Ein Kommentar von Thomas Hummel

Jung, dynamisch, schnell, schneller, am schnellsten. In ihrer ersten Hinrunde räumt die TSG 1899 Hoffenheim gleich mit mehreren Bundesliga-Weisheiten auf.

Den Satz der Hinrunde sprach Andreas Kuhnt, bevor er in seiner Eigenschaft als Medienchef von Hannover 96 die Fragerunde der Journalisten eröffnete: "Bitte nicht so schnell sprechen wie Hoffenheim gespielt hat."

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Jubel, fast 17 Spiele lang: die Spieler der TSG Hoffenheim, wie hier nach dem 1:1 gegen Schalke durch Selim Teber (l.). (© Foto: dpa)

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Andreas Kuhnt stand noch unter dem Eindruck, den ein Aufsteiger aus einem nordbadischen Dorf zuvor auf dem Rasen hinterlassen hatte. 5:2 hatte die TSG Hoffenheim gewonnen, zwischen der 70. und 83. Minute vier Tore erzielt. In diesen 13 Minuten war der stolze Klub Hannover 96 in einem orkanartigen Angriffswirbel untergegangen, nach dem nicht nur Andreas Kuhnt das Stadion ziemlich irritiert verließ. Tröstlich war für Hannover allein, dass es den meisten Gegnern der TSG ähnlich erging.

Die TSG 1899 Hoffenheim spielt ihre erste Saison in der Fußball-Bundesliga. Und sie hat in diesen 17 Spielen Maßstäbe gesetzt, wie das kein Aufsteiger mehr seit einem gewissen FC Bayern München im Jahr 1965 vollbracht hat. In der Ruhe des Kraichgau, angefüttert vom Geldbeutel des Milliardärs Dietmar Hopp und unter der Anleitung des Trainers Ralf Rangnick plus Hintergrundteam, ist wie in einem Labor eine Mannschaft entstanden, die eine Halbserie lang Fußball spielte, wie man das in Deutschland noch nicht gesehen hat. Der Auftritt des Aufsteigers wirkt wie ein Hallo-Wach für die gesamte Liga.

Die Attribute heißen: jung, dynamisch, austrainiert, schnell, schneller, am schnellsten. Und führungsspielerlos.

Womit Hoffenheim gleich mit mehreren, bislang unverrückbaren Bundesliga-Weisheiten aufräumt und neue aufstellt: 1. Man kann in Deutschland genauso schnell Fußball spielen wie in England. 2. Eine Mannschaft braucht keinen Chef auf dem Platz, keinen Effe, keinen Ballack, keinen Beckenbauer, um beherzt und auch nach Rückständen selbstbewusst aufzutreten. 3. Unter guter Anleitung können Profis besser werden. 4. Es gibt kein Gesetz, nach dem ein Gast in München schon beim Einlaufen die Hoffnung verlieren muss.

Die Sieger dieser Hoffenheimer kommen indes nicht nur aus Nordbaden. Sie heißen auch Joachim Löw, Oliver Bierhoff und, ja auch, Jürgen Klinsmann. Denn die Verantwortlichen der Nationalmannschaft forderten schon vor Jahren von den Vereinen, sie sollten sich endlich am internationalen Niveau orientieren und ihre Spieler dynamischer, austrainierter, schneller machen. Wonach sie von der Liga stets Rüffel bekamen, sie sollten sich um ihren eigenen Kram scheren. Dann kam Hoffenheim.

Jürgen Klinsmann profitiert paradoxerweise noch als Trainer des Konkurrenten FC Bayern vom Hoffenheimer Höhenflug. Denn Rangnick praktiziert ja den Stil, den Klinsmann auch in München predigt. Doch bei einem Rekordmeister sind eine neue Struktur, eine neue Denkweise - oder wie es heutzutage heißt: eine neue Philosophie - schwieriger zu vermitteln als in einer traditionsarmen Provinz. Vor allem, wenn Rückschläge zu beklagen sind.

Und letztlich bleibt eines zu bedenken: In der ersten Bundesliga-Saison wurde der FC Bayern München "nur" Dritter.

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(sueddeutsche.de/aum/tbc)