Trotz 14 Punkten Rückstand auf Tabellenführer Borussia Dortmund verschonen die Bayern-Anhänger ihre Bosse mit Kritik. Präsident Uli Hoeneß findet's prima - und verkündet eindrucksvolle Geschäftszahlen.
Am Ende forderte einer gar die Rückkehr von Lúcio und Zé Roberto. War das tatsächlich ernst gemeint? Die übrigen der 2806 Bayern-Mitglieder in der Münchner Olympiahalle hatten ein gutes Gespür dafür, dass dieser Redebetrag zum Ende der Jahreshauptversammlung eindeutig der Nonsens-Ecke zuzuordnen war. Sie begannen postwendend Sprechchöre - und forderten die Rückkehr von Bruno Labbadia.
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"Die Zahlen sind gigantisch": Uli Hoeneß blickt auf ein erfolgreiches Jahr als Präsident des FC Bayern zurück. (© imago sportfotodienst)
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Die Szene hatte komödiantisches Potential - und stand irgendwie bezeichnend für eine auffallend harmonische Hauptversammlung des FC Bayern. Vor drei Jahren hatte Uli Hoeneß noch die Fans angeschrien ("Für die Scheißstimmung seid ihr doch zuständig und nicht wir") - und auch in diesem Jahr hätte man sich durchaus vorstellen können, dass Kritik laut wird: am mäßigen Tabellenplatz fünf, alarmierenden 14 Punkten Rückstand auf Tabellenführer Borussia Dortmund, am dünn besetzten Kader, der den FC Bayern in dieser Saison bereits kräftig in die Bredouille gebracht hat.
Doch die Fans blieben auffällig still. Ganze zwölf Mitglieder hatten sich auf die Rednerliste setzen lassen - vor einem Jahr, als der Klub in der Liga ähnlich schlecht dastand, waren es noch 50. Ihre Beiträge waren in diesem Jahr wenig explosiv. Es ging eher um Kleinstschauplätze: Einer beklagte das Rauchen in der Arena; ein anderer forderte, dass die Spieler Interviews künftig doch bitte auf Bairisch geben sollten. Ein Dritter schimpfte, er vermisse Stehplätze in der Arena.
Uli Hoeneß, der zum ersten Mal als Präsident durch den Abend führte, strahlte. Er wollte Gelassenheit demonstrieren, ein gelungenes erstes Jahr seiner Amtszeit feiern, verbal zur Aufholjagd blasen. Die Fans machten ihm keinen Strich durch die Rechnung. Zu den Rufen nach Bruno Labbadia gesellten sich ebenso wenig ernstgemeinte Sprechchöre zu Ehren von Mehmet Scholl und gar Lothar Matthäus. Hoeneß lachte herzlich: "Es macht richtig Spaß heute Abend mit euch."
Zuvor hatte der Klubpräsident alles getan, damit diese Hauptversammlung eine friedliche wurde. Er scherzte, versöhnte, lächelte sogar milde, als Trainer Louis van Gaal, mit dem er vor Wochen noch heftig über Kreuz lag, mit tosendem Beifall empfangen wurde. "Wir werden dir, lieber Louis, alle Unterstützung geben, die du brauchst", sagte Hoeneß.
Schon um kurz vor halb zehn schickte Hoeneß den Trainer und seine drei Kapitäne Mark van Bommel, Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger gnädig ins Bett. "Sie müssen sich ja auf das wichtige Spiel gegen Schalke vorbereiten", rief Hoeneß ihnen zu.
Ganz direkt und entschlossen hatte Hoeneß zuvor das Wort an Schweinsteiger gerichtet: "Für den ganzen Verein ist es unglaublich wichtig, dass du bei Bayern München bleibst." Die Fans, die Schweinsteiger vor einem Jahr noch mit Pfiffen bedacht hatten, folgten ihrem Präsidenten und applaudierten heftig - und erhoben sich sogar von ihren Stühlen. Die Nachricht dürfte angekommen sein.
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Ob das Glaubensbekenntnis an Uli H. ernst gemeint war (dann dürfte man wohl im bayerisch geprägten Land von Blasphemie sprechen) oder ob es nur ein Gag war. Eines ist sehr interessant zu beobachten: Uli H. poltert nicht mehr; aber Uli H. scheint viel stärker den FCB im Griff zu haben als Franz B.
Hängt es damit zusammen, dass eine Philosophie des FCB in diesem Jahr nicht aufzugehen scheint: nämlich besser dazustehen als Mainz und Dortmund. Und was jedes FCB-Seele auf die Palme bringen müsste: die beiden Vereine spielen erstens mit jungen Spielern und zweitens sehr schönen Fußball.
Wenn der FCB-Trainer laut Bild darum "betet" das der BVB in der Europaliga weiterkommt, weil ihm dann in der Rückrunde die Puste ausgeht, zeigt es eindeutig: in dieser Saison gibt es weder den FCB-Dusel noch lassen sich die anderen Vereine vom dem Getöse aus München beeindrucken. Es spricht für Mainz und für Dortmund; der Versuch vom Holländer in München spricht gegen ihn und gegen den FCB.
Noch ein Hinweis:
Kaum ein Verein macht seinen Verein so sehr von einem Spieler abhängig. Was wäre aus Bayern geworden, wenn er in der letzten Saison Robben nicht gehabt hätte? Und schon setzt man den Focus wieder auf Schweinsteiger.