Von Thomas Hummel

Der Weg aus der Spielkonsole in die reale Welt: In Berlin sucht wieder eine Internet-Community einen Fußballverein, der sich aus dem Web lenken lässt.

Einmal muss jeder ein Fußball-Manager sein. Wer nach einem Freizeitkick, in Großraumbüros oder auf dem Pausenhof mitreden will, der sollte Erfahrung mit dem Gefühl haben, wie schlimm es ist, wenn die Mannschaft trotz sachkundiger Vorbereitung verloren hat. In Internetportalen wie Communio oder Hattrick, auf verschiedenen Spielkonsolen - die elektronische Welt ist voll mit Fußball-Manager-Animationen. Doch die Entwicklung der virtuellen Kicks verläuft rasant, das Spiel wird bisweilen derart realistisch dargestellt, dass eine Steigerung immer schwerer vorstellbar erscheint. Es sei denn, in der realen Welt.

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Spielt auch Joachim Löw mit? Noch ist der Bundestrainer alleine dafür zuständig, wer in der Nationalmannschaft spielen darf. (© Foto: Getty)

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"Es wäre doch super, nicht nur die Grafik zu sehen, sondern richtige Menschen", sagt Andreas Cem Vogt. Der 36-Jährige hat sich auf den Weg gemacht, das zu realisieren. Auf Initiative von Vogt hat sich in Berlin die zweite Internet-Community in Deutschland gebildet, die zum Ziel hat, Anteile an einem echten Fußballklub zu erwerben: unserfussballclub.de.

Vogt macht das, weil er einerseits Fußballfan ist, andererseits auch Internet-Fan. Er beschäftigt sich seit einiger Zeit beruflich mit Online-Communities und glaubt an die Möglichkeiten, die hinter den englischen Wortungetümen "crowdsourcing" und "crowdfunding" stehen. Übersetzt bedeutet das in etwa Intelligenz der Masse und die Projektfinanzierung durch die Masse. Hier soll sich eine Masse an Fußballfans (etwa 20.000) finden, die einen Jahresbeitrag einzahlt. Die Gesamtsumme soll dann einem Fußballklub zu Gute kommen, der dafür bereit ist, Macht abzugeben.

Beim Sushi-Essen hat Vogt Freunden aus der Internet-Branche davon erzählt, heute stehen sechs Online-Experten der unserfussballclub.de-GmbH vor. Die Vorbilder heißen zum Verwechseln ähnlich: myfootballclub.co.uk in England und deinfussballclub.de in Köln. Sie haben jeweils Anteile an einem Fußballverein erworben, auf der Insel sind es 51 Prozent beim Fünftligisten Ebbsfleet United, in Köln werden es 49 Prozent beim dortigen Fünftligisten Fortuna sein. Mehr ist nach dem deutschen Vereinsrecht nicht möglich. Vogt und Kollegen haben noch keinen Verein. Den soll sich die Community unter Moderation der GmbH-Gründer selbst aussuchen.

Wer braucht eine Finanzspritze

"Wir haben Klubs im Hinterkopf", sagt Vogt, doch ins Detail will er nicht gehen. Klappt es, wird sich das Engagement wohl im Bereich zwischen dritter und fünfter Liga abspielen. Doch letztlich sollen die Mitglieder entscheiden. "Wo die Masse sagt: Da möchten wir rein", da würden Vogt und Kollegen ansetzen. Egal ob in Stuttgart, Essen oder Emden.

Sicher ist, dass ein Klub der ersten und zweiten Liga unrealistisch ist, selbst die dritte Liga ist wohl kaum zu stemmen. Es soll aber ein Verein werden, der Perspektive bietet. "Es gibt Klubs, die Potential haben, die eine Idee haben, die aber noch eine Finanzspritze brauchen", sagt der Berliner. Etwa wenn aus der Jugendmannschaft regelmäßig gute Spieler hochkommen, die aber mangels Geld schnell verkauft werden müssten.

"Und natürlich brauchen wir einen Verein, der das auch mitmachen will", schränkt Vogt ein. Er denke aber, dass es da einige Klubs gebe. Schließlich bringe seine Initiative Geld mit und einen nicht unerheblichen "Medienhype".

Tatsächlich tut sich da für die traditionsbewusste Kickergemeinde eine neue Welt auf. Da muss kein Trainer mehr den Spielern kurz vor dem Anstoß erklären, warum er nicht ihn, sondern den Konkurrenten heute auf Linksaußen dribbeln lässt. Die taktischen Überlegungen werden nicht mehr mit Spielerbeobachtern des Klubs ausgetüftelt. Das alles übernimmt dann die Internet-Gemeinde. Ebenso soll über Transfers abgestimmt werden, oder über die Frage, wie viel Geld der Klub für den Nachwuchs übrig hat.

Mehr als eine Million für Ebbsfleet

Vogt ist begeistert von der Vorstellung. Der Fußball werde vom Fan bestimmt, der für das Spiel nun mehr sein könne, als ein sich bisweilen kräftig ärgernder Beobachter. "Du siehst eine Aufstellung, einen Trainer, der rumschreit. Und du siehst eine Auswechslung und fragst dich: Warum macht der Trainer das jetzt? Warum stellt er einen auf, der letzte Woche so schlecht war?" Im Community-Modell ist das Ärgern nicht mehr nötig. Hier könne der Fan mit Recht behaupten: "Ja, das ist meine Aufstellung."

In Ebbsfleet sind mehr als 30.000 User am Werdegang des Klubs beteiligt, jeder zu einem Preis von knapp 41 Euro im Jahr, was dem Verein mehr als eine Million Euro einbringt. Bei Fortuna Köln beginnt deinfussballclub.de (DFC) offiziell im Februar 2009, der Filmemacher Sönke Wortmann hat sich vor das Projekt gespannt. Inzwischen zählt DFC 11.329 Mitglieder, der Beitrag kostet 39,90 Euro, womit der Fünftligist abzüglich Verwaltungskosten mit einer nicht unerheblichen Etaterhöhung um 300.000 Euro rechnen kann. In Berlin verlangt unserfussballclub.de nur 9,90 Euro im Jahr, Vogt hofft auf eine Massenbewegung, "im besten Fall mehrere 100.000 User".

In Köln haben die Mitglieder kürzlich per Umfrage bestimmt, dass der ehemalige Nationalspieler Jens Nowotny als Berater eingestellt wird. Der User Magic270977 gab den Funktionsträgern der Fortuna den Hinweis, dass an der niederländischen Grenze beim SV Straelen ein Stürmertalent viele Tore schießt. Fortuna-Trainer Matthias Mink antwortete: Der 20-Jährige sei "genau der Spielertyp, nach dem wir suchen". Vogt würde das als perfektes crowdsourcing und crowdfunding bezeichnen. Beziehungsweise: "Das Medium Internet nutzen zur Lenkung von Realität und gemeinschaftlicher Entscheidungsfindung." Football is going online.

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(sueddeutsche.de/aum)