Hannover 96 Hannovers kuriose Shopping-Tour

Kein Grund zu guter Laune. Thomas Schaaf hat 30 Mann im Kader, weiß aber trotzdem nicht, welchen Spielern er den Abstiegskampf zutrauen kann.

(Foto: Roberto Pfeil/AFP)
  • Hannover hat nach der Winterpause 30 Spieler im Kader - auch, weil sie manche nicht mehr loswurden.
  • Trainer Schaff muss jetzt die richtigen Profis um sich scharen, denen er körperlich und nervlich den Abstiegskampf zutraut.
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Von Jörg Marwedel

Martin Bader, der neue Geschäftsführer des Fußball-Bundesligisten Hannover 96, spart auch unangenehme Inhalte nicht aus. "Wir dürfen das Thema zweite Liga nicht ausklammern", hat er in diesen Tagen gesagt. Das kennt er ja schon von seinem früheren Arbeitgeber 1. FC Nürnberg. Nach zwei Rückrunden-Niederlagen und inzwischen sieben Punkten Rückstand zum 15. Tabellenplatz ist das ein Stück Realismus, das zumindest nicht schädlich ist. Die Euphorie bei den Fans nach der Verpflichtung des früheren Bremer Meistertrainers Thomas Schaaf Ende Dezember ist vor dem Heimspiel gegen Mainz 05 am Samstag längst abgeebbt. Der Coach ist nun dabei, die richtigen Profis um sich zu scharen, denen er körperlich und nervlich den Abstiegskampf zutraut.

Im Kader tummeln sich inzwischen 30 Spieler, aber das ist nicht nur wegen der minderen Qualität eher ein Handicap als ein Vorteil. Zwar hat Hannover 96 auch sechs Profis abgegeben, aber eigentlich sollte eine weitere Handvoll im Winter verscherbelt oder verliehen werden. Aber keiner wollte sie. Und wer von den in der Winterpause geholten sechs Neuen das Team auf ein besseres Niveau bringen kann, deutet sich nur an.

Bisher sind es allein die Stürmer Hugo Almeida und Adam Szalai. Am Montag kam der letzte mögliche Helfer Alexander Milosevic aus Istanbul angeflogen, im Flugzeug nach Istanbul wiederum saß der bisherige Innenverteidiger Marcelo: Es ist ein Tausch mit Besiktas, bei dem 96 sogar ein Geschäft macht: Während der 24 Jahre alte Schwede mit serbischen Wurzeln vorerst nur ausgeliehen ist, kassiert Hannover zwei Millionen Euro für Marcelo, der unbedingt weg wollte.

Kann ein Spieler ohne Spielpraxis Hannover sofort helfen?

Dass Milosevic, der schon zwei Beinbrüche hinter sich hat und 2015 nur zweimal für Besiktas auflief, sofort eine Verstärkung ist, kann man Schaaf nur wünschen. Ob das so realistisch ist, wie Schaaf sich gerne sieht? Zwar beobachtet der Coach Milosevic schon seit Jahren, und der sagte bei seiner Vorstellung, auch wegen Schaaf sei er nach Hannover gekommen. Aber kann ein Spieler ohne Spielpraxis sofort besser sein als der - in dieser Saison tatsächlich sehr unkonzentrierte - Marcelo? Auch davon hängt ab, ob Hannover 96 den Abstieg nach 14 Jahren Bundesliga-Zugehörigkeit noch verhindern kann.

Die anderen Neuen scheinen schon eher Spieler für einen Neuaufbau zu sein als sofortige Stützen. Stürmer Marius Wolf, 20, vom TSV 1860 München hat sich zudem sofort mit einem Muskelriss abgemeldet, der für 1,5 Millionen Euro erworbene Japaner Hotaru Yamaguchi hatte beim 0:3 in Leverkusen keinen guten Einstand. Und der teuerste Zugang, der 19 Jahre alte Iver Fossum, gekauft für zwei Millionen Euro vom norwegischen Erstligisten Strömsgodset IF, hat zwar gute Anlagen im Aufbauspiel, wirkt aber noch nicht bundesligatauglich. Weil er aber einen Vertrag bis 2020 besitzt, hat er ja - im Gegensatz zum Klub - noch etwas Zeit.

Manche Spieler werden zum U23-Training abgeschoben

Schaaf will nun "genau hinsehen", wer mit der schwierigen Situation am besten umgehen kann. Seine Fragen lauten: "Wer verfolgt die Richtung, die wir aufgenommen haben?" Und wer könnte "Impulse setzen"? Letzteres wohl am ehesten Hiroski Kiyotake, der die neuen Stürmer Almeida und Szalai besser einsetzen könnte als die anderen Kollegen. Noch hat der Japaner aber nach seinem Haarriss am Fuß einen Trainingsrückstand. Und wenn die ebenfalls noch maladen Andreasen, Benschop, Sorg, Klaus und Königsmann zurückkehren, werden wohl diejenigen, die Schaaf am wenigsten überzeugen, zum U23-Training abgeschoben.

Läuft es für Bader und seinen Sportlichen Leiter Christian Möckel blöd, könnte bei ihren Wintergeschäften nicht viel mehr herauskommen als beim gescheiterten Vorgänger Dirk Dufner im Sommer. Doch vorerst haben beide noch die Unterstützung des Präsidenten Martin Kind.

Auch der hat übrigens schon über die zweite Liga gesprochen. Der Abstieg sei zwei ein großer Schaden mit erheblichen Einbußen, sagte er, aber wirtschaftlich sei er nicht mit einer "existenziellen Zäsur" verbunden. Eines aber hat Thomas Schaaf schon mitbekommen: So viele Fehler, wie sie 96 in den vergangenen zwei Jahren gemacht hat, können nicht in ein paar Wochen ausgebügelt werden.