Immer noch Nervensägen

Schweden liebt das aggressive Pressing - eine Teamanalyse.

Von Ronald Reng

Auch Ronnie Hellström ist als Zuschauer zu dieser Weltmeisterschaft gekommen. Er sagt: "Wenn Schweden so spielt, werden sie Weltmeister."

Deutschland gegen Schweden bei der WM 1974 - die BRD-Auswahl gewann damals.

(Foto: Foto: dpa)

Denn er hat eine beängstigend gute Mannschaft gesehen - beim D-Jugend-Turnier der Elf- und Zwölfjährigen in Eberswalde, wo er vergangenen Samstag vorbeischaute, um anschließend in einem Prominentenspiel mitzuwirken.

Ronnie Hellström, der lange ohne Handschuhe spielte und von 1974 an zehn Jahre lang eine Legende im Tor des Bundesligisten 1. FC Kaiserslautern war, fürchtet allerdings, dass die Nationalmannschaft seines Landes den Vergleich mit der D-Jugend von Werder Bremen nicht ganz standhält. "So gut ist das ja leider nicht, was sie spielen. Ein bisschen verkrampft alles."

Steriles Spiel

Schweden hat bei dieser WM bislang schlechte Haltungsnoten bekommen. Ihr Spiel ist steril, für Kreativität muss eine Vermisstenanzeige aufgegeben werden. Obwohl personell fast unverändert, haben sie etwas eingebüßt, seit sie 2004 erst im Viertelfinale der EM im Elfmeterschießen an den Niederlanden scheiterten.

Zu leicht wird deswegen vor dem Achtelfinale gegen Deutschland am Samstag in München eines übersehen: Sie sind noch immer eine Elf, die schwer zu schlagen ist. Ob es für sie nicht ungünstig sei, nun gegen die Gastgeber zu spielen, müssen sich die Spieler immer wieder fragen lassen, Ronnie Hellström findet, man könnte auch einmal fragen: "Ist es für Deutschland gut, gegen Schweden zu spielen?"

Das 2:2 gegen England im abschließenden Vorrundenspiel in Köln lieferte das bislang beste Röntgenbild dieses schwedischen Teams. Sie zeigten alles. Ihre Schwächen, etwa die Schwierigkeit, den Ball ruhig zu passen, oder die Lücken auf der rechten Abwehrseite.

Larsson fremdelt

Ihre Stärken, die Aggressivität, das Pressing und die gefährlichen Eckbälle. Es ist eine Elf ohne Komplexe, die Experten sollen gerne über ihre Biederkeit lästern, sie, die Spieler, wissen sehr gut, wer sie sind und was sie können. "Wir werden die Deutschen piesacken", sagte Stürmer Marcus Allbäck.

Sie sind immer noch Nervensägen. Viel ist geschrieben worden über ihren neuen Glamour, eine Angriffsreihe von Weltniveau mit Zlatan Ibrahimovic und Henrik Larsson.

Doch stilprägend für Schweden sind noch immer die anderen, Kim Källström von Olympique Lyon und Tobias Linderoth vom FC Kopenhagen im zentralen Mittelfeld, mit ihrer Energie, ihrer Kondition, ihrer taktischen Disziplin. Tatsächlich waren kurioserweise Ibrahimovic und Larsson bei dieser WM eher die schlechteren Schweden. Es liegt wohl nicht nur an ihnen.

Larsson etwa, der beim FC Barcelona mehrmals in großen Champions-League-Spielen das Glück auf die rechte Bahn geleitete, mit seinen kurzen, schnellen Pässen in den freien Raum; fast stubst er den Ball nur, doch sie öffnen eine Welt. Bei Schweden fremdelt er.

Hauruck-System

Er macht die Läufe, aber der Ball kommt nicht, er spielt die Pässe, aber sie gehen ins Leere. Er denkt auf einer anderen, auf einer höheren Ebene als die Mitspieler.

Stattdessen hat Hauruck System im Angriffsspiel, und das soll nicht abwertend klingen. Sie stoßen in Energieschüben nach vorne, Passkombinationen über mehr als drei Stationen sind selten, sie suchen die hohe Flanke schnellst möglich, und wenn dabei nur ein Eckball herausspringt, sind sie dem Ziel schon nahe.

Jede schwedische Ecke brachte den Engländern Chaos, bei einer traf Allbäck zum 1:1, zweimal rettete die Latte, und auch das 2:2 durch Larsson in der Schlussminute fiel nach einer Quasi-Ecke: nach einem Einwurf nahe der Eckfahne, der so wuchtig und weit wie eine Flanke in den Strafraum flog.

"Wir haben ein bisschen öfters als sonst Ecken trainiert", sagte Trainer Lars Lagerbäck. "Wir haben gar nicht so viel Ecken trainiert", sagte Stürmer Mattias Jonson.

Zerknautschtes Gesicht

Er, nicht Ljungberg oder Larsson, wird auch gegen Deutschland der wichtigste Mann sein: Mattias Jonson von Djurgaarden Stockholm, 32, wie so viele Fußballer hat ihm die Arbeit bei Wind und Wetter ein älteres, von Falten zerknautsches Gesicht gegeben. Er ist Stürmer.

Bei Schweden ist seine Hauptaufgabe, die rechte Abwehrseite zu unterstützen. Es ist ihre Achillessehne. Sie haben keinen gelernten rechten Außenverteidiger. Niclas Alexandersson, eigentlich ein wendiger Außenläufer, gibt sich Mühe, oft aber steht er im falschen Moment am falschen Ort wie bei Englands 2:1, als er in seinem Rücken den Torschützen Steven Gerrard entkommen ließ.

Dass Deutschland mit Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger auf dieser Seite zwei durchsetzungsfähige Spieler hat, sollte gegen Schweden ihr Glücksfall werden. Sie werden allerdings selten alleine sein. Ist ein Schweden umspielt, kommt der nächste. "Wir können ewig laufen", sagt Jonsson.

Unterdessen in Eberswalde schweigt der eine und einzige Ronnie Hellström immer öfters. Jedesmal, wenn ein Tor fällt, ist er gezwungen innezuhalten, denn der Stadionsprecher verkündet die Tore in einer Lautstärke, dass Ronnie Hellström sein eigenes Wort nicht verstehen würde.

Und die Tore der D-Jugend von Werder Bremen fallen nun im Minutenrhythmus. "Vielleicht", sagt Ronnie Hellström, "kann Schweden von denen noch einen Spieler ausleihen?"