Homosexualität im Fußball Ab in die Schmuddelecke

Stattdessen die Schmuddelecke: Anfang 2010 wurde ein Streit zwischen dem DFB-Schiedsrichterfunktionär Manfred Amerell und seinem Schüler Michael Kempter öffentlich. Es ging um Machtmissbrauch und veraltete Strukturen im Verband. Die Sexualität dieser konfliktreichen Beziehung war nachrangig - trotzdem entfachten Medien wieder eine Generaldebatte über schwule Fußballer, interpretierten Frisur und Gesichtszüge Kempters als Indizien für Homosexualität. Aktivisten gegen Homophobie veröffentlichten daraufhin einen Offenen Brief, darin stand: "Es fällt auf, dass immer dann über Homosexualität im Sport bzw. im Fußball berichtet wird, wenn es sich gut verkaufen lässt: Sex sells. Homosexualität wird dabei auf Sexualität reduziert, was eine sehr begrenzte Darstellung unserer Lebensweise ist. Wir wünschen uns, mit all unserer Vielfalt wahrgenommen zu werden." Die Resonanz? Gleich null.

Wochen später veranstaltete Frank Plasberg eine ARD-Diskussion zum Thema. Nachdem mehrere raubeinige Trainer eine Einladung abgelehnt hatten, musste in Hart aber fair der Schauspieler Claude- Oliver Rudolph den schwulenskeptischen Macho geben. Vier Monate später, im Juli 2010, beschrieb der Spiegel, wie Michael Becker, Manager des einstigen Nationalmannschaftskapitäns Michael Ballack, in Leverkusen vor Reportern über eine "Schwulencombo" im Nationalteam gesprochen hatte.

Bild fragte: "Gibt es eine homosexuelle Verschwörung um die Mannschaft von Joachim Löw?" Mit dieser Art von Berichterstattung wird ein Tabu gepflegt, von dem niemand seriös behaupten kann, ob es dieses Tabu überhaupt noch gibt. Die Medien sind damit Teil des Problems: Die Spirale der Spekulationen dürfte auf Spieler, die tatsächlich über ein Coming Out nachdenken, wie eine Drohung wirken. Warum sollten sie sich diesem Stammtischniveau öffentlich aussetzen?

Medien, Gesellschaft, Fußball: Überall dominieren die Klischees. 2022 soll die WM in Katar stattfinden, wo gleichgeschlechtlicher Sex mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft wird. Sepp Blatter, Präsident des Weltverbandes Fifa, riet Homosexuellen im Dezember 2010 scherzhaft, sie sollten in Katar "jegliche sexuelle Aktivität unterlassen". 2011 kommentierte der Dortmunder Torwart Roman Weidenfeller seine Nichtberücksichtigung für das Nationalteam mit den Worten: "Vielleicht sollte ich mir einfach die Haare schneiden oder etwas zierlicher werden." Trainer Löw hatte den neun Jahre jüngeren Torhüter Ron-Robert Zieler aus Hannover nominiert.

Blatter, Weidenfeller, Bierhoff - sie alle haben die Wahrnehmung der Ungleichwertigkeit von Homosexuellen gegenüber Heterosexuellen gestärkt. Hätten sie auf Menschen mit dunkler Hautfarbe oder jüdischem Glauben angespielt: der gesellschaftliche Aufschrei wäre wesentlich lauter gewesen. Profispiele wurden schon mehrfach wegen Rassismus auf den Rängen unterbrochen. Wegen Schwulenfeindlichkeit noch nie.

Ronny Blaschke, 31, ist freier Journalist in Berlin. Er ist Autor des Buches: "Versteckspieler", erschienen 2008 im Verlag Die Werkstatt.