Homosexuelle bei Olympia Umarmen verboten

Russland will schwule und lesbische Athleten bei den Olympischen Spielen in Sotschi dulden, mehr aber auch nicht. Im Umgang mit homosexuellen Athleten liegen das Internationale Olympische Komitee und die russische Regierung himmelweit auseinander. Großen Protest vom IOC hat die Politik nicht zu erwarten - aber vielleicht von den eigenen Sportlern.

Ein Kommentar von Volker Kreisl

Der Sportminister hat Klartext gesprochen. Entgegen anderer Gerüchte gelte das neue russische Anti-Homosexuellen-Gesetz auch während Olympia in Sotschi, sagte Witali Mutko. Also: Sportler mit "nicht-traditioneller sexueller Orientierung" dürften durchaus starten, nur eben nicht "auf die Straße gehen und Propaganda betreiben". Das klingt zunächst tolerant, und richtig: Sportler fahren ja zu Olympia, um zu sporteln und nicht um Propaganda zu betreiben. Sind die Sorgen also übertrieben in Ländern mit nicht-schwulenfeindlicher Orientierung?

Nein, denn der Minister sprach gar keinen Klartext. Putins Regierung führt einen Feldzug gegen Homosexuelle und das neue Gesetz bietet offenbar Möglichkeiten, um Aktivisten zu unterdrücken. Wer sich falsch äußert, kann bestraft werden, sogar mit Arrest. Es ist ein Verbot der Meinungsäußerung und für einen homosexuellen Olympia-Sportler heißt es, er darf zwar teilnehmen, aber er muss sich verleugnen. Er muss mit Ärger rechnen, wenn er nach der Siegerehrung seinen Lebenspartner umarmt, denn das wäre halb öffentlich und kann als Propaganda gedeutet werden.

Das russische Anti-Schwulen-Gesetz ist das vielleicht beste Beispiel für den himmelweiten Unterschied zwischen dem Denken der Olympia-Bewegung und der nächsten Olympia-Gastgeber. Das Internationale Olympische Komitee will Selbstbestimmung und Verständigung fördern, das ist einer der Gründe, warum man sich alle vier Jahre trifft.

Und das IOC hat Russland nun auch schon vorsichtig aufgefordert, Athleten bitte nicht zu diskriminieren. Nach dem Auftritt Mutkos müsste es sich nun also herausgefordert fühlen. In Zeiten, in denen in vielen Ländern das Coming-out schwuler Fußballer begrüßt wird, in denen der Papst sagt, er könne Homosexuelle eigentlich nicht verurteilen, da feiert Olympia sein größtes Fest in einem Land, das Schwule verfolgt.

Dass das IOC nun mit aller Konsequenz für seine Ideale eintritt, muss die russische Politik aber nicht befürchten. Zu viele Beispiele gibt es dafür, wie man sich von autoritären Regimen vorführen hat lassen, zuletzt bei den Spielen 2008 in Peking, wo im Pressezentrum der Zugriff ins Internet und damit die Berichterstattung eingeschränkt wurde.

Immer hat der Sport behauptet, er müsse neutral bleiben. Und obwohl er als Gast und Partner von Regimen natürlich nie neutral ist, weil er diesen zu mehr Anerkennung verhilft, behauptet er immerfort, er dürfe sich nicht in die hohe Politik einmischen. Nun ist die Politik dem IOC aber so nah wie noch nie: Sie diskriminiert direkt die eigenen Athleten.