SZ: Was muss passieren, damit die Mannschaft von heute sich ebenso oder ähnlich entwickelt?
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Kretzschmar: Sie muss spielerisch das Grundlegende neu erlernen. Die elementarsten Sachen sind dieser Mannschaft abhanden gekommen: Passgenauigkeit, Ballsicherheit, mit dem Kreis zusammenspielen, den Kreis überhaupt mal sehen. Die Außen werden gar nicht ins Spiel einbezogen. Der Bundestrainer muss eigentlich einen Plan ausgeben bis Olympia 2012 und den Jungs für ihr Heimtraining ganz elementare Aufgaben geben.
SZ: Wie kann das sein? Die spielen alle in der Bundesliga.
Kretzschmar: Ich weiß nicht, wie die Fehlerquoten in der Bundesliga aussehen, aber was hier passiert ist, das ist extrem. Das ist nicht normal. Talent hat die Mannschaft ja, aber den Rest muss sie sich antrainieren.
SZ: Hat sie wirklich so viel Talent?
Kretzschmar: Wir können es ja mal durchgehen. Holger Glandorf - einer der besten Halbrechten, die es gibt, als er in Nordhorn spielte, hat er die Liga dominiert. Torsten Jansen - 80 Prozent Effektivität bei den Würfen, höchste Intensität in der Abwehr. Halblinks spielt Pascal Hens, wenn er fit ist - eine Waffe. Auf der Mitte Michael Kraus - der vielleicht talentierteste Spieler dieser Welt. Muss man ehrlich mal sagen.
SZ: Ist das so?
Kretzschmar: Der hat Waffen in seinem Arsenal, die kriegen ganze Mannschaften nicht zusammen. Der kann eigentlich alles, er ist extrem dynamisch, er hat einen Wurf wie kaum jemand, er hat einen schnellen ersten Schritt, er hat das Spiel - na ja, noch nicht so ganz verstanden, aber er wird es verstehen. Doch er scheint sich selbst im Wege zu stehen. Er war bei diesem Turnier gar nicht anwesend. Als Rechtsaußen hat sich Christian Sprenger unter Wert geschlagen. Dazu kommen zwei gute Torhüter, Theuerkauf am Kreis hatten wir ja schon. Was Talent angeht, ist das eine Mannschaft, die totale Weltspitze werden könnte. Aber wenn man jeden einzelnen anschaut, hat im Grunde niemand seine Leistung gebracht.
SZ: Alle haben gekämpft.
Kretzschmar: Das ist das Mindeste, was ich erwarten muss, da sitzen sechs Millionen Leute vorm Fernseher. Wenn das alles ist, ist das ein Armutszeugnis.
SZ: Bei den Junioren sind die Deutschen immer vorne dabei. Warum kommt so wenig oben an?
Kretzschmar: Weil man die Jungen erst gar nicht nach oben schickt. Im Rückraum spielt kein großer Bundesligist mit jungen deutschen Spielern.
SZ: Müssen die vielleicht ins Ausland gehen? Nach Frankreich zum Beispiel?
Kretzschmar: Die Talente, die es in Deutschland gibt, reißen sich die Vereine, die sie bezahlen können, sofort unter den Nagel, als Investition in die Zukunft. Die haben alle einen Vertrag. Ein Klub wie Hamburg zum Beispiel sichert sich den Linksaußen, der Junioren-Weltmeister geworden ist, um einen zu haben, wenn Torsten Jansen in drei Jahren aufhört. Das heißt, den Nachwuchsmann sieht man in den kommenden drei Jahren nicht. In Magdeburg sehe ich es auch, wir haben viele Talente, aber als Trainer traust du dich nicht, die zu bringen, wenn es in jedem Spiel um alles geht.
SZ: Was tun?
Kretzschmar: Eine ultimative Lösung habe ich auch nicht. Die Spieler müssten vielleicht der Versuchung widerstehen, zu früh des Geldes wegen zu größeren Klubs zu gehen, bei denen sie dann nicht mehr spielen. Was Talente angeht, haben uns die anderen Nationen ja nichts voraus. Nehmen wir das größte Talent auf Rechtsaußen, Patrick Groetzki - der spielt bei den Rhein-Neckar-Löwen. Die haben da mit Uwe Gensheimer und Groetzki die vielleicht beste Flügelzange, aber beide kommen kaum zum Einsatz. Genau da krankt das System.
SZ: Wäre es denkbar, dass die Nationalmannschaft es nicht schafft? Dass der Umbruch scheitert?
Kretzschmar: Das halte ich nicht für möglich. Ob sie es nach ganz oben schafft, weiß man nicht, aber sie wird sich auf jeden Fall deutlich verbessern. Es fehlt halt, wie gesagt, ein Anführer.
SZ: Es ist also definitiv eine Mannschaft, die Bundestrainer Brand nicht sich selbst überlassen kann. Er muss sie eng führen, wie er Ihre Mannschaft am Anfang eng geführt hat.
Kretzschmar: Ja, und das spürt er ganz genau. Ich habe am Anfang des Turnier mit ihm gesprochen und ihn gefragt, ob er gut schlafen kann. Und er hat mir erzählt, dass er noch nie so nervös war wie vor diesem Turnier.
SZ: Heiner Brand nervös? Kleiner Scherz, oder?
Kretzschmar: Überhaupt nicht. Er hat kaum geschlafen nachts, hat er gesagt, er war immer um halb fünf schon wach. Er wirkt so ruhig, aber er hat erzählt: ,Kretzsche, das bin ich nicht, ich bin nervös'. Dass er so etwas kann, das so zu verbergen - das wusste ich nicht. Das ist für mich vielleicht die größte Überraschung.
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(SZ vom 29.01.2010)
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