Hansjörg Kofink im Interview "Es hat sich im Grunde gar nichts geändert"

Der Diskuswerfer Klaus-Peter Hennig (Foto von 1972) hat mittlerweile eingeräumt, mit Substanzen betrogen zu haben.

(Foto: Horstmüller/imago)
  • Eine wissenschaftliche Arbeit mit den Aussagen von 31 ehemaligen westdeutschen Leichtathleten belegt die Vorwürfe des früheren Bundestrainers Hansjörg Kofink, der 1972 aus Protest zurücktrat.
  • In der SZ berichtet Kofink, wie das System die Sportler noch heute zum Betrug ermuntert - und warum die aktuelle Dopingdebatte scheinheilig ist.
  • Lesen Sie das gesamte Interview mit SZ Plus.
Von Johannes Knuth

Von seinem größten sportlichen Tiefschlag erfuhr der damalige Kugelstoß-Bundestrainer Hansjörg Kofink aus der Zeitung. Es war vor den Spielen 1972 in München, Olympia daheim ein Lebenstraum, Kofink trainierte drei deutsche Kugelstoßerinnen. Sie schafften alle die Qualifikation, undgedopt in hochanabolen Sportzeiten. Aber sie wurden nicht nominiert. "Der Abstand zur Weltspitze war dem DLV zu groß", erinnert sich Kofink heute; westdeutsche Funktionäre wollten nicht, dass saubere deutsche Frauen hinter der Konkurrenz aus dem Osten landeten. Kofink und seine Kugelstoßerinnen waren draußen, weil sie ehrlich waren.

Kurz darauf trat er von seinem Traineramt im Deutschen Leichtathletik-Verband zurück. Kofinks Geschichte ist die eines Ausgestoßenen, die bis heute aktuell ist. Auch, weil 31 ehemalige westdeutsche Leichtathleten jetzt in einer Doktorarbeit des Pharmazeuten Simon Krivec zugaben, just in jener Zeit jahrelang mit Anabolika gedopt zu haben. Um irgendwie mit der verseuchten Weltspitze mithalten zu können. Die meisten blieben anonym, wenige stehen öffentlich dazu, die ehemaligen Diskuswerfer Alwin Wagner und Klaus-Peter Hennig etwa.

Hansjörg Kofink, 80, ist seit Jahrzehnten Vorreiter im Anti-Doping-Kampf. Zwischen 1979 und 1989 stand er dem Deutschen Sportlehrerverband vor. 2009 erhielt Kofink die Heidi-Krieger-Medaille der Doping-Opfer-Hilfe.

(Foto: imago sportfotodienst)

Die Arbeit stützt letztlich das, worauf Kofink seit seinem Rücktritt 1972 hinweist, als Gewissen der deutschen Leichtathletik: Dass auch im Westen geschluckt, gespritzt und verschleiert wurde. "Belege gab es viele", Geständnisse, Berichte, Gutachten, sagt Kofink im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. Und, mit Blick auf die Beweggründe: "Es hat sich im Grunde gar nichts geändert", bis heute.

Ermunterung zum Doping?

Damals, sagt Kofink, seien die Athleten oft ins Doping gerutscht, "über Verletzungen, die Leistungen der Weltspitze, oder weil der DLV seine eigenen Qualifikationsnormen verschärfte". Heute seien dieselben Pfeiler noch tief in den Boden des Spitzensports geschlagen. Weil das Innenministerium um Thomas de Mazière 30 Prozent mehr Medaillen fürs investierte Geld fordere, was in manchen Disziplinen fast einer Ermunterung zum Dopen gleichkommt. Und weil der DLV wieder strengere Zulassungen für die WM in London eingerichtet hat. "Was ist das für ein trübseliges Leben, wenn Leute sich jahrelang auf solche Großereignisse vorbereiten und dann im letzten Moment aus dem Aufgebot genommen werden, weil sie die Norm des DLV nicht erfüllen?", sagt Kofink: "Das ist so abschreckend."

Um in die Zukunft blicken zu können, hofft der 80 Jahre alte ehemalige Sportlehrer auch, dass weitere Sportler von einst aus dem Schatten rücken. "Das wäre schon wichtig, damit auch kommende Generationen noch Freude am Spitzensport haben." An einem Sport, der seine Vergangenheit aufarbeitet, transparent. "Es kann doch nicht sein", sagt Kofink, "dass fast alle Wurf-Weltrekorde der Frauen aus den 80er-Jahren stammen, aus einem ganz bestimmten Teil in Mitteleuropa. Weil die Sonneneinstrahlung so gut war?"

Warum Kofink deutschen Funktionären in der jüngsten Debatte Scheinheiligkeit unterstellt und weshalb er sich für den Spitzensport insgesamt kaum Hoffnung macht, lesen Sie im großen Interview mit SZ-Plus.

"Was für ein trübseliges Leben"

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