SZ: Sie galten immer als integrative Kraft. Die Mechanismen des Profisports allein scheinen ihnen nicht zu reichen.

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Jeremies: Nee, als Profisportler braucht man Erfolg, und ich glaube, Erfolg kann man nur haben, wenn alle an einem Strang ziehen. Und wenn man verschiedene Gruppen in einer Mannschaft hat - drei aus der Nation, drei Junge, vier Alte, vier ganz Alte - ist auch klar, dass die unterschiedliche Interessen haben. Das muss man versuchen auszugleichen. Auch wenn mal Stress ist.

SZ: Es gab in Ihrer Zeit bei 1860 den Streit um den Rauswurf des Löwen-Kapitäns Manni Schwabl. Sie sind damals sogar der Weihnachtsfeier . . .

Jeremies: . . . Abschiedsfeier . . .

SZ: . . . fern geblieben, was als Akt der Solidarität mit Schwabl gedeutet wurde.

Jeremies: Das ist lange her, das kann ich so nicht mehr sagen. Aber . . . ich glaube, es war so: Damals war einen Tag vor Saisonende keine offizielle Abschiedsfeier geplant, dann haben wir das selbst in die Hand genommen, und am Freitagabend hieß es plötzlich, es sei doch eine offizielle Feier. Da haben wir gesagt: Bis jetzt hat sich keiner dafür interessiert, jetzt machen wir unser eigenes Ding. Es gab eine Diskussion, dann hieß es: Die Mannschaft geht eine halbe Stunde zu der offiziellen Feier und kommt dann zu der anderen Feier. Da habe ich gesagt: Habt ihr noch alle? Das ist ja viel peinlicher, wenn ich auf die offizielle Feier gehe, alle Leute sind da, und ich steh nach einer halben Stunde auf und gehe.

SZ: Die Diskussion um Schwabl hat damals ziemlich Wirbel verursacht in der Presse. Interessiert Sie so etwas?

Jeremies: Überhaupt nicht. Ich lese relativ wenig Zeitung

SZ: Haben Sie nie viel gelesen oder gewöhnt man sich das in München an?

Jeremies: Sicherlich stumpft man ab mit der Zeit. Man lernt, beim Negativen einfach wegzuhören. Ich glaube, ich war generell mental immer relativ stark. Weil ich trennen konnte, was mir wichtig ist und was andere schreiben. Für mich hat immer gezählt, dass ich alles gegeben habe, was ich konnte. Und wenn wir dann verloren haben, dann waren die anderen halt besser. Damit konnte ich leben.

SZ: Sie klingen wie Werner Lorant.

Jeremies: Das habe ich aber schon immer so gesehen.

SZ: Wo lernt man das?

Jeremies: Ich weiß es nicht. Das ist mir einfach von der Familie mitgegeben worden. Wenn man Ziele hat, muss man alles dafür tun. Ich glaube, dass man das nicht lernen kann. Es gibt sicherlich bessere Fußballer als mich, die es aber nicht geschafft haben, weil der Kopf nicht mitgemacht hat. Oder weil sie ihre Chance nicht gekriegt haben. Ich habe immer eine Chance bekommen.

SZ: Sie sind im Champions League-Halbfinale 2001 mit Ihrer Konsequenz so weit gegangen, dass Sie Ihr Knie notdürftig herrichten ließen, gegen Real Madrid das entscheidende Tor schossen, damit den Grundstein für den späteren Titelgewinn legten und danach ein Dreivierteljahr ausfielen. Ist das nicht etwas viel Professionalismus: Champions League-Titel gegen . . .

Jeremies: . . . eigentlich Karriereende. Damals war die Chance 1:99, überhaupt jemals wieder zu spielen.

SZ: War das richtig?

Jeremies: Ja. Definitiv. Ich war immer bereit, für große Ziele die Grenzen hinauszuschieben. Wie gefährlich das war, hat man ja erst im Nachhinein reflektiert. Man hat halt Schmerzen gehabt, okay, aber wir waren kurz vor dem Finale, nachdem wir zwei Jahre zuvor dieses Champions League-Finale in Barcelona gehabt hatten, das wir gegen Manchester nach 1:0-Führung in der Nachspielzeit 1:2 verloren hatten und an das wir zwei Jahre lang jeden Tag gedacht haben.

SZ: Jeden Tag?

Jeremies: Irgendwann hat jeder dran gedacht: Ach, damals in Barcelona.

SZ: Und heute?

Jeremies: Nicht mehr, eben weil wir dann 2001 gegen Valencia im Elfmeterschießen gewonnen hatten.

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