern. Bei aller Politik, bei allem Wünschen, kann die Quartierwahl nur die Freiheit unserer Gäste sein.

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(SZ vom 20.1.2006)