Interview mit Jochen Behle "Die Tendenz geht klar in die falsche Richtung"

Nach zehn Jahren als Bundestrainer hat Jochen Behle den Eindruck, nicht mehr der starke Cheftrainer sein zu können, der er mal war. Also geht er. Im SZ-Interview spricht er über die Gründe seines Ausscheidens, die Probleme im deutschen Langlauf und seine eigene Zukunft.

Von Thomas Hahn

Sein Job als Langlauf-Cheftrainer des Deutschen Skiverbandes (DSV) ist für Jochen Behle nicht mehr das gewesen, was er mal war. Auf diesen Nenner kann man die Gründe wohl bringen, die Behle dazu bewogen haben, nach 13 Jahren beim DSV aus der Verbandstätigkeit auszusteigen. "Wenn ich dafür verantwortlich bin, muss ich auch sagen können, was wir verändern", sagt Behle im Interview mit der Süddeutschen Zeitung, "und wenn man sieht, dass man nicht mehr so auf die Sportler einwirken kann, dann stehe ich auch für diese Situation nicht mehr gerade."

"Es ist Zeit für einen Neuanfang im deutschen Langlauf": Jochen Behle.

(Foto: dpa)

Behle war immer ein starker Bundestrainer, der es gewohnt war, am Ende seine eigenen Vorstellungen durchzusetzen. Und nach dieser Saison, die für die deutschen Langläufer eine durchwachsene war, hatte er nicht mehr den Eindruck, seine Vorstellungen durchsetzen zu können. Es sagt ziemlich viel über den Zustand der Langlauf-Abteilung im DSV, dass Jochen Behle keine Lust mehr hat auf seinen Posten. Nachdem Behle 1999 zum Verband gekommen war - zunächst als Weltcup-Koordinator, erst ab 2002 war er Bundestrainer -, stiegen die deutschen Langläufer um die Ausnahmetalente Axel Teichmann und Tobias Angerer aus dem Mittelmaß in die internationale Spitze auf.

Und das hatte viel damit zu tun, dass Behle und seine Mitstreiter die Strukturen im Verband veränderten: Die besten Langläufer trainierten in drei verschiedenen Stützpunkten, aber Athleten, Stützpunkttrainer und Techniker traten als Team auf, in dem jeder für jeden arbeitete. Heute ist das Gefüge zerstreuter.

Teichmann, Angerer und der dritte hochdekorierte Ü30-Läufer Jens Filbrich haben sich selbstständig gemacht, sie suchen so gut wie gar nicht mehr den Vergleich zu jüngeren Läufern im Kader, "obwohl ich der Meinung bin, dass das für die Älteren nötig wäre, um im Training mehr Herausforderungen zu haben als in der kleinen Gruppe", wie Behle sagt.

Andere wie die zweimalige Olympiasiegerin Evi Sachenbacher-Stehle haben sich der Biathlon-Trainingsgruppe angeschlossen. "Das sind für mich keine klaren Strukturen mehr", sagt Behle. "Durch diese vielen Sonderlösungen kann jeder Sportler so eine bisschen sein eigenes Ding machen, das der Verband dann auch immer wieder genehmigt. Da wird es auch immer schwieriger, als Team aufzutreten. Und das war immer eine Prämisse von mir: diese Team-Geschichte. Die fängt an zu bröckeln." Die Folge: "Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich an die Athleten nicht mehr so herankomme, um etwas ändern zu können und die Leistung zu verbessern." Behle fand es am Anfang gut, dass die Ältesten neue Trainingsreize setzen wollten, aber gerade bei Teichmann (51. des Gesamtweltcups) und Filbrich (25.) ist er nach den Eindrücken des vergangenen Winters der Meinung: "Die Tendenz geht klar in die falsche Richtung."

Gegensteuern täte Not, aber in den Gesprächen mit den Sportlern hat Behle offensichtlich den Eindruck bekommen, dass sie sich von ihm nichts sagen lassen wollen. "Wenn ich dafür verantwortlich bin, muss ich auch sagen können, was wir verändern. Und wenn man sieht, dass man nicht mehr so auf die Sportler einwirken kann, dann stehe ich auch für diese Situation nicht mehr gerade", sagt Behle. "Ich muss hinter dem stehen, was ich mache. Und hinter dem, wie das jetzt läuft, stehe ich halt nicht mehr so." Jochen Behle ist zufrieden mit seiner Zeit beim DSV. "Es war schön." Kein Wunder, kein deutscher Langlauf-Bundestrainer war erfolgreicher als er. Drei WM-Titel, zwei Olympiasiege, vier Gesamtweltcup-Gewinne fallen in seine Ära. Seit er seine Tätigkeit aufnahm, haben die deutschen Langläufer immer Medaillen bei Saison-Höhepunkten wie WM oder Olympia gewonnen.

Mit seinem Leistungssport-Instinkt ("Letztendlich geht es darum, dass wir Leistung produzieren müssen") lag er so gesehen meistens richtig. Jetzt hat er den Eindruck, nicht mehr der starke Cheftrainer sein zu können, der er mal war. Also geht er. Was nach der DSV-Zeit kommt, weiß Jochen Behle noch nicht. "Ich lasse die Dinge auf mich zukommen. Ich bin jetzt erstmal Privatier, wie man so schön sagt."

Das komplette Interview lesen Sie in der Samstagsausgabe der Süddeutschen Zeitung: