Hintergründe der Olympia-Vergabe Alles im Sinne der olympischen Familie

Einer der wichtigsten Drahtzieher für Sotschi: der usbekische Geschäftsmann und Sportfunktionär Gafur Rachimow

Bei der Frage, wie Olympia nach Sotschi kam, spielt auch der Sportfunktionär Gafur Rachimow eine Rolle - Ermittler halten ihn für einen Heroinhändler, sein Netzwerk reicht bis in höchste Kreise. Das IOC verlässt sich trotzdem auf seine Dienste.

Von Thomas Kistner

Wladimir Putin macht keinen Hehl mehr daraus, dass er den Ort erwählt hat, an dem die Winterspiele 2014 stattfinden. Das nährt Spekulationen zu der Frage, wie das IOC 2007 dazu kam, sich für das vage Reißbrettprojekt Sotschi zu begeistern. IOC-Präsident Thomas Bach, ein Wirtschaftsberater, stellt die Dinge so dar, dass das IOC dem Wunsch der Russen nach Wintersport-Entwicklungshilfe gefolgt sei, sie hätten nach dem Untergang der Sowjetunion ein neues Wintersportzentrum benötigt.

Indes befeuern Hinweise den Verdacht, dass auch branchenübliche Aktivitäten bei der Verwirklichung von Putins Privattraum im Spiel waren. Von dem profitieren offenbar auch gute Freunde. So hat das US-Magazin Forbes recherchiert, dass Putins Judo- und Jugendfreund Arkadi Rotenberg mit Bauaufträgen im Wert von 7,36 Milliarden Dollar die dickste Sotschi-Schnitte gemacht habe. Bankchef Rotenberg ist auch Vizepräsident im Judo-Verband und im Dynamo-Hockeyteam. Und gut im Geschäft sind noch mehr Leute, die im Berufsgeflecht aus Business und Sportämtern siedeln.

Wie wurde das IOC damals überzeugt, dass Russland ein Wintersportzentrum in der wärmsten Region des Landes braucht? Der US-Sender ABC hat sich mit der Frage befasst und ist auf einen wesentlichen Drahtzieher für Sotschi gestoßen: Gafur Rachimow. Der Geschäftsmann und Sportfunktionär aus Usbekistan hatte sich so erfolgreich im IOC-Wahlkampf betätigt, dass ihm das russische NOK offiziell in glühenden Worten dankte.

Ohne dessen "zielstrebige Arbeit" wäre es eng für Sotschi geworden. Rachimow sagte dem Sender, er habe für die Kampagne seinen "großen Einfluss" in zentralasiatischen Olympiazirkeln ausgespielt. Schmiergeld zur Sicherstellung der Voten, ließ er seinen Sprecher ausrichten, sei aber nie geflossen.

Sotschi 2014 Alles zu Olympia
http://media-cdn.sueddeutsche.de/globalassets/img/unsprited/placeholder.png

Die ersten Winterspiele in Russland +++ Zeitplan der Wettbewerbe +++ Der Medaillenspiegel +++ So geht Olympia - Die Videokolumne - +++ Berichte, Hintergründe, Interviews - alles Wissenwerte auf der Olympia-Sonderseite

Rachimow ist ein alter Bekannter im olympischen Sport. Er firmiert als Vizepräsident im Weltboxverband Aiba und im Olympic Council of Asia (OCA), dem Verband aller Olympiakomitees in Asien. Damit ist er ein enger Mitarbeiter von OCA-Chef Ahmed al-Sabah.

Der Scheich aus Kuwait hat sich 2013 als Stimmenbeschaffer für Thomas Bach bei dessen Kür zum IOC-Präsidenten betätigt und schon Monate im voraus erklärt, dass eine Mehrheit organisiert sei. Der deutsche Ringe-Chef, beruflich stark am Golf engagiert, gilt offenbar just in Asien als Hoffnung; bei der Kür schlug er zwei asiatische Mitbewerber.

Spitzenolympier wie Rachimow werfen ein Licht auf die Kernfrage, wie die Spiele vergeben werden, und auf die naive Art, wie die Politik das Problem noch immer behandelt (während freie Gesellschaften wie in der Schweiz, Österreich oder Deutschland mit dem IOC lieber nicht mehr ins Geschäft kommen). Denn der hoch gelobte Strategiehelfer für Sotschi ist auch abseits des Sports ein sehr gesuchter Mann.

15 Tage Arrest im Schnellverfahren

Am Freitag geht es los in Sotschi, bis dahin soll alles glänzen: Damit niemand die Atmosphäre stört und an die unwürdigen Aspekte von Olympia erinnert, greift der Staat rigoros durch. Von Johannes Aumüller, Sotschi mehr...

Vor den Sommerspielen in Sydney 2000 hatte Rachimow für Aufruhr gesorgt; damals verweigerte Australiens Regierung ihm und einem zweiten IOC-akkreditierten Mitglied aus Hongkong die Einreise. Vergeblich pochte der damalige IOC-Chef Juan Antonio Samaranch bei Premierminister John Howard auf den Veranstalter-Vertrag, der den Status als Mitglied der olympischen Familie zu einem Einreisedokument erhob. Howard blieb standhaft: "Die Maßnahme ist angemessen."

Immerhin füllten Rachimows Aktivitäten damals Akten beim FBI, im Wiener Innenministerium ("G.R. gilt als Führer der usbekischen organisierten Kriminalität") sowie bei der französischen Polizei. Die sah ihn als "einen Führer der usbekischen Mafia", verdächtigt wurde er als Geldwäscher und Heroinhändler. Bei einem Einreiseversuch 1998 war er am Pariser Flughafen Le Bourget abgefangen und weggeschickt worden. Damals kam Rachimow von einem Besuch beim IOC aus Lausanne eingeflogen.