Ullrich: Das weiß ich nicht, ich werde versuchen, dran zu bleiben und ihn abzuhängen. Wie, ist mir egal. Wenn ich wieder nicht aus dem Sattel gehen kann und im Sitzen schneller bin, dann fahre ich im Sitzen weiter.

Jan Ullrich (© )

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SZ: Bislang ist Ihnen Armstrong häufiger enteilt. Was ist das für ein Gefühl, wenn er sich umschaut und davon fährt?

Ullrich: Wie Lance meistens weggefahren ist, zum Beispiel in Alpe d'Huez, da habe ich erst gedacht: "Oh, der hat oben eine Viertelstunde Vorsprung." Und dann sind es doch nur knapp eineinhalb oder mal zwei Minuten gewesen. Es ist deshalb nicht ganz so schwer, weiter zu fahren - denn der Berg endet ja erst oben. Das ist für mich in diesen Momenten die Motivation, denn vielleicht hat ja auch er mal einen schlechten Tag. Und mir ist es doch auch schon zwei-, dreimal gelungen, ihm am Berg ein bisschen Zeit zu nehmen. Jeder hat einen schlechten Tag, aber wenn dieser Tag die Königsetappe ist, hat man eben verwachst. Das kann auch einem Lance Armstrong passieren.

SZ: Nach dem Teamzeitfahren geht es zunächst in die Vogesen. Dort hätten Sie 1997 fast noch die Tour verloren.

Ullrich: Mag sein, aber ich bin nach den Flachetappen wirklich um jeden Berg froh, wenn es etwas hoch und runter geht. Die Flachetappen sind für mich einfach nur Stress, wegen der Sturzgefahr. Deswegen werde ich mich auf die welligen Vogesen freuen.

SZ: Anschließend, nach dem ersten Ruhetag, folgt die erste Bergankunft in Courchevel. Dort haben Sie 2000, als die Tour an Armstrong verloren war, von "einer Art Selbsterkennung gesprochen" und Besserung für künftige Tour-Vorbereitungen gelobt. Was von den damaligen Vorsätzen haben Sie umgesetzt?

Ullrich: Courchevel ist für mich zunächst einmal kein schlimmer Berg, vor dem ich Angst hätte. Aber nach 2000 habe ich versucht, nicht zu spät dran zu sein, nicht immer alles im Eiltempo vor der Tour aufholen zu müssen. Ich denke, in diesem Jahr ist mir das gelungen, denn ich laufe der Form nicht hinterher. 2000 bin ich erst gerade zur Tour fit geworden und mit einer schlechten Form so gerade noch Zweiter geworden.

SZ: Armstrong würde das nicht passieren, dass er im Winter halbe Kraft geht.

Ullrich: Ich bin halt ein Typ, der sich im Winter wieder aufladen muss. Als Fahrer fürs Gesamtklassement gehst du halt bei ein, zwei Rundfahrten ans Limit, nur dafür trainierst du fast ein Jahr.

SZ: Was Armstrong im Grunde auch macht. Ist er nur besessener?

Ullrich: Fragen Sie ihn! Ich weiß es nicht, aber ich glaube zu wissen, dass man nach so einer Krankheit, bei der man dem Tod gerade noch von der Schippe gesprungen ist, sein Leben ändert und alles ganz anders sieht. Lance hat doch nach seiner Krankheit sein Leben komplett umgestellt, vielleicht ist er deshalb verbissener geworden. Vorher war er ja nur Eintages-Spezialist, also muss doch etwas in seinem Kopf passiert sein.

SZ: Nach Courchevel folgen auf dem Weg nach Briançon der Madeleine und der Galibier, wo Sie '98 eingebrochen sind. Haben Sie Angst vor den Schmerzen, die an solchen Tagen bevorstehen?

Ullrich: Angst nicht, ich mache das jetzt seit dem neunten Lebensjahr - ich lebe mit den Schmerzen. Wenn ich Angst hätte, obwohl ich mich jeden Tag mit Schmerzen beschäftigen muss, würde ich nicht mehr Rad fahren. Und du stellt dich dem Schmerz doch gerne, wenn du vorne bei der Musik mitfahren kannst.

SZ: Bergankünfte...

Ullrich: ... sind immer Schlüsseletappen. Das Gefühl spielt eine große Rolle vor so einer Etappe: Was ist mit den Beinen, wie hat man geschlafen? Ich kann mir deshalb jetzt auch nicht irgendeine Etappe raussuchen, denn wenn es mir dann nicht gelingt, bin ich total enttäuscht - oder ich hole Zeit heraus, habe mich aber total verausgabt. Ich muss jeden Tag dabei sein. Alle Bergankünfte sind Schlüsselstellen.

SZ: Wieso warten die Favoriten auf einer Etappe stets bis zum letzten Berg mit ihrer Attacke?

Ullrich: Als Mitfavorit kann ich nur einmal so richtig ans Limit gehen. Und einen Pass vorher zu probieren, Lance aus dem Schuh zu fahren, das bringt nichts. Das habe ich ja schon mal probiert...

SZ: ...2003 am Tourmalet...

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