Von Henrik Bork

Die Kapitulation des IOC vor der Internet-Zensur durch China ist ein unverschämter Wortbruch. Das Komitee macht sich damit zum Komplizen.

China und das Internationale Olympische Komitee (IOC) haben die Weltöffentlichkeit monatelang gemeinsam getäuscht. Sie hatten stets freie Berichterstattung während der Pekinger Spiele versprochen. Die wird es nicht geben.

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Keine freie Berichterstattung während der Olympischen Spiele: Das IOC und China haben die Weltöföfentlichkeit getäuscht. (© Foto: AFP)

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In einem Interview mit einer in Hongkong erscheinenden Zeitung erklärt nun Kevan Gosper, der Vorsitzende der Pressekommission des IOC, er und seine Organisation seien da "ohnmächtig". China sei nun einmal ein kommunistisches Land und lasse sich nicht vorschreiben, ob es das Internet zensiere oder nicht.

Diese Kehrtwende so kurz vor Beginn der Spiele ist eine Frechheit. Denn derselbe Kevan Gosper und auch IOC-Präsident Jacques Rogge hatten noch in diesem Monat öffentlich behauptet, die Berichterstattung während der Pekinger Sommerspiele werde frei sein. Als Beispiel für diese Freiheit hatten sie ausgerechnet immer wieder jenen "unzensierten Zugang" zum Internet genannt.

China blockiert nicht nur die Webseiten von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International, sondern auch kritische Medien in aller Welt und eine Vielzahl sensibler Webseiten zu Themen wie Tibet, Taiwan oder dem Tiananmen-Massaker. Der plötzliche Tonwechsel beim Olympia-Verband lässt nun vermuten, dass es seit langem eine Komplizenschaft zwischen IOC und der chinesischen Diktatur in dieser Frage gegeben hat.

Dem IOC kann es nicht entgangen sein, dass China eine störrische Diktatur ist, deren Wort nicht viel gilt. Hätte sich das Komitee diese Tatsache zu einem früheren Zeitpunkt eingestanden, hätte es über einen Verzicht auf das Milliardengeschäft in China nachdenken müssen.

Jetzt ist klar geworden, dass China stets mit doppelter Zunge gesprochen hat, wenn es freie Berichterstattung während der Spiele versprach. Mit "frei" meinen die Chinesen also unzensierte Berichterstattung über 100-Meter-Läufe.

Zwar war ihnen sehr wohl bewusst, was "frei" in den westlichen Medien bedeutet - eine politisch freie Berichterstattung während der Spiele, also freies Recherchieren, Gespräche mit Regimekritikern, möglicherweise sogar Reisen nach Tibet. Doch China hatte nie vor, sein Wort zu halten. Ausreichend für die Weltpresse ist das, was China für ausreichend hält, und für diese Haltung hat es nun auch noch den Segen des IOC.

Der eigentliche Skandal liegt beim IOC. Der Verband hat laviert und entschuldigt sich sogar dafür, wenn seine Aussagen über freien Internet-Zugang irreführend gewesen seien. Die Worte von IOC-Mann Gosper aber sind scheinheilig. Das wird so nicht genügen.

Wenn Gosper wirklich so ohnmächtig ist, wie er behauptet, sollte er zurücktreten. Und Jacques Rogge muss in den kommenden Tagen Druck auf die Chinesen ausüben, das Internet doch noch freizuschalten. Das IOC darf nicht vergessen, dass es einen Teil seiner Milliardeneinnahmen den internationalen Medien verdankt. Ein so unverschämter Wortbruch sollte da auch rechtliche Folgen haben.

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(SZ vom 31.07.2008/hai)