Beim FC Bayern München wird die Klinsmann-Moderne in Rekordzeit abgewickelt. Seit Heynckes Trainer ist, wird wieder Fußball gespielt - sogar mit Einsatz.
Der FC Bayern hat Fußball gespielt am Mittwoch, so richtig mit elf gegen elf und zwei Toren rechts und links. Auch Luca Toni hat mitgespielt, so richtig mit Einsatz und allem. Einmal hat Christian Lell einen Einwurf auf Toni gemacht, der Ball kam in Bauchhöhe angeflogen. "Stopp!" rief da der Mann mit der Mütze, "du musst höher werfen, Christian, höher!"
Der neue alte Trainer des FC Bayern zeigt Luca Toni und Franck Ribéry, wie es geht. (© Foto: Getty)
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Der verdutzte Lell warf dann nochmal - höher - und in der Tat hat Toni den Ball dann per Kopf weitergeleitet. Ein schöner Angriff entstand, mit anschließendem Eckstoß, aber der Mann mit der Mütze war wieder nicht zufrieden. "Komm rein, Hamit", rief er, als ihm der Eckball nicht gefallen hatte, worauf Hamit Altintop den Platz an der Eckfahne räumte und Bastian Schweinsteiger nach außen trabte. Die Ecke wurde wiederholt, jetzt schoss sie Schweinsteiger.
Bayern spielt wieder Fußball, das war die Nachricht des zweiten Tages unter dem neuen, alten Trainer Jupp Heynckes. Kein Gummiband hatte der Mann mit der Mütze im Gepäck, keinen Basketball und keinen einzigen vertikalen Pass. "Ruhe, Ruhe", rief Heynckes, wenn ihm das Aufbauspiel zu hektisch wurde, und nach einem Sprint wurde dem Stürmer Podolski sogar ein Päuschen aufgezwungen. "Erholen, Lukas!" rief Heynckes.
Der FC Bayern macht wieder langsam, auch das ist fast schon eine Nachricht in der Tagen nach Jürgen Klinsmann, dem Erfinder des Sprints. Seit Klinsmann Vergangenheit ist beim FC Bayern, lässt sich erahnen, was für eine kuriose Zeit die Profis hinter sich haben. Sie haben in dieser Woche ein ganz normales Fußball-Training gemacht, sie haben Verschieben geübt und ganz altmodisch gekickt, und doch haben sie hinterher davon erzählt, als seien sie einer neuen Sportart begegnet.
"Der Trainer sagt deutlich, was er sehen will und was nicht", sagt Kapitän Mark van Bommel. "Er korrigiert auch, wenn ihm etwas nicht passt, und das gefällt uns. Wir sind sehr froh, mit Herrn Heynckes zu arbeiten." Das klang ungefähr so, als würde man den Bäcker loben: Hey, unser Bäcker backt auch Brot!
Müller-Wohlfahrt kehrt zurück
Natürlich gehört es zu den Reflexen von Fußball-Profis, einen neuen Trainer - schon aus Eigennutz - erstmal gut zu finden, aber Bayerns Profis scheinen offenbar ernsthaft erleichtert zu sein. Mit Heynckes ist die Demut vor der kleinen Form zurückgekehrt, Einwurf und Eckball wissen gar nicht, wie ihnen geschieht, so sehr werden sie plötzlich gebraucht. "Jupp Heynckes weiß einfach, wie's geht, das merkt man an vielen kleinen Dingen", sagt van Bommel. Man muss sich das wohl so vorstellen, dass Klinsmann eher so eine Art Osteopath war, der sich einem Klub ganzheitlich nähert und dabei auch Eiswasser, Tischtennisplatten und Bibliotheken verschreibt. Heynckes dagegen ist der Chirurg. Er vertraut dem Skalpell, er bringt seine Schnitte lieber an der Mannschaft an.
Die Spieler geben sich rechtschaffen Mühe, ihrem verflossenen Trainer nichts nachzusagen, aber sie nehmen es billigend in Kauf, dass alle Sätze auf ihre verborgenen Botschaften geprüft werden. "Wir wollen nicht nachtreten", sagt van Bommel, "das wäre nicht fair." Wenn van Bommel aber sagt, dass "die Stimmung überragend" sei, dann schließen eben alle daraus, dass sie das zuletzt nicht war.
Wenn er sagt, "dass der Trainer uns sagt, was wir tun müssen", dann hört man heraus, dass der alte Trainer das nicht getan hat. Und wenn van Bommel die Philosophie des neuen Trainers "kontrollierte Offensive" tauft, "weil Kontrolle das Wichtigste und Defensive die Basis von allem ist", dann werten die Zuhörer das als Seitenhieb in Richtung des radikal-offensiven Klinsmann, der Defensivarbeit tatsächlich für überschätzt hält.
Heynckes' Rückkehr zum Handwerk und ein paar taktische Eingriffe genügen offenbar fürs Erste, um die Spieler bei Laune zu halten. Unter anderem plant der Coach, das bibliothekengroße Loch im offensiven Mittelfeld mit einer Systemvariation zu bekämpfen. Im Training hat er eine Raute einüben lassen, in der Zé Roberto bei Ballbesitz hinter die Spitzen Toni und Podolski aufrückt, während sich der letztverbliebene Sechser van Bommel auf den Halbpositionen von Altintop (rechts) und Schweinsteiger (links, anstelle des gesperrten Ribéry) assistieren lässt.
Auch abseits des Rasens wird die Klinsmann-Moderne in rekordverdächtigem Tempo abgewickelt: So wird der zuletzt anderweitig beschäftigte Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt bis Saisonende als Teamarzt zurückkehren, und wie zum Trotz besinnt sich der Klub auch logistisch auf seine Traditionen. Vor Heimspielen lässt Heynckes nicht mehr im Innenstadthotel übernachten, sondern wie früher im Limmerhof in Taufkirchen, was den cleveren Trainer zum Heimschläfer macht. Im Limmerhof wird er die nächsten vier Wochen wohnen.
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(SZ vom 30.04.2009/sonn)
Ich sehe da starke Parallelen zum Bildungssystem:
Da gibt es auch viele Spezialisten, die tolle Ideen ausbrüten, selber aber nicht in der Schule aktiv sind.
Diese Ideen werden dann durch die Kultus-Bürokratie den Schulen übergestülpt.
Und am Ende kommt dann raus, dass im ERGEBNIS, und daran wird´s ja letzlich gemessen, nichts besser wird. In den Schulen nimmt die Leitstung der Schüler seit Jahrzehnte kontinuierlich ab.
Klinsmann hatte zwar Visionen, aber ihm fehlt die Persönlichkeit zum Trainer, will sagen zum Lehrer. Dazu gehört der Blick fürs Notwendige im Alltagsgeschäft und eine gute Portion Autorität. (Das hat der Autor wohl auch so gesehen)
Beides hat gefehlt, und wird auch weiterhin fehlen.
@bbqsauceboy:
Das ist durchaus richtig, was du schreibst, hat aber IMO eher mit Löw als mit Klinsmann zu tun.
Klinsmann bleibt komplett dessen schuldig, was er vorgibt zu sein.
Ich höre immer von neuen Methoden, Individualisierung usw., aber da ist null substanzielles.
Ich glaube, Klinsmann ist ein Schwätzer.
PS: Die WM 2006 war sehr wohl eine sehr gute von der deutschen Mannschaft. Und im Vergleich zur WM 2002 (bei der die Niederlande erst gar nicht dabei waren, sich Frankreich und Argentinien in der Vorrunde verabschiedet haben, und Deutschland mit erbarmungswürdigem Fußball und drei mal 1:0 gegen Granaten wie Paraguay, die USA und Südkorea in's Finale eingezogen ist) spielerisch um Welten besser.
Wer unbedingt meckern will, kann sich meinetwegen am Auftaktspiel gegen Costa Rica abarbeiten, als die Abwehr zugegebenermaßen naiv spielte. Wer den Sieg gegen Polen als Glück bezeichnet, hat das Spiel nicht gesehen oder schlicht keinen Plan. Glück hatten die Polen, dass sie 90 Min. das 0:0 gehalten hatten. Das Spiel gegen Ecuador war spielerisch okay und von hohem Einsatz geprägt, nicht schlecht dafür, dass man schon qualifiziert war. Gegen Schweden war insbesondere die erste Halbzeit mit das beste, was man in den vergangenen 10 Jahren von der deutschen Mannschaft gesehen hat. Hochgeschwindigkeitsfußball eben. Gegen Argentinien hätte es auch anders ausgehen können, das ist wahr. Wahr ist aber auch, dass es nicht anders ausging und mit Argentinien die beste Mannschaft des Turniers (u.a. 6:0 gegen Serbien in der Vorrunde, dazu gegen Gegner wie Holland und die Elfenbeinküste in der Gruppte durchgesetzt) und den absoluten Topfavoriten ausgeschaltet hat. Und wer behauptet, gegen Italien hatte man keine Chance, leidet an Kurzzeitgedächtnisverlust. Italien war über die 120 Minuten (Teams ohne jede Chance erreichen eher selten die Verlängerung) leicht die bessere Mannschaft und ist am Ende verdient in's Finale eingezogen. Aber ohne jede Chance ist lächerlich. Schneider fehlten Zentimeter, um Deutschland in's Finale zu schiessen.
Manche labern sich die Welt so, wie sie sie brauchen, anders kann ich mir manche Kommentare nicht erklären.
Zu geil finde ich, wie sich immer alle an diesem Klinsmann-Zitat vor dem Polen-Spiel hochziehen! Herrgott, das war Fußball, und nicht der zweite Weltkrieg!
Schon richtig. Aber im Fussball hielt man das bisher nicht für nötig. Aber genau das wirft man ja Klinsmann vor, daß er mal über den Tellerrand geschaut hat was andere so machen.
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