Innenverteidiger Boateng: "Ich bin fit, ich mache das jetzt"

Jérôme Boateng ist zur Führungsfigur avanciert.

(Foto: AFP)

Früher war Jérôme Boateng ein wandelndes Sicherheitsrisiko auf dem Platz, heute ist er der wahrscheinlich beste Innenverteidiger der Welt. Und traut sich selbst so einiges zu.

Von Claudio Catuogno und Christof Kneer

Der gebürtige Berliner Jérôme Boateng, 27, galt auf dem Fußballplatz früher als wandelndes Sicherheitsrisiko. Regelmäßig bekam er für rabiate Grätschen die rote Karte. Heute ist Boateng der wahrscheinlich beste Innenverteidiger der Welt - Champions-League-Sieger mit dem FC Bayern, Weltmeister mit der Nationalmannschaft.

Im großen SZ-Interview verrät Boateng, wie er seinen Hang zum Blackout abgelegt hat - und welche Rolle der scheidende Bayern-Trainer Pep Guardiola dabei spielte. "Als Guardiola nach München kam, hat er mir gleich ein paar Szenen vorgespielt und gesagt: Schau, diese Szene kann nicht sein als Abwehrspieler, diese Szene auch nicht", erzählt Boateng. "So eine Art Best of dumme Fouls" sei das damals gewesen, verbunden mit klaren Ansagen: "Als Abwehrspieler darfst du nicht zu Boden gehen! Nicht wegstoßen lassen! Oben bleiben! Das hat mich schon beeindruckt: wie gut er vorbereitet war, als er hier ankam. Er wusste alles über mein Spiel."

Boateng hat Guardiola also viel zu verdanken. Dass der Spanier den FC Bayern im Sommer nach drei Jahren verlassen wird, bedauert der Verteidiger deshalb sehr: "Ich persönlich finde es schade", sagt Boateng , "weil wir uns mit ihm etwas erarbeitet haben. Aber die Entscheidung wird jeder hier akzeptieren, und wir haben ja auch noch große gemeinsame Ziele."

Boateng soll eines der wichtigsten Gesichter beim Rekordmeister werden

Trainer kommen und gehen - Jérôme Boateng bleibt beim FC Bayern, bis 2021. Gerade hat er einen neuen, langfristigen Vertrag unterschrieben. Er soll neben Thomas Müller und Manuel Neuer eines der wichtigsten Gesichter beim Münchner Rekordmeister werden. Eine Entwicklung, die nicht absehbar war, als Boateng im Sommer 2011 - nach einem unglücklichen Jahr bei Manchester City - nach München kam.

Gegen böse Worte

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Hat er selbst diesen Leistungssprung erwartet? "Ganz ehrlich: nein. Mein Ziel war erst einmal, mir selber zu beweisen, dass ich das kann, was ich von mir erwarte." Allerdings habe er auch "hart daran gearbeitet", berichtet er weiter: "Erst einmal habe ich versucht, mich nicht unter Druck zu setzen. Und dann habe ich begonnen, mich im Spiel ein wenig selbst zu coachen." Was das konkret bedeutet? "Bei Bayern und in der Nationalmannschaft sind wir ja meistens überlegen", führt Boateng aus, "als Abwehrspieler hast du da nicht immer viel zu tun. Deshalb ist die Gefahr groß, dass man mal kurz abschaltet. Ich habe mir also angewöhnt, den Ball nie aus den Augen zu verlieren, wenn wir angreifen, und manchmal spreche ich dann auch mit mir selbst: ,rechts', ,links' und so weiter. Das hilft mir, wach und konzentriert zu bleiben."

"In Rio hatte ich einfach gute Laune"

Als entscheidende Erlebnisse auf diesem Weg nennt Boateng den Gewinn der Champions League im Mai 2013 und das gewonnene WM-Finale 2014 in Rio de Janeiro. "Nach der Champions League habe ich gedacht: Du kannst es - und da geht noch mehr!" Und das WM-Finale sei dann so ein Tag gewesen, "da bin ich aufgestanden und hab' mich super gefühlt und mich richtig auf das Spiel gefreut. Beim Champions-League-Finale im Jahr davor hab' ich mir noch Gedanken gemacht: Was ist, wenn das Spiel so oder so läuft? In Rio hatte ich einfach gute Laune. Ich wusste: Ich bin fit, ich mache das jetzt."

Nach und nach hat sich Boateng zum Führungsspieler gewandelt. Neu ist, dass er sich auch vorstellen kann, diese Verantwortung als Kapitän wahrzunehmen - beim FC Bayern wie auch in der Nationalmannschaft. "Wir haben tolle Kapitäne, ob beim FC Bayern oder beim DFB. Aber wenn es irgendwann mal ein Thema wird, dann bin ich offen dafür", sagt er. "Wer träumt das nicht, wenn er als Jugendlicher Fußball spielt und die deutsche Nationalmannschaft spielen sieht: dass er da einmal Kapitän ist? So ist das auch bei mir." Dass er insbesondere als DFB-Spielführer eine historische Figur wäre - der erste dunkelhäutige Kapitän im Deutschland-Trikot - ist ihm bewusst: "Es wäre für mich schon etwas Besonderes. Ich komme aus Berlin, ich habe eine andere Hautfarbe - es würde mich einfach stolz machen." Allerdings gelten auch Thomas Müller und Manuel Neuer in beiden Mannschaften als mögliche Spielführer, wenn die Generation Lahm/Schweinsteiger einmal abgetreten ist.

Für das bevorstehende neue Jahr hat Jérôme Boateng deshalb auch erst mal ein paar andere Wünsche: "Klar wünsche ich mir Erfolg mit Bayern und der Nationalelf", sagte er der SZ, "aber außerdem wünsche ich mir, dass Uli Hoeneß wiederkommt. Er gehört einfach zum FC Bayern, und ich mag ihn sehr als Mensch. Man weiß, er ist immer für einen da, egal, was ist. Es wurde auch ohne ihn super gearbeitet, aber trotzdem: Einfach dieses Team wieder zu haben, Rummenigge und Hoeneß, das wünsche ich mir."

Im SZ-Interview spricht Boateng außerdem über prägende Jugendjahre auf einem Betonplatz im Berliner Stadtteil Wedding - und er lüftet das Geheimnis hinter seiner auffälligen Brille. Lesen Sie das ganze Interview mit SZ plus:

"Ich bin jetzt wach"

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