Von Ronald Reng

Locker, lässig, selbstbewusst: Brasiliens Auswahl ist vor dem Finale mit sich selbst und der Welt im Reinen.

(SZ vom 29.6.02) - Ronaldo und Rivaldo liegen im grünen Gras und erzählen sich was. Nebenan räkelt sich Cafú. Weiße Badematten sind ausgebreitet, 23 Stück, für jeden brasilianischen Nationalspieler eine. Kleberson kann sich auf seiner Matte nicht stillhalten, er macht ein paar Sit-ups, um die Bauchmuskeln zu kräftigen - und um daran zu erinnern, wo wir hier sind: Nämlich nicht im Schwimmbad, sondern beim Training der Canarinha, der kanariengelben Auswahl des viermaligen Weltmeisters, im Mitsuzawa-Parkstadion von Yokohama.

Brasiliens Roberto Carlos, Trainer Scolari, Rivaldo und Ronaldinho (von links) geben sich im Abwehrtraining sorglos. (© )

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Wobei das Wort Training ein wenig übertrieben klingt angesichts des Programms, durch das Trainer Luiz Felipe Scolari sein Team am Freitag, zwei Tage vor dem Weltmeisterschaftsfinale gegen Deutschland scheuchte: Den ersten ernsthaften Sprint sah man nach vierzig Minuten - vom Zeugwart, der ein Set Trikots holte. Die Spieler dagegen kickten sich den Ball im Kreis beim Standfußball zu. Zum Abschluss legten sie sich ins Gras, eigentlich sollten sie wohl Gymnastik machen, aber sie schwätzten lieber ein wenig. Scolari war zufrieden, das Trainingsziel offenbar voll erfüllt: Nach sechs WM-Spielen in einem Monat geht es vor dem großen Finale nicht mehr darum, irgendetwas zu üben, sondern nur noch sich abzulenken. "Die Spieler dürfen nicht dem Gedanken verfallen, sie würden sterben, falls sie am Sonntag verlieren", sagte Scolari.

Der Gegner kann ruhig alles wissen

Die Fröhlichkeit auf dem Trainingsplatz ließ den Eindruck zurück, hier ist ein Team, das mit sich selbst und der Welt im Reinen ist. Wo sich andere Teams um größtmögliche Abschottung und Geheimhaltung bemüht hätten, ließ Scolari im Mitsuzawa-Park jeden sehen, mit welcher Elf er am Sonntag spielen wird; nämlich mit derselben wie beim 2:1-Sieg über England im Viertelfinale, also wieder mit Ronaldinho Gaucho für Edilson im Sturm und zwei defensiv orientierten zentralen Mittelfeldspielern, Kleberson und Gilberto Silva. Brasilien, das war die Botschaft, braucht sich nicht zu verstecken. Deutschland kann ruhig alles über die Canarinha wissen - das Team fühlt sich stark genug, einfach sein Spiel zu spielen und zu gewinnen, egal, wie sehr der Gegner darauf vorbereitet ist.

Das ist Brasilien: Sich nicht um den Gegner scheren, sondern agieren, mit all dem Flair, den Tricks und der Raffinesse, die die Canarinha zur erfolgreichsten und beliebtesten Nationalelf auf Erden machten. Oder besser gesagt: Das ist das Bild von Brasilien, das Millionen Fußballfans haben.

Man erwartet mehr von ihnen, als Spiele zu gewinnen. Sie müssen es mit Stil tun, und natürlich kam auch bei dieser WM mit den ersten zweckmäßigen Auftritten, vor allem im Achtelfinale gegen Belgien und dann gegen England, der Ruf auf: Dieses Brasilien sei viel schlechter als frühere Brasiliens; Scolaris Team sei ein Verrat an der Tradition des reinen Fußballs.

Vergängliches Ideal

Doch was war denn das beste Brasilien? Etwa die Künstlertruppen um Zico und Socrates in den achtziger Jahren, die vor lauter Tricks das Siegen vergaßen? Oder die Weltmeister von 1970 um Pelé, Gerson und Rivelino, für die ein Tor erst nach dreifachem Doppelpass ein wahres Tor zu sein schien, die aber auch bei Ballverlust im Angriff oft einfach stehen blieben?

Wir jagen einer Illusion nach, einem Ideal, das es nicht mehr gibt, wenn wir uns das romantische Brasilien zurückwünschen, das nur dem Schönen, Guten, Wahren des Spiels frönt. Ein Team wie 1970 wird es nie mehr geben - nicht weil sie so gut gewesen wären, sondern weil Fußball heute ein anderes Spiel ist. 1970, das beste Team aller Zeiten? Wer die alten Videos noch einmal sieht, wird lachen.

Außenstürmer, die - die Hände in die Hüften gestemmt - an der Seitenlinie stehen und zusehen, wie ihre Abwehrspieler verteidigen; Spielmacher, die im Stand eine kleine Ewigkeit überlegten, wo sie hinpassen würden. Man darf Brasilien 2002 nicht an romantischen Träumen messen, sondern an den Realitäten des modernen Spiels. Und so gesehen ist dieses ein gutes Team, gerade weil Trainer Scolari der Elf eine Ration Zweckmäßigkeit eingetrichtert hat.

Abenteuer und Philosophie

Dass sie mit zwei defensiven Kräften statt eleganten Spielmachern in der Zentrale spielen und mit gleich drei Innenverteidigern, ist kein Betrug an Traditionen, sondern eine schiere Notwendigkeit. Mit seinen fliegenden Außenverteidigern Cafu und Roberto Carlos sowie dem R-Express, den drei Angreifern Ronaldo, Ronaldinho und Rivaldo, leistet sich Brasilien noch immer mehr Abenteurertum als die meisten anderen Teams bei dieser Weltmeisterschaft.

"Es gab noch nie ein Brasilien, das so kämpfte und rackerte", sagt Scolari stolz. Das ist nicht unbedingt, was die Leute von einem brasilianischen Trainer hören wollen - aber Scolari doch egal. Er hat andere Vorbilder in der Geschichte als Schönspieler wie Socrates oder Zico - etwa einen chinesischen Schriftsteller, der vor 2500 Jahren lebte. Eines von dessen Büchern hat Scolari in Japan dabei, er hält das Werk noch immer für relevant, auch und gerade im Fußball. Der Autor heißt Sun-Tzu und das Buch: "Die Kunst des Krieges."

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