Interview mit Ines Geipel über Doping "Es melden sich Athleten, die bis 2004 aktiv waren"

Schwimmerin Karen König (ganz rechts; mit Staffelkolleginnen) ist eine ehemalige Sportlerin, die als Doping-Opfer anerkannt ist.

(Foto: Werner Schulze/imago)

Als Athletin wurde Ines Geipel selbst gedopt, heute kämpft sie für die Opfer des DDR-Zwangsdopings. Im SZ-Interview zieht sie eine bittere Bilanz: Während sich Sport und Politik taub stellen, melden sich immer mehr Geschädigte - auch aus der Zeit des wiedervereinigten Sports.

Von Johannes Aumüller

Ines Geipel war einmal eine der besten Sprinterinnen der DDR. Sie gehörte zum Nationalkader, 1984 stellte sie mit ihren Kolleginnen vom SC Motor Jena über 4x100 Meter den Staffel-Weltrekord für Vereine auf - mit einer Zeit von 42,20 Sekunden, mit der sie noch bei den Olympischen Spielen 2012 in London um die Medaillen mitgelaufen wären.

Doch daneben war Ines Geipel vor allem eines: ein Opfer des rigorosen DDR-Systems. Sechs Jahre lang zählte sie zu den vielen Tausend Athleten, die unwissentlich Teil des staatlichen Zwangsdopingsystems waren. Sie wurden von der Stasi bespitzelt und musste 1985 aus politischen Gründen ihre Karriere beenden, 1989 floh sie in den Westen.

Ines Geipel, 54, leitet den Doping-Opfer-Hilfe-Verein (DOH).

(Foto: AFP/Getty Images)

Seit ein paar Jahren ist Geipel, 54, eine der engagiertesten Stimmen im Anti-Doping-Kampf, seit 2013 leitet sie den Doping-Opfer-Hilfe-Verein (DOH). Und in dieser Funktion ist sie massiv verstört über das Verhalten von Sport und Politik gegenüber den Dopingopfern der Vergangenheit. "Wenn es um die Doping-Geschichte und um die Opfer in Ost und West geht, verfällt der Sport, aber auch die Politik in einen komatösen Zustand. Außer ein paar warmen Worten kommt von beiden nicht viel", sagt sie. Dabei geht es um das Schicksal sehr vieler Menschen: Bisher haben sich bei der DOH 700 Fälle gemeldet, nach Schätzungen gibt es insgesamt 2000 Fälle mit irreversiblen Schäden.

Geipel moniert, dass die finanzielle Unterstützung der Dopingopfer nahe null war. Sie fordert drei Dinge: eine politische Rente als symbolische Anerkennung des Geschehens in der DDR, einen Akutfonds sowie ein Zentrum für die Dopingopfer, bei denen sich spezialisierte Ärzte um sie kümmern.

Geipel blickt aber nicht nur wegen des Umgangs mit der Vergangenheit kritisch auf die Verantwortlichen in Sport und Politik, sondern auch wegen ihres Verhaltens mit Blick auf die Gegenwart. "Wir können durch die Arbeit unserer Beratungsstelle dokumentieren, dass das Doping-Problem eben nicht pünktlich 1989/90 aufgehört hat, wie es zum Selbstverständnis von Sport und Politik gehört", sagt sie. "Inzwischen melden sich Athleten bei uns, die bis 2004 aktiv waren." Allerdings gebe es auch hierauf keine angemessenen Reaktionen.

Eine deutsche Olympia-Bewerbung lehnt sie deshalb sowie mit Blick auf das Wirken mancher hochbelasteter Ex-DDR-Funktionäre in den Strukturen des heutigen Sports ab. "Wer jetzt Olympische Spiele forciert und Deutschlands Sportsystem entsprechend optimiert und auf Medaillen trimmt, ohne dass er mit den schweren Hypotheken ernsthaft umgegangen ist - der ist ganz klar für systematischen Betrug", sagt Geipel.

Interview im Wortlaut

Das vollständige Interview mit Ines Geipel lesen Sie in der gedruckten Ausgabe der Süddeutschen Zeitung (Wochenendausgabe) oder in der digitalen Ausgabe auf dem Smartphone oder Tablet.