HSV verliert beim FC Bayern Hanseatischer Akt der Selbstaufgabe

Als hätte man ihnen sechs Backpfeifen verpasst: Die Spieler des HSV nach dem Spiel in München.

(Foto: Sebastian Widmann/Getty Images)
  • Der Hamburger SV verliert mit 0:6 in München, das Debakel gegen den FC Bayern wird zur bitteren Tradition.
  • HSV-Trainer Bernd Hollerbach sagt: "Man kann hier verlieren, aber darüber müssen wir jetzt wirklich reden."
  • In Hamburg sorgt ein geschmackloses Drohplakat am HSV-Trainingsplatz für Aufregung.
Aus dem Stadion von Jonas Beckenkamp, München

Ist das nicht bemerkenswert? Ein paar tausend unerschütterliche HSV-Fans waren auch diesmal wieder mit nach München gekommen. Sie hatten sich oben unterm Dach der Münchner Arena eingefunden und das Elend über sich ergehen lassen. Mit norddeutscher Beharrlichkeit, einem kollektiven "nicht lang schnacken, Kopf in' Nacken", ertrugen sie ein Spiel, bei dem ihre Mannschaft eigentlich gar nicht vorhanden war. Es war ja vielmehr so, dass der FC Bayern beim 6:0 (3:0) gegen den Hamburger Sportverein sein eigenes Fest feierte. Eine WG-Fete ohne Gäste sozusagen, denn aus Hamburg hatten sich nur elf Gestalten auf dem Feld eingefunden, die den Namen Fußballmannschaft kaum verdienten.

Und wie es so ist in diesen Tagen, in denen dem Hamburger SV sehr wenig Hoffnung macht, waren am Abend nicht einmal mehr die Fans uneingeschränkt zu loben. Denn während die mitgereisten Anhänger in München tapfer ausharrten, gar ihren Humor nicht verloren und "Auswärtssieg, Auswärtssieg" riefen, als Robert Lewandowski beim Stand von 5:0 einen Elfmeter vergab, hängten in Hamburg andere HSV-Fans ein Transparent am Trainingsplatz auf. "Eure Zeit ist abgelaufen! Wir kriegen euch alle", war darauf zu lesen, die Hamburger Polizei bestätigte dem Sportinformationsdienst am Abend die Echtheit eines auf Twitter veröffentlichten Fotos. Darauf war auch zu sehen, dass jemand mehr als ein Dutzend schwarze Kreuze an den Trainingsplatz gestellt hatte.

Dabei war der Ausgang des Spiels ja eigentlich zu erwarten gewesen. Dass der HSV sich in München ein paar Watschn abholt, gehört mittlerweile zur Folklore der Bundesliga. Und so schlichen die Spieler hinterher Richtung Teambus, als würden ihnen von den bayerischen Backpfeifen noch die Wangen brennen. "Was soll ich schon sagen", meinte etwa Dennis Diekmeier im Vorbeigehen. Er hätte sich zum Beispiel dazu äußern können, warum er nach nur 24 Minuten ausgewechselt wurde. Unverletzt, wohlgemerkt. Diekmeier hatte gegen Frank Ribery ein solches Schleudertrauma erlitten, dass er einem leid tun konnte. Und er war nicht der einzige. "Unmännlich" sei man aufgetreten, fand etwa Kapitän Gotoku Sakai, "jeder hat auf dem Platz gepennt."

Das ganze Chaos beim HSV, die Entlassungen von Vorstandschef Bruchhagen und Sportchef Todt unter der Woche, der nahezu besiegelte Abstieg - all das kaprizierte sich im Auftritt einer Mannschaft, die an diesem Tag wohl auch gegen die Paulaner Traumelf so ihre Probleme gehabt hätte. "Wir wollten so lang wie möglich das 0:0 halten", erklärte Stürmer Sven Schipplock, "aber der Plan war nach den ersten 18 Minuten schon mehr als vernichtet." In diesen 18 Minuten hatten die Bayern durch Ribery und zweimal Lewandowski drei Treffer erzielt und es stand zu befürchten, dass es diesmal tatsächlich zweistellig werden würde für den HSV.

"Man kann hier verlieren, aber darüber müssen wir jetzt wirklich reden", versuchte Trainer Bernd Hollerbach zu analysieren. Aber auch ihm schien klar zu sein: Was soll man nach so einer Tracht Prügel noch erklären? Vielleicht, dass die Umstände im Klub, das Kollektiv-Versagen der vergangenen Jahre, ordentlichen Fußball unmöglich machen. "Es ist schon sehr viel Unruhe hier im Verein, auf die Spieler prasselt viel ein," sagte Hollerbach, der als sogenannter "Feuerwehrmann" geholt wurde und immer noch kein Spiel gewonnen hat. Möglicherweise lässt sich so doch einiges erklären: Mehr Verunsicherung bei diesem HSV geht kaum. Die Spieler haben scheinbar alles verlernt, was sie einst als Bundesligaprofis qualifizierte.

Als Blaupause für diese Feststellung diente Franck Riberys Treffer zum 5:0, ein Tor wie ein hanseatischer Akt der Selbstaufgabe: Der Franzose setzte zu einem Dribbling an, das eigentlich kaum klappen konnte. Mitten durch die Hamburger Josha Vagnoman, Kyriakos Papadopoulos, Gideon Jung und schließlich noch vorbei an Vasilije Janjicic fetzte Ribery, während die HSV-Verteidiger sich gegenseitig aus dem Weg rumpelten. Es gab mehrere solcher Szenen, bei denen sich der Eindruck eines nie dagewesenen Kollapses verfestigte. So auch die beiden Elfmeter am Ende, verursacht durch plumpe Zweikampfführung (Papadopoulos an Thiago und Kostic an Kimmich) am Rande zur Wurstigkeit.

"Wir haben uns echt so dumm angestellt, es war nicht schön auf dem Platz," flüsterte Aron Hunt später in die Mikros der Hamburger Reporter. Sein Kollege Papadopoulos hatte am Ende eines quälenden Nachmittags nur noch die einzige kleine Hoffnung, dass alle Hamburger die kommende Partie gegen Hertha BSC als "letzte Chance" begreifen. Aber wer den Griechen so in die Leere starren sah, musste zwangsläufig zu der Erkenntnis kommen, dass dieses Team wohl von der Wucht des Missmanagements erdrückt wird.

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