Von Holger Gertz

Nur Ronaldinho zaubert bei Brasiliens 2:1 gegen England, Rote Karte inbegriffen.

(SZ vom 22.6.02) - Zu behaupten, der brasilianische Nationaltrainer Luiz Felipe Scolari sähe dem Schauspieler Gene Hackman ähnlich, würde der Sache nicht gerecht. Er sieht exakt so aus wie Hackman, und nach dem Spiel der Brasilianer gegen England im Viertelfinale konnte man kurz den Eindruck haben, der Schauspieler wäre statt des Trainers in den Presseraum gekommen. Scolaris Auftritt war beeindruckend, seine Stimme klang, wie Stimmen klingen, die Großes mitzuteilen haben: stolz und kehlig und ziemlich laut. "Ich möchte meine letzten Worte an das brasilianische Volk richten", sagte Scolari, und auch wenn seine Rede nicht nach Rio übertragen wurde, sondern lediglich ins Pressezentrum des Stadium Ecopa von Shizuoka - sie war mächtig wie eine Botschaft von einem dieser wildgewordenen Fernsehprediger: "Glaubt an uns! Glaubt an uns, denn wir können noch mehr leisten. Nicht nur im Fußball. Ich sage, die ganze Nation kann mehr leisten!" Dann setzte Orgelmusik ein - aber vielleicht kam einem das auch nur so vor.

An Brasilien kam England nicht vorbei: Gilberto Silva (mitte) und Roberto Carlos (rechts) stoppen David Beckham. (© )

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Lúcios furchtbarer Patzer

Ein großes Spiel? Naja, jedenfalls hatten die Brasilianer Großes geleistet, wenn das bedeutet: diszipliniert spielen, den Gegner stören, die Kunst dem Resultat unterordnen. Es ging schließlich "darum zu überleben, nicht zu sterben - das war der einzige Gedanke, den wir hatten", predigte Scolari. Aber es ging ja wirklich um einiges, um die Qualifikation für das Halbfinale, der beste Angriff aus Brasilien gegen die beste Turnierabwehr aus England, und dass die Brasilianer 2:1 gewannen, war sicher verdient.

Die Engländer hatten wenig Ideen, blieben ohne richtig große Chance. Brasiliens Keeper Marcos, der - schlecht rasiert und in einen schlafanzugähnlichen grauen Torwartdress eingepackt - ohnehin immer so aussieht, als hätte ihn der Postbote rausgeklingelt, er hatte einen recht entspannten Tag.

Die 23.Minute natürlich ausgenommen, da kickte Heskey den Ball hoch gen Strafraum, wo ihn Lúcio perfekt abprallen ließ für Owen und das 0:1. Chaos in der Abwehr, schon wieder. "Es war mein Fehler, ich war furchtbar enttäuscht", sagte Lúcio, als Leverkusener Profi sozusagen ein Fachmann für furchtbare Enttäuschungen. Aber: "Ich bin stolz, dass meine Mannschaft darüber hinweggekommen ist."

Hexer Ronaldinho

Seine Mannschaft hat, was Leverkusen nicht hat und England an diesem Tag auch nicht hatte: die Männer für die zwei, drei Augenblicke im Spiel, die erahnen lassen, dass Fußball auch ein bisschen was mit Zauberei zu tun hat. In diesem Spiel hexte Ronaldinho und vollbrachte drei große Taten.

Zuerst wirbelte er den Ball in der 45. Minute nach vorn, dass seine Beine wie ein Quirl aussahen, und legte rüber zu Rivaldo, der die Sache zu Ende brachte. 1:1. Kurz nach der Halbzeit sah er bei einem Freistoß den englischen Torwart Seaman etwas zu weit vor seinem Kasten stehen und lupfte aus 30 Metern über den unbeholfen sich Streckenden. 2:1.

Nachdem das vollbracht war, die brasilianische Mannschaft sich in den Leichtsinn hätte fallen lassen können, folgte Ronaldinhos große Tat Nummer drei. Um genau das zu verhindern, trat er dem Gegenspieler Danny Mills in die Beine, holte sich die Rote Karte ab und sorgte dafür, dass seine Kollegen das Spiel zu zehnt konzentriert zu Ende spielten.

Zurück zum Wesentlichen

"Nachdem wir nur noch so wenige waren, musste jeder sich steigern. Das hat uns den Sieg gebracht", sagt Roque Junior. "Wir haben mit dem Rest, den wir hatten, unser Bestes gegeben", sagt Keeper Marcos. "Ich habe niemals eine Mannschaft derart kämpfen sehen, ihre Farben mit einer solchen Entschlossenheit verteidigend wie unser Team", rief Scolari allen Reportern und dem brasilianischen Volk entgegen.

Ihre Farben waren blau an diesem Tag, bis auf einen Moment: Nach seinem 1:1 hatte Rivaldo das Ausweichtrikot ausgezogen und über dem Kopf geschwenkt; das Unterhemd darunter war klassisch, brasilianisch, war kanariengelb.

Ein Klassiker, bald vergessen?

Ronaldinho wird jetzt aussetzen müssen im Halbfinale, das kann Juninho Paulista nicht verstehen. "Er ist nicht der Typ, der auf den Platz geht, um andere zu verletzen. Der Schiedsrichter kannte nicht seine Persönlichkeit, sonst hätte er ihn nie vom Platz gestellt."

So oder so, jetzt, wo England besiegt ist, kann Brazil die WM-Feier planen, nicht wegen der Haken, die Ronaldinho schlägt, nicht wegen der Freistöße, die Roberto Carlos tritt - sondern wegen der Statistik, die unbestechlich ist: Brazil spielte 1958 im Turnier gegen England und wurde Weltmeister, spielte 1962 gegen England, wurde Weltmeister, spielte 1970 gegen England, wurde Weltmeister. Ein Spiel übrigens, 1:0 in Guadalajara, das in seiner Bedeutung zuletzt erstaunlich gewachsen war.

Vor Wochen noch galt es als unvergesslich, vor Tagen als legendär und zuletzt als bestes Spiel aller Zeiten. Hat jedenfalls der alte englische Kicker Alan Ball gesagt. Das neue Spiel Brasilien gegen England war vor ein paar Tagen noch der von allen herbeigesehnte einzige Klassiker die Weltmeisterschaft. Am Spieltag schon war es bestenfalls bemerkenswert wegen der taktischen Leistung der Brasilianer, und morgen? Wird es vielleicht vergessen sein.

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