Homosexualität im Fußball "Igitt, ihr trinkt nur Sekt"

Christian Deker vom schwul-lesbischen Fanklub "Stuttgarter Junxx" über beleidigende Zuschauergesänge, die Notwendigkeit von Outings und fußballphobe Homosexuelle.

Interview: Christoph Ruf

Christian Deker, 28, ist Sprecher der "Stuttgarter Junxx", eines schwul-lesbischen Fanklubs des Fußball-Bundesligisten VfB.

Christian Deker, 28, ist Sprecher der Stuttgarter Junxx, des vor fünf Jahren gegründeten schwul-lesbischen Fanclubs des VfB Stuttgart.

(Foto: Foto: dpa)

SZ: Herr Deker, der walisische Rugbystar Gareth Thomas hat sich im Dezember als homosexuell geoutet, Mitspieler und Fans reagierten nicht negativ. Was ist an Gerüchten dran, dass sich auch bald in der Bundesliga etwas tut?

Deker: Wir wissen von nichts. Solche Gerüchte gibt es ja immer wieder, der Ursprung dürfte oft Sensationslust sein. Wir denken aber, dass ein Outing allen Beteiligten guttun würde. Allerdings setzt das Gieren mancher Medien danach die schwulen Fußballer noch mehr unter Druck. Der Zwang, sich zu verstecken, steigt dadurch noch einmal.

SZ: Fast jeder kennt im Kollegenkreis Schwule und Lesben, im Fußball wird ein Riesengeheimnis daraus gemacht. Sie rechtfertigen das nun.

Deker: Es ist unser Anliegen zu sagen, dass die meisten Ängste unbegründet sind. Aber ich kann von keinem verlangen, dass er sich outet. Man muss akzeptieren, dass das eine Privatsache ist.

SZ: Sie selbst schätzen das Klima in Deutschlands Stadien aber nicht als so repressiv ein, dass ein Outing katastrophale Folgen hätte?

Deker: Nein.

SZ: Dortmunds Trainer Jürgen Klopp glaubt, das Problem seien weder die Mitspieler noch die Trainer noch die Fans. Sondern die Medien mit ihren Anfragen.

Deker: Insgesamt würden die Medien wohl angemessen mit einem Outing umgehen. Aber wir bekommen immer wieder Anfragen von Boulevardjournalisten, die Interesse heucheln, nach einer dreiviertel Stunde aber das Gespräch beenden, wenn sie keinen Namen gehört haben. Der erste geoutete Spieler dürfte außerdem mit dem Problem zu kämpfen haben, auf immer und ewig in der Öffentlichkeit der "schwule Spieler" zu sein.

SZ: Vor fünf Jahren haben Sie in Stuttgart einen schwul-lesbischen Fanklub gegründet. Warum?

Deker: Damals war es in Stuttgart an der Tagesordnung, "Schiri, du schwule Sau" zu rufen. Dagegen wollten wir etwas unternehmen, was auch geklappt hat. Unsere Ultras stimmen seit Jahren keinen homophoben Gesang mehr an, zumindest nicht bei Heimspielen. Und zuletzt waren wir auch zu deren Sommerfest eingeladen. Mancher auf der Haupttribüne tritt uns skeptischer gegenüber.

SZ: Wie viele Mitglieder haben Sie?

Deker: Anfangs waren wir fünf VfB-Fans - mittlerweile haben wir 85 Mitglieder, ein Drittel davon Heterosexuelle. Wir haben aber auch schwule Mitglieder, die nicht offen homosexuell leben.

SZ: In einer Großstadt wie Stuttgart?

Deker: Leute, die Vorurteile haben, kennen oft persönlich keine Schwulen - das ist auf dem Land nicht anders als in der Stadt. Die kennen nur deren Darstellung, etwa die Transvestiten vom Christopher Street Day. Wir gehen deshalb auch nicht mit Regenbogenfahne ins Stadion, wir müssen keine Klischees bedienen. Wir sagen: Wir sind der schwul-lesbische Fanklub, damit hat sich's.

SZ: "Dieser schwule Schiri lächelt mich auch noch an" - mit diesen Worten hat Bielefelds Co-Trainer Frank Eulberg im Herbst für Aufsehen gesorgt. Ist er besonders schlicht, oder hatte er nur das Pech, dass Mikrofone in der Nähe waren?

Deker: Da darf man sich keine Illusionen machen, das kommt sicher noch häufig vor. Aber immerhin herrscht mittlerweile ein Klima, in dem sich auch Leute wie er für ihre Wortwahl entschuldigen.

SZ: Der DFB ahndet rassistische Äußerungen. Hätte er auch Herrn Eulberg bestrafen sollen?

Deker: Uns geht es nicht um Verbote, sondern darum, dass die Leute darüber nachdenken, was sie sagen. Vor einiger Zeit waren bei einem Spiel von Tottenham rassistische und homophobe Sprechchöre zu hören. Mit Hilfe der Überwachungskameras wurden elf Fans ausfindig gemacht, von denen drei ein mehrjähriges Stadionverbot bekommen haben. So etwas ist kompletter Schwachsinn. Verbote bringen nichts, nur was reflektiert wird, verschwindet. Das gilt übrigens auch für die schwule Community.

SZ: Wie meinen Sie das?

Deker: Die Vorurteile sind auf beiden Seiten gleich stark: Im Stadion sagen die Leute über uns: Igitt, ihr trinkt ja nur Sekt. Im Schwulenklub gelten wir als biertrinkende Fußballprolls. Auch fußballphobe Schwule sollen durch uns zum Nachdenken kommen.

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