Hertha BSC Berlin Lange Mission zum Mars

Alles Gute! Liverpools Trainer Jürgen Klopp war ein höflicher Jubiläumsgast und gratulierte reihum – hier zollt er Alexander Esswein seinen Respekt.

(Foto: Engler/imago/nordphoto)

Beim 0:3 gegen Liverpool erkennt die nun 125 Jahre alte Hauptstadt-Hertha ihre momentanen Grenzen.

Von Javier Cáceres, Berlin

Dass die Berliner imstande sind, ausgelassen zu feiern, ist selbst jenen bekannt, die noch nie einen illegalen Club der Kapitale von innen gesehen haben. Insofern war es schon verwunderlich, wie mau die Klimax der tagelangen Feierlichkeiten zum 125. Geburtstag des Fußball-Bundesligisten Hertha BSC ausfiel; so mau, dass sogar der Ehrengast aus Liverpool nicht umhinkam, seine Enttäuschung über die Stimmung im Olympiastadion in freundliche, aber doch deutliche Worte zu kleiden. Was er Hertha zum Geburtstag wünschen würde, wurde Liverpools Trainer Jürgen Klopp nämlich gefragt, und er sagte: dass der "tolle Weg, den die Hertha eingeschlagen hat, auch wertgeschätzt wird".

Nicht, dass man ihn falsch verstehe; es sei gewiss nicht so, dass er denke, "hier muss das Stadion voll sein, wenn wir kommen", bemerkte Klopp. Aber 54 279 Zuschauer in dem Rund, das mehr als 70 000 Menschen Platz bietet, das war dem früheren Bundesligatrainer dann angesichts des bemerkenswerten Jahrestages offenkundig zu wenig. "Die Atmosphäre war auch heute gut, aber wenn's voll ist, ist sie einen Ticken besser", sagte er. Und so wünschte er der Hertha nicht nur Gesundheit, sondern auch häufiger mal ein volles Stadion. Dann werde "der nächste Schritt" sicherlich einfacher fallen, befand Klopp.

Der nächste Schritt, ach ja. Darum geht es bei der Hertha gefühlt immer schon, aktuell aber ein wenig mehr als etwa in der vergangenen Saison. Zur Erinnerung: "We try, we fail, we win", lautete der Claim, mit dem Hertha für sich warb; er war unter den Traditionalisten unter den Fans des Berliner Bundesligisten auch wegen der englischen PR-Diktion heftig umstritten. Die neue Botschaft lautet nun schlicht: "Die Zukunft gehört Berlin."

Die Hertha erinnerte an ihr Modell aus der Saison 2016/17

Unter den vergleichsweise interpretierbaren Begriff "Zukunft" fallen ausweislich flankierender Plakate, die in der Stadt aushängen, Meisterschafts- und Double-Träume für die Jahre 2024 respektive 2027 sowie der Sieg beim "Mars Masters Championship" des Jahres 2078, einer Art Science-Fiction-Meisterschaft. Das könnte man noch unter Selbstironie verbuchen, wenn es nicht so unfreiwillig komisch wirken würde. Nach interplanetarischem Lorbeer greifen wollen, wenn man vom Wasser- und Schifffahrtsamt Berlin keine Transitgenehmigung für den Passagierdampfer aus dem 19. Jahrhundert erhält, nach dem die Hertha benannt wurde - dit is Berlin, wa. Die Hertha sollte am 25. Juli, dem Ehrentag des Vereins, der von einem Empfang im Roten Rathaus gekrönt wurde, feierlich über die Spree tuckern, jetzt ankert sie in der Havel, an einem Ort in Brandenburg namens Wustermark. Andererseits: Im Lichte der Partie gegen Liverpool trifft es sich ganz gut, dass die PR-Strategen ihrer Hertha bis zur Mission auf dem Mars noch Entwicklungszeit genehmigt haben.

Zwar ist das mit der Aussagekraft von Testspielen, die drei Wochen vor Bundesligastart ausgetragen werden, so eine Sache. Doch der Unterschied zwischen dem Champions-League-Qualifikanten von der Mersey und dem Europa-League-Teilnehmer von der Spree war so eklatant, dass Klopps Elf am Ende wie ein Party-Verderber wirkte. Der übrigens ebenfalls 125-jährige FC Liverpool siegte mit 3:0 durch Tore von Dominic Solanke (15.), Georginio Wijnaldum (38.) und Mohamed Salah (62.). Sie waren Ausfluss einer Dominanz, die ob des unterschiedlichen Vorbereitungsstands erwartet werden musste (Liverpool startet eine Woche früher in die Saison), den Hertha-Verantwortlichen aber zu groß geriet. Er habe schlucken müssen, gestand Hertha-Trainer Pal Dardai: "Die Qualität von Liverpool war heute zu groß."

Liverpool war vor allem in seinen Angriffsbemühungen zielgerichteter als die Hertha. Es sei denn, der offensiv ausgerichtete Außenbahnspieler Mitchell Weiser schaltete sich ein. So gesehen erinnerte die Hertha am Samstag stark an ihr Vorgängermodell aus der Saison 2016/17. Umso sehnlicher hofft der Klub auf den mit angeblich 8,5 Millionen Euro teuersten Zugang, den vormaligen RB-Leipzig-Reservisten und U 21-Nationalstürmer Davie Selke, er leidet unter einem Knochenmarködem. In der Startelf standen in der australischen Offensivkraft Matthew Leckie (26/FC Ingolstadt) und dem niederländischen Verteidiger Karim Rekik (22/Olympique Marseille) nur zwei Zugänge; dazu kam mit dem 2016 verpflichteten, aber dauerverletzten Spielmacher Ondrej Duda, 22, ein weiterer gefühlter Neuling. Den Nachweis, dass das Trio auch für einen Qualitätssprung steht, blieb es vorerst schuldig.

Interessanter wirkten da schon die Nachwuchsspieler Florian Baak, Arne Maier und Julius Kade, die nach 70 Minuten eingewechselt wurden; zusammen mit Pal Dardai jr., dem Sohn des Trainers. Ein weiterer Sohn eines früheren Profis, der 20-jährige Torwart Jonathan Klinsmann, kam hingegen auf null Einsatzzeit, obwohl seine Eltern, Debbie und Jürgen, eine weite Anreise auf sich genommen hatten: Sie kamen aus den USA.