Fußball in England Leicester City ist so groß mit Huth

Das gibt es selten: Robert Huth traf doppelt gegen Manchester City.

(Foto: AFP)
Von Filippo Cataldo

Im himmelblauen Teil Manchesters haben sie am Samstag schon Schals verkauft, auf die in dicken weißen Lettern der Name des nächsten Trainers aufgedruckt war. Nach aktuellem Stand wird Pep Guardiola ab der kommenden Saison jedoch nicht den amtierenden englischen Meister trainieren.

Sondern nur eine der vielen Mannschaften, die sich in der Saison 2015/2016 von Leicester City haben vorführen lassen.

Nach dem 1:3 am Samstag im Spitzenspiel der Premier League beträgt der Rückstand der "Citizens" aus Manchester bereits sechs Punkte auf Leicester. Die größte (un-)denkbare Sensation, das unwahrscheinlichste und romantischste aller modernen Fußballmärchen, nimmt fast schon beängstigend konkrete Züge an. Leicester City wird doch wohl am Ende nicht tatsächlich Meister in der reichsten Liga der Welt? Die Fans glauben daran. "We're gonna win the league", sangen sie in Manchester mehr als 87 Minuten lang.

"Die Liga ist so komisch gerade"

"Die Liga ist so komisch gerade, aber es ist ein fantastischer Moment für die Premier League, weil keiner weiß, wer sie gewinnen kann", sagte Leicesters Trainer Claudio Ranieri. Der 64-Jährige hatte am Donnerstag für Lacher gesorgt, als er auf die Titelchancen seiner Mannschaft gefragt, diesen lustigen Vergleich gefunden hatte: "Ich würde gerne sagen 'Yes, we can', aber ich bin nicht Obama." Sondern nur Claudio Ranieri, der zwar in Chelsea (allerdings vor allem in der Vor-Abramowitsch-Ära), Juventus, Rom, Inter Mailand und Monaco durchaus schon hochkarätige Klubs trainiert hat, aber mit seinen Vereinen nie besser als Zweiter war.

Mit Leicester aber, vor genau einem Jahr übrigens mit 17 Punkten Tabellenletzter der Premier League, kann er nun durchaus Meister werden.

Ausgerechnet mit Leicester. Aber wieso auch nicht? Wieso sollte eine Mannschaft, die ein paar Tage nach einem Erfolg gegen Liverpool auch ManCity schlägt, zuvor schon Siege gegen alle Klubs des britischen Geldadels eingefahren und nach 25 Spieltagen erst zwei Partien verloren hat, bitteschön nicht Meister werden? Wer braucht für den Titel schon Spieler mit angeblichen Marktwerten im hohen zweistelligen Millionenbereich, wenn man so einen herrlich erfrischenden Überfallfußball spielt und Jamie Vardy im Kader hat?

Einen 29 Jahre alten Stürmer aus der Spezies "geborener Torjäger", der als Spätberufener nun in seiner absoluten Blüte agiert. Leicester siegt und siegt - und Vardy führt mit 18 Treffern die Torjägerliste an. So ist das in England. Ein paar Stunden nach dem Spiel gab Leicester bekannt, dass der von der Konkurrenz durchaus umworbene Stürmer seinen Vertrag bis 2019 verlängert hat. So ist das in Leicester.

Am Samstag spielte Vardy nicht schlecht, aber letztlich hatten ihn die Verteidiger der "Citizens" gut im Griff. Er traf nicht, kam ehrlich gesagt nicht einmal wirklich in die Nähe eines Treffers. Aber wen juckt das schon, wenn man Robert Huth in der Mannschaft hat? Die kantigste aller Abwehrkanten hatten die Verteidiger Manchesters am Samstag nämlich überhaupt nicht im Griff.

Und Pellegrini schaudert es

Vor allem Martin Demichelis, einst beim FC Bayern immer wieder mit Konzentrationsdefiziten, konnte einem fast schon leidtun. Nach exakt zwei Minuten und 29 Sekunden wuchtete sich Huth fünf Meter vor dem gegnerischen Tor in einen Freistoß von Außenstürmer Riyad Mahrez. Sein langes Bein war vor Demichelis am Ball - der Argentinier konnte Huths Direktabnahme nur noch abfälschen, es stand 0:1.

Es sollte der Tag des Deutschen werden, der in der stets bombensicheren Defensive von Leicester eine echte Dauer-Versicherung geworden ist. Der Tag der Gäste war es ohnehin: Zwei Minuten nach der Pause erhöhte Mahrez nach einem Konter mit einem Winkelschuss auf 2:0. Und nach einer Stunde folgte dann die Aktion, die Huth endgültig den Arbeitsauftritt versüßte: Eine weite Ecke köpfelte er mit einer solch hübschen Flugkurve ins Tor, dass man den Treffer ab sofort im Fußball-Almanach unter "Bogenlampe" archivieren sollte.

Dass er sich vorher bei Demichelis aufstützte und auch der Eckball diskutabel gewesen war? Wen interessierte das noch? "Wir wollten diese Tore heute einfach. Wir haben ohne Druck gespielt, weil wir die Liga nicht gewinnen müssen. Wir müssen das alles nur genießen", sagte Ranieri. Leicester war am Samstag so groß mit Huth.

Manchester City dagegen: Ungefähr so wie der Gesichtsausdruck ihres Trainers Manuel Pellegrini nach diesem 1:3 (Aguero verkürzte in der 87. Minute noch): Der Chilene lächelte, während seine Augen ungläubig ins Leere blickten und sein Kopf gleichzeitig nickte und sich schüttelte. Es war ein unfassbarer Gesichtsausdruck. Ungefähr so unfassbar wie das Fußballmärchen, das Huth und Leicester City gerade schreiben.