Hannover 0:2 - Warten auf ein Weltwunder

Nach der 0:2-Heimniederlage ist die Lage in Hannover hoffnungslos. Selbst FC-Torschütze Bittencourt hat Mitleid.

Von Filippo Cataldo, Hannover/München

Da stand er nun, der Held des Nachmittags, und wollte unbedingt noch etwas Mutmachendes loswerden. Eben hatte Leonardo Bittencourt noch breit grinsend von seiner besonderen Jubelgeste erzählt, einem mit den Händen geformten Schmetterling, ein Gruß an seine Cousins in Brasilien. Zweimal hatte Bittencourt, 22, an diesem Nachmittag in Hannover seine Hände zum Schmetterling geformt, er hatte wirklich fast im Alleingang das 2:0 des 1. FC Köln besorgt. Viel mehr Chancen hatte Köln nämlich nicht gehabt in diesem "Katastrophenspiel", wie Kölns Manager Jörg Schmadtke den Kick recht treffend beschrieb.

Bittencourt überlegte also kurz, dann sagte er: "Der Verein gehört in die erste Liga, ich drücke beide Daumen, dass sie es schaffen. Sie brauchen ein kleines Wunder, aber ich hoffe, dass wir sie nächste Saison wiedersehen." Sie, damit meinte Bittencourt die Spieler von Hannover 96, die bis zum Sommer seine Teamkollegen gewesen waren. Und "kleines Wunder" war wirklich das Netteste, was er sagen konnte.

Hannover braucht nach der elften Heimniederlage der Saison, der sechsten hintereinander und der insgesamt achten Pleite im neunten Spiel unter Trainer Thomas Schaaf, kein kleines Wunder mehr, um den Klassenerhalt doch noch zu schaffen. Sondern eher acht aus der Kategorie Weltwunder.

Christian Schulz flüchtet sich in Zweckoptimismus: "Solange der Klassenerhalt rechnerisch noch möglich ist, ist es unsere Aufgabe, daran zu glauben."

(Foto: Stuart Franklin/Getty Images)

Noch nie, noch nie, noch nie: Die Statistik spricht gegen 96

Noch nie in der Geschichte der Bundesliga konnte sich eine Mannschaft, die nach 26 Spielen nur 17 Punkte gesammelt hatte, am Ende noch retten. Mit fünf Heimniederlagen ist zudem noch nie ein neuer Trainer gestartet - und sieben Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz und zehn auf Rang 15 sind ein Brett, das schon für psychologisch stabiler und zuversichtlicher wirkende Mannschaften nur schwer zu durchbrechen zu sein scheint.

Zuversichtlich wirkte nach dieser Niederlage gegen Köln kein Hannoveraner. Nicht die Fans, die angesichts der Tabellensituation sogar recht zaghaft pfiffen und es vorzogen, das Stadion so schnell wie möglich zu verlassen. Nicht die Spieler um Kapitän Christian Schulz und Torhüter Ron-Robert Zieler. "In der zweiten Halbzeit kannst du nicht mehr von Leistung sprechen. Solange der Klassenerhalt rechnerisch noch möglich ist, ist es unsere Aufgabe, daran zu glauben. Aber es fällt ein bisschen schwer", sagte Schulz. "Das ist brutal schwer, auch für den Kopf. Wir werden weiter arbeiten, aber wir brauchen ein Wunder, das ist klar", sagte Zieler.

Redebedarf: Mit etwas Abstand diskutieren einige Spieler nach Schlusspfiff mit den Fans.

(Foto: Stuart Franklin/Getty Images)

Etwas mehr als 90 Minuten vorher waren die Hannoveraner gar nicht mal so schlecht ins Spiel gekommen. Salif Sané (6.), Kenan Karaman (13.) und vor allem zweimal Stürmer Adam Szalai (26., 30.) hatten genügend Gelegenheiten, den Tabellenletzten in Führung zu schießen gegen arg abwartende Kölner. Wer Hannover in der ersten halben Stunde so spielen sah, hatte jedenfalls nicht das Gefühl, dass da eine Mannschaft zugange war, die gerade dabei ist, sich selbst abzuschaffen in der Bundesliga. Hannover spielte geduldig und gefällig, Köln reagierte nur und wartete auf bessere Zeiten oder wenigstens eine geniale Idee.

Zwei Stiche mitten ins Herz vom Ex genügten

Die hatte dann in der 44. Minute Marcel Risse, als er beim ersten geplanten Angriff der Kölner, einem Konter, den Ball im Strafraum querlegte und so das erste Tor der Marke "Ausgerechnet" vorlegte. Zwei Jahre hatte Bittencourt in Hannover gespielt, der Verein hat ihn dann aber für kleines Geld (2,5 Millionen Euro) nach Köln geschickt. Bittencourt war den damals in Hannover Verantwortlichen nicht torgefährlich genug gewesen. Nun gut, in der zweiten Halbzeit tänzelte sich Bittencourt durch die Abwehr und erzielte mit einem Schlenzer sein drittes Saisontor (61.). Zwei Stiche mitten ins Herz vom Ex genügten, um Köln alle Abstiegssorgen und Hannover fast alle Hoffnung zu nehmen.

Schema & Statistik

Alle Daten und Fakten zum Spiel stehen hier.

Während Kölns Trainer Peter Stöger hoffen konnte, dass bei Bittencourt nun "der Knoten vielleicht geplatzt" ist, mussten sein Gegenüber Thomas Schaaf und Hannovers Sportchef Martin Bader wieder einmal ganz tief in die Sprüchekiste mit Durchhalteparolen greifen. "Resignieren und aufgeben kenne ich nicht. Es tut mir einfach leid, dass wir im Moment nicht mehr liefern können und es einfach nicht auf die Reihe kriegen", sagte Schaaf. Und Bader? Stellte sich hinter den Trainer ("Thomas ist natürlich nicht gescheitert") und versuchte sogar noch zu erklären, wie es doch noch klappen könnte mit dem Klassenerhalt: "Thomas weiß dank seiner Erfahrung, wie aus ausweglosen Situationen doch ein Ausweg gefunden werden kann. Daran arbeiten wir."