Interview mit Mehmet Scholl "Von jetzt an gehe ich kegeln‘‘

Interview mit Mehmet Scholl

Mehmet Scholl war zwar nie der große Torjäger, aber seine Dribblings gehörten zu den schönsten in ganz Europa.

(Foto: Foto: AP)

SZ: Sie haben stattdessen öfter mal über Buddhismus gesprochen.

Mehmet Scholl: Das ist zu hoch gegriffen, ich bin kein Buddhist. Wenn du die zehn Gebote befolgst, bist du auch ein guter Mensch. Aber ich finde Buddhismus praktikabler, der schreibt nichts vor. Der rote Faden, der sich durch den Buddhismus zieht, hilft in vielen Lebenslagen.

SZ: Sie haben in Krisen einigen wenigen Männer vertraut, wie Ihrem Vater, Rainer Ullrich, dem verstorbenen Berater Axel Mayer-Wölden. Und natürlich auch Uli Hoeneß, der wohl mehr von Ihnen weiß als jeder andere.

Mehmet Scholl: Glaub ich nicht mal, und in den letzten Jahren hat er mich total losgelassen. Wir haben immer schwierige Phasen miteinander gehabt, aber die Basis stimmte. Das ist wie in einer Ehe: Wenn du dich auf einer gesunden Basis streitest, bleibt nichts hängen. Ich habe das Glück, dass ich mich in meinem Leben auf die richtigen Leute verlassen habe. Das war kein Wissen, das war Gefühl. Ich achte immer noch darauf, wie ich mich fühle, wenn ich jemanden treffe. Fühle ich mich wohl oder fühle ich mich ausgesaugt? Viele meinen, ich hätte eine Freundschaft mit Uli Hoeneß, aber das ist es keinesfalls. Freundschaft bedeutet ja auch Gleichberechtigung, und ich bin mir nicht sicher, ob er gemerkt hat, dass ich auf die 37 zugehe. Es ist wohl so eine Vater-Sohn-Sache. Er staucht mich ja auch mal wegen irgendwas zusammen.

SZ: Hätte nicht ohnehin eine andere Art Klub besser zu Ihnen gepasst, etwa die Richtung SC Freiburg oder Mainz 05?

Mehmet Scholl: In der Hinsicht, dass mich Macht nicht interessiert, haben Sie ganz sicher recht. Ich bin auch nicht hinter dem Geld her wie verrückt. Aber ich wollte immer an der Spitze mitspielen, Titel gewinnen, Meister werden, international anerkannt sein. Den sportlichen Ehrgeiz konnte ich nur bei Bayern verwirklichen.

SZ: Sie haben sich auch bei Bayern stets an jenen gerieben, die Macht personifizierten: Matthäus, Effenberg, Kahn.

Mehmet Scholl: Ja, weil ich immer eine andere Meinung zur Außendarstellung des FC Bayern hatte als meine Kapitäne. Ich habe keine Ahnung, ob mein Modell durchsetzbar wäre, aber es hieße: Lasst doch dieses FC Großkotz, das geht den Leuten doch nur noch auf die Nerven!

SZ: Ihre Abneigung gegen Machtmenschen ging so weit, dass Sie Bayern sogar verlassen wollten, als Effenberg kam.

Mehmet Scholl: Ja, das war aber noch zu meiner blöden Phase. Auf Stefan lasse ich nichts kommen. Menschlich waren wir sehr unterschiedlich, aber als Kapitän war er super. Ich erinnere mich an ein Spiel gegen den SC Freiburg. Die haben in der ersten Halbzeit Jojo mit uns gespielt. Wir hatten drei Mann im Mittelfeld, und die waren zu fünft. In der Kabine frage ich: ,Effe, was machen wir denn jetzt?' Er: ,Mehmet, geh du weiter vor.' - ,Aber dann sind wir ja noch einer weniger im Mittelfeld!' - Sagt er: ,Egal, geh' du vor, ich nehm' die vier.' So war der Effe. Wir haben übrigens 1:0 gewonnen.

SZ: Das klingt erstaunlich begeistert. Aber Freunde haben Sie im Profifußball angeblich nicht. Weshalb?

Mehmet Scholl: Das stimmt, da ist mir nur der Sterni (der frühere Bayern-Profi Michael Sternkopf) geblieben, mit Markus Feulner (Mainz 05) habe ich noch Kontakt, und mit Horst Heldt (Sportchef beim VfB Stuttgart). Dem habe ich jetzt gesagt: ,Demütig sein, und denk' dran: Es kommen auch andere Zeiten, und zwar schneller als du denkst, wenn du dich jetzt aus dem Fenster lehnst.' Aber der Horst macht das wirklich gut, er war als Mitspieler in der U21 schon ein Schlawiner.

SZ: Was nehmen Sie sonst mit an Erinnerungen, von Trainern wie Erich Ribbeck, von besonders gelungenen Spielen?

Mehmet Scholl: Ribbeck war ein Pfundstyp - nur beim Fußball haben wir immer gestritten. Meine beste Serie war sicher 1996, aber sie war auch krass. In der Meisterschaft wurden wir Zweiter, haben dann den Uefa-Cup gewonnen, vier Wochen später mit der Nationalelf die EM, und drei Tage später kam Lucas auf die Welt. Doch danach war alles am Arsch und nichts mehr, wie es vorher war: Dann kam mein privates Horrorjahr 96/97, das mit der Scheidung endete.

SZ: Sie haben Effenberg als Kapitän gepriesen. Wer sonst hat Sie beeindruckt?

Mehmet Scholl: Als Mitspieler sicher Lothar Matthäus, er hat Weltkarriere gemacht. Mit der Beste war Raúl, auch Zidane natürlich. Thierry Henry dagegen haben wir stets abgekocht - der Sammy Kuffour hat ihn einfach immer getreten, oder auch der Thomas Linke. Manchmal waren solche Spiele auch eine Schlacht und Fouls unser Mittel. Einmal gegen Arsenal London, da hat der Jens Jeremies deren Franzosen Vieira umgetreten - aber übel! -, und als der wieder aufstand, hat der Jerry zu ihm gesagt: ,Siehst du die Mittellinie? Kommst du drüber, macht es aua! Hier drüben aua, da drüben gut!'

SZ: Sehr amüsant, so etwas bleibt.

Mehmet Scholl: Ja, oder auch der Willy Sagnol. Der hat mal in Stuttgart zum Markus Merk gesagt: ,Schiedsrichter, wir wechseln!' - Der schaut raus und sagt: ,Da steht ja keiner:' - Der Willy: ,Nee, wir wechseln dich!' Das vergisst du nicht.

SZ: Wessen Härte war gefürchtet?

Mehmet Scholl: Naja, gegen Lautern hat immer Axel Roos gegen mich gespielt, klein, kräftig, drahtig, schnell - er ist mir also nicht gelegen. Otto Rehhagel hat ihn immer gegen mich gestellt. Einmal bin ich dann über Nacht krank geworden - da hat Rehhagel den Roos komplett aus dem Kader gestrichen! Er hatte wohl sonst keine Verwendung für ihn. Schwierig waren für mich immer die Alten mit Erfahrung. An denen kam ich schwer vorbei.

SZ: Womit wir wieder beim Montagskick mit Uli Hoeneß sind.

Mehmet Scholl: Stellt' euch mal vor, ich täusch' an und laufe auf Uli Hoeneß auf. Dann sinke ich wie die Titanic!

SZ: Das will ja keiner. Wo werden Sie dann künftig Ihren Spieltrieb ausleben?

Mehmet Scholl: Kegeln werde ich.

SZ: KEGELN?

Mehmet Scholl: Ja, das mach' ich schon seit einiger Zeit wieder beim FC Bayern. Wenn du da richtig die Gasse trifft, uiii - das ist wirklich geil! Ein Traumsport, das können Sie mir glauben. Demnächst werde ich öfter als einmal die Woche trainieren.

SZ: Kein Golf spielen wie alle anderen beim FC Bayern, sondern kegeln?

Mehmet Scholl: Ja, ich gehe kegeln. Golf werde ich nicht spielen, denn das passt nicht zu mir ... Nein, das passt nicht.