Ein Teil von Lazio Roms Anhänger ist berüchtigt wegen seiner rechtsradikalen Ausfälle - und erwartet von Hitzlsperger, dass er "ein echter Deutscher" ist.
Die erste Hürde hat Thomas Hitzlsperger schon genommen. Eine Hürde, die für ihn noch höher lag als für Thomas Häßler oder Rudi Völler: die Barriere des Unaussprechlichen. "Hitzlsperger" ist nicht einfach nur ein Zungenbrecher. Es ist für einen Römer schlicht unmöglich. Aus Häßler wurde einst Assle, aus Völler wurde Rrrudi, mit Kalle Riedle und Thomas Doll gab es kein Problem. Aus Hitzlsperger wird jetzt Hitz, ausgesprochen "Izz". Das kann man sich merken.
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Neuer Mittelfeldmann bei Lazio Rom: Thomas Hitzlsperger. (© Foto: AP)
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Izz wird am Sonntag gegen Catania spielen, mit der Trikotnummer 15, wie in der Nationalelf. Alle Augen werden auf ihn gerichtet sein, nicht wegen seines unmöglichen Nachnamens, sondern weil die Römer sich selbst ein wenig unter Hitzlspergers Lupe sehen. "Ich werde die Situation dort verfolgen, mir ein Bild machen und in ein paar Monaten beurteilen können, ob es wirklich zutrifft, was man hört und liest", hat der Neue gesagt. Man hört und liest nichts Gutes.
Es habe "Polemiken" um den Transfer gegeben in Germania, berichtet die Presse. Weil Lazio womöglich nicht der richtige Klub sei für einen Spieler, der sich gegen Rechtsradikalismus engagiere. Solche Spieler gibt es in Italien auch. Alessandro Del Piero von Juventus, Cristiano Lucarelli von Livorno und Clarence Seedorf von Milan zum Beispiel.
Seedorfs Teamkollege Christian Abbiati hingegen bezeichnet sich selbst als Faschist. So wie früher Paolo Di Canio von Lazio Rom. Di Canio spielt schon seit Jahren nicht mehr Fußball, trotzdem haben im Ausland viele noch sein Bild vor Augen, wenn sie an Lazio denken. Das Bild eines Spielers mit hochgerecktem rechtem Arm vor einer Fankurve, in der manche den Faschistengruß erwidern.
Sogar ein Israeli im Kader
Die Lazio-Ultras "Irriducibili" sind berüchtigt, ihre Anführer einschlägig vorbestraft und immer noch vor Gericht. Das Programm der Anklagen reicht von rechtsradikaler Propaganda bis hin zu Körperverletzung und Machenschaften mit der neapolitanischen Mafia-Organisation Camorra. Seit Jahren ist die Kurve im Visier der italienischen Antiterror-Einheit Digos. Und nun sollen diese Ultras Hitzlsperger anfeuern.
In ihren Internetforen tun sie das schon. "Ein Deutscher bedeutet immer Sicherheit", schreibt einer und zeigt das Foto von - Riedle. Ein anderer fragt sich: "Izperger? Aizelsperger? Izelperghe?" Hitzlsperger wird aufgefordert, ein "Tedesco di Tschermania" zu sein, ein echter Deutscher. Was immer das heißen mag, die Begegnung zwischen Izz und seiner Kurve wird bestimmt interessant.
Aber die Kurve ist nicht Lazio und die "Irriducibili" sind nicht die Mehrheit der Lazio-Fans. Ihre Anführer sind in die Jahre gekommene Familienväter, deren Vorstrafenregister sie nicht vor Haarausfall und schwindendem Charisma schützt. Sie dirigieren "ihr Volk", wie sie das immer noch prahlerisch nennen, nicht mehr so wie früher.
Das Volk hat sich flugs mit der Verpflichtung von Eyal Golasa einverstanden erklärt, einem 18-Jährigen von Maccabi Haifa. In Rom angekommen, besuchte Golasa erst das Trainingsgelände und dann die Synagoge. Er erklärte, sich auf Wohnungssuche im früheren Ghetto machen zu wollen. Noch vor einigen Jahren wäre das undenkbar gewesen: ein Israeli und gläubiger Jude bei Lazio.
Der Holländer Aron Winter wurde Anfang der 1990er Jahre ungeachtet seiner hindustischen Wurzeln vom eigenen Anhang unflätig geschmäht: Er trug für sie den falschen, weil hebräischen Vornamen. Mittlerweile können sich die Ultras Pöbeleien nicht mehr leisten. Sie stehen unter Beobachtung. Und sie sind zusehends isoliert.
Klubpräsident Claudio Lotito hat die "Irriducibili" erst als nützliche Idioten gebraucht, um mit ein bisschen Rabatz auf der Straße die drohende Pfändung wegen immenser Steuerschulden abzuwenden. Aber dann wollte der Reinigungsunternehmer mit den Schmuddelkindern nichts mehr zu tun haben. Er nahm ihnen die Lizenz zum Verkauf von Fanartikeln weg. Ein harter Schlag für die Ultras, die in Rom zeitweise 14 Läden unterhielten.
Die Beziehungen verschlechterten sich, bis die Ultras versuchten, den verhassten Patron zum Verkauf des Klubs zu zwingen. Lotito legte sich eine Leibwache zu. Einem Ultras-Führer wurde in die Beine geschossen, angeblich wegen Drogenhändel. In letzter Zeit hat sich das Klima etwas entspannt, einige "Irriducibili" waren bei der 110-Jahrfeier im Januar dabei. Mit rechtsradikaler Propaganda halten sie sich zurück. Die Kontrollen in Rom sind schärfer geworden. Und die Kurve ist, wie das gesamte Stadion, ohnehin meistens halbleer.
Diktatorischer Präsident
Lazio hat bisher eine grausame Saison gespielt, die Elf trudelt knapp über den Abstiegsplätzen, 19 Punkte hinter dem Lokalrivalen AS Rom. Deshalb wird Hitzlsperger erwartet wie der Retter des Vaterlandes. Lazios Problem ist zurzeit nicht, wer auf den Rängen welche Parolen ausgibt. Sondern der Klassenerhalt.
Riedle und Doll hatten seinerzeit einen Klub vorgefunden, bei dem die "Irriducibili" den Ton angaben - die sportliche Bilanz stimmte. Für Hitzlsperger ist die Situation umgekehrt. Ihm dürfte wohl weniger die Kurve zu schaffen machen als der anachronistische Stil des Präsidenten. Lotito führt den Klub genauso wie seine Putzkolonnen: Alles hört auf sein Kommando. Mit seinem unnachahmlichen Kauderwelsch aus Römer-Dialekt und Küchenlatein ist Lotito längst eine Kultfigur für Italiens Kabarettisten.
Seine Spieler aber zittern vor ihm: Wer nicht pariert, riskiert seine Karriere. Goran Pandev, nach Monaten Fegefeuer inzwischen im Exil bei Inter Mailand, und Christian Ledesma spürten das am eigenen Leib. Beide hatten erklärt, sie würden gern zu einem besseren Klub wechseln. Prompt verfügte Lotito, sie aus dem Kader zu streichen. Er ließ seine besten Fußballer einfach nicht mehr spielen. Trainer Davide Ballardini, ein rustikaler Übungsleiter, schluckte das folgsam. Der Argentinier Ledesma wird nach einem halben Jahr Pause nur deshalb wieder eingesetzt, damit Lotito ihn 2011 überhaupt verkaufen kann.
Er wolle im Hinblick auf die WM endlich wieder regelmäßig spielen, hat Hitzlsperger seinen Wechsel begründet. In Rom könnte das klappen - zu den Bedingungen des Patrons.
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(SZ vom 04.02.2010)
Linke-Vize-Chefin Wawzyniak
Vom Regen (VfB) in die Traufe (Lazio).
Und mit seiner WM-Teilnahme dürfte es auch eng werden.
Der Arme. Das hat er nicht verdient.